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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:24

Kennzeichen T - 09.04.2011

09.04.2011

MC Sarkozy featuring Mussa Kussa

Lebten sie noch, Andy Warhol, Nietzsche und Wilhelm Heinrich Wackenroder, so würden sie dieser Tage das ein oder andere Gläschen Lakritzlikör heben und einen ästhetizistischen Toast ins Firmament jauchzen: Die Kunst!, die Kunst!, die kleine Schwester des Geldes, die Mutter der Erkenntnis und die Großkusine der Religion, die Kunst triumphiert!

 

Eine Kolumne von MATHIAS TRETTER

 

Wenn auch vorerst nur auf kleinen Inseln am Rande unserer Hemisphäre: In Reykjavik wurde jüngst ein Comedian Bürgermeister, und jetzt hat Haiti, schon immer ein Sehnsuchtseiland für dionysisch darbende Sachbearbeiterinnen, deren Schreibtisch irgendwo zwischen Präraffaelismus und Callanetics verstaubt, jetzt hat Haiti einen Schlagerfuzzi zum Präsidenten gekürt.

 

Michel Martelly heißt der Kreolenheino – und er hat alles, was Guido Westerwelle nicht hat: Crack geraucht, Frauen geschwängert und ein Land, das ihn liebt. Außerdem kriegt er von der internationalen Gemeinschaft 10 Milliarden Dollar, damit er seinen Trümmerhaufen wieder flott macht. Ich möchte ihm ja nichts unterstellen, aber, hey maaan!, davon lässt sich ein ordentlicher Sack Dope kaufen. Und das ist gar nicht zynisch gemeint. Ist es nicht viel humaner, Hilfsgelder zu verkiffen, als sie auf einem Schweizer Konto zu horten?

 

Wie friedlich wären all die Schlächter gewesen, wenn sie von der Entwicklungshilfe erstmal amtlich einen durchgezogen hätten? Robert Mugabe, der Affenbrotbäume umarmt. Charles Taylor malt Mandalas aus den Farben, die er riecht, und Idi Amin tanzt seine weibliche Seite. Millionen Afrikaner wären niemals dahingemetzelt worden, sondern in einem Gemeinwesen ohne Terror, Willkür und Gewalt total relaxt - verhungert.

 

Aber dieser Michel Martelly kann nicht nur Drogen nehmen; er bereitet großen Teilen seines gebeutelten Volkes auch Freude mit seinem Gesang. Und damit ist Haiti möglicherweise eine der momentan fortschrittlichsten Demokratien der Welt. Die Haitianer und die Isländer haben als erste die Konsequenz gezogen: Nachdem sich die überwältigende Mehrheit sowieso nicht mehr für politische Prozesse interessiert, und andererseits die Handlungsoptionen der Politik immer kleiner werden, bis sie irgendwann ganz verschwinden – ist es da nicht auch sinnvoller, Leute damit zu beauftragen, die zumindest eine gute Show abliefern? Und ich meine nicht etwa Schauspieler, die Präsidenten mimen, wie Ronald Reagan; oder sich plötzlich staatstragend gebende Dramatiker, wie Vaclav Havel – zum Schnarchen! Nein, Künstler, die auch im Amt Künstler bleiben. Jemand, der auch mal einen Fernseher aus dem Botschaftsschlafzimmer wirft. Zugegeben, das wäre Gaddafi auch zuzutrauen – wenn er denn in gemauerten Zimmern übernachtete.

 

Dessen Stelle wird ja bald frei, wie einige andere in Afrika. Wenns um die Nachfolge geht, hat der Westen klare Bedürfnisse: Afrikanische Länder brauchen Staatsoberhäupter, die keine Flüchtlinge schaffen und die Geschäfte nicht stören. Popstars wären also ideal. Madonna, zum Beispiel. Die mischt dort unten ja schon mit: Sie kauft sich ab und zu ein afrikanisches Kind - das kann schon mal nicht mehr nach Europa abhauen.

 

Nein, die Chancen für den Pop stehen gar nicht schlecht. Immerhin ist auch Nicolas Sarkozy in Afrika am Werk; neben dem gescheiterten Erotikdarsteller Silvio Berlusconi der einzige unter den europäischen Staatschefs, der Showbiz in den Adern hat. Er sucht für Libyen und für die Elfenbeinküste zwei neue Hampelmänner. Aus Tripolis ist grade der Außenminister abgehauen – und der hat zumindest schon mal den Namen eines Gangsta-Rappers aus der Banlieue: Mussa Kussa. Yo! Das wäre doch ein Anfang: MC Sarkozy featuring Mussa Kussa – NATO is in da house! Da muss Rap rein. Lib Hop. Gaddafi hälts ja grade eher mit Phil Collins: I can feel it coming in the air tonight. Oh Lord …

 

Und an der Cote d’Ivoire? Nun ja, dort wird’s gehen, wie es seit Jahrzehnten in Afrika geht. Eine sadistische Pappnase folgt der anderen. Nur die Zeitabstände werden kürzer. Auch das ist dann irgendwann Pop: Fünfzehn Minuten Ruhm. Und noch ein Gläschen für Andy …

 

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