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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:22

Kennzeichen T - 29.01.2011

29.01.2011

Frauentausch mit Guido Westerwelle

Jetzt hat also auch Italien seinen Fleischskandal. Aber wie in allen Fragen der Lebenskunst und Sinnenfreude geht es dort weitaus raffinierter zu als in unseren klopsigen Gefilden. Schmiermittel ins Futter – etwas derart tumb Teutonisches käme dem Arkadier romanischer Provenienz niemals in den Sinn. Nein, der Italiener hält seine Wurst sauber; bei ihm ist das Ferkel der Täter.

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Berlusconi heißt das hinlänglich bekannte Schweinchen – und das hat sich selbst für cisalpinen Geschmack ein bisschen zu oft an Frischfleisch delektiert. Man hätte es ja gar nicht mehr für möglich gehalten, aber auch im Land des Po ist der Bogen irgendwann überspannt. Ich mag mich irren, aber ich glaube, wir können Berlusconi gratulieren – und ich meine das ohne jede Ironie oder Missgunst. Er hat es nun scheinbar doch noch geschafft. Seit sage und schreibe siebzehn Jahren tut er alles, um seine Landsleute zu provozieren; mit seinem Kerbholz wäre er hierzulande nicht mal mehr bei der CSU was geworden.

 

Es muss unglaublich zermürbend für ihn gewesen sein. Ich stell’ mir Berlusconis Situation mit dem italienischen Volk ungefähr so vor, wie die eines Pubertierenden mit 68er-Eltern: Er kommt morgens um vier Uhr nachhause, nackt bis aufs Intimpiercing, im Mundwinkel eine Crackzigarette, geht ins elterliche Wohnzimmer, dreht die Stereoanlage voll auf - Orgasmatron von Motörhead -, und treibt es dann auf dem grade angeschafften Wildledersofa mit seiner neuen Freundin namens Waldi – und die Mutter kommt rein und fragt, ob sie Kakao und Kekse wollen.

 

Und das fast zwei Jahrzehnte lang! Rein psychologisch betrachtet ist der Mann ein Titan, dass er das durchgehalten hat. Umso mehr gönnt man ihm jetzt seinen Erfolg. Diesmal lag er richtig: Die Geographie Italiens mag die Umrisse des Schuhwerks einer sittlich fragwürdigen Berufsgruppe aufweisen, bei Minderjährigen hört der Spaß auf; zumal in Mailand, wo alle käuflichen Siebzehnjährigen der Modeszene gehören.

 

Ausgerechnet dort hat Berlusconi sein Decamerone veranstaltet, im reichen Norden, der alles versucht, um sich vom Schmutz des armen Südens abzusetzen, dem Müll von Neapel, der Mafia von Palermo, den Flüchtlingen von  Lampedusa. Und jetzt womöglich auch noch der Teenager-Sex von Mailand – nein danke! Porca miseria! Es reicht den Norditalienern, dass sie den Vatikan in ihrem Land haben.

 

Uns stellt sich da natürlich sogleich die Frage: Wenn sie ihrem lombardischen Vulkan nicht mehr die Stange halten möchten, wohin wird der Priapus sein Testosteron-Päckchen schleppen? In Saudi-Arabien wird’s langsam voll, jetzt wo Mubarak auch noch vor der Tür steht. Und in einem orthodox islamischen Land könnte man sich Mr. Lova-lova sowieso nur schwer vorstellen: Frauen mit Ganzkörper-Gardinen und Berlusconi – ich bitte Sie! Ich höre die Dialoge schon: »Aishe, wasse solle diese Maskerade, eh? Nimme die Vorhang weg und danne fare l’amore!«

 

Nein, Berlusconi muss in ein Land, wo man ihn versteht. Und das gibt es sogar in der EU: Ein Land, in dem die Menschen ebenfalls gegen jede Vernunft einen Mann gewählt haben, der zwei Jahrzehnte lang alles getan hat, um sich unmöglich zu machen, dessen sexuelle Vorlieben auch lange Zeit ein Thema in den Medien waren, und der – und das ist das Wichtigste – seit einem Jahr als der führende Experte auf dem Gebiet gilt, das Berlusconi wie kein Zweiter vertritt: die spätrömische Dekadenz.

 

Die Lösung liegt auf der Hand – Frauentausch mit Guido Westerwelle. Westerwelle geht nach Rom, Berlusconi nach Berlin. Ergebnis: In Italien ein freier Demokrat, der die Bürger wenigstens nicht mit Weibergeschichten nervt; und bei uns, wenn schon kein Demokrat, so doch wenigstens ein Freier. Und eine Weibergeschichte würde die Koalition für Silvio allemal werden.


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