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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:25

Osama bin Laden ist tot und Angela Merkel freut sich darüber

09.05.2011

Symbol-Politik

In der rechten usamerikanischen Western-Mythologie ist der Apachenhäuptling Geronimo (1829/1909) einer der großen (unvergessenen) Feinde des »Weißen Mannes«. Sein Name allein & dessen Erwähnung reichte in manchen Western schon, um den äußersten Schrecken zu assoziieren. So soll er sogar den Vereinigten Staaten den Krieg erklärt haben - wie mehr als hundert Jahre später der Saudi Osama bin Laden.

 

Eine Kolumne von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Es lag nahe, dass der Texaner, der an der Spitze der USA stand, als die Selbstmordkommandos, die Osama bin Laden am 9.11.02 ausgeschickt hatte, um der einzigen verbliebenen Weltmacht durch einen spektakulären Massenmord tiefer zu demütigen, als es selbst der japanische Überfall auf Pearl Harbor vermochte hatte, von Bush jr. im internen Gebrauch den Hassnamen »Geronimo« erhielt. Der Spitz-Name des »Staatsfeinds Nr.1« (auch ein Titel, der in der Zeit der Gangsterkriege der Zwanziger Jahre en vogue war) ließ sich leichter aussprechen; vielleicht aber hatte man im Weißen Haus ebensoviel mythische Scheu wie ohnmächtige Wut, den saudiarabischen »Teufel« bei seinem Geburtsnamen zu nennen. Mit »Geronimo« aber wusste man, woran man mit dem Feind war: in einem Western, der auf ein Show-down zulaufen sollte.

 

Soweit ich weiß, erfuhr die staunende Welt erst jetzt - nachdem »Geronimo« erlegt worden war -, dass Präsident Barack Obama, der den Befehl zum finalen Schuss gab, bin Ladens namentliche Umwidmung durch seinen Vorgänger beibehalten hatte. Schon regen sich deutsche Indianer-Kenner, die´s natürlich wieder besser wissen, über die falschen Assoziationen mit dem edlen Wilden auf.

 

Die aus einem protestantischen Pfarrhaus stammende Physikerin & Bundeskanzlerin Merkel hatte sich »darüber gefreut, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten«. Sprachsensibel war die Politikerin noch nie; sie hat von Helmut Kohl, den sie allein einst zu Fall brachte, dessen quallige Ausdrucksweise übernommen, die in diesem Fall aber recht präzise ein ebenso weit verbreitetes wie verstehbares Bedürfnis der Erleichterung darüber benannte, dass den »Massenmörder mit den sanften Augen« der Teufel geholt hatte, wenn auch in der Erscheinung einer US-Spezialeinheit mit Tötungsbefehl.

 

Die Empörung über Merkels undiplomatische Spontaneität war unter deutschen Bedenkenträgern sogleich Anlass für moralistische Gardinenpredigten, die bei der Bundeskanzlerin jene heuchelnde Humanität verurteilten, die sie für sich reklamierten, indem sie dekretierten, in keinem Fall dürfe man sich über den gewaltsamen Tod eines Menschen freuen. Das Auftreten sauertöpfischer deutscher Knigges passt gut zum Bild einer Nation, die ihre einstige »Unfähigkeit zur Trauer« über den Verlust ihres Führers heute noch im Verbot der Freude über den Tod eines vergleichbaren menschlichen Scheusals fortsetzt.

 

Den Vogel der Heucheleien schoss Alois Glück ab. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken erklärte: »Wir sind aus guten Gründen gegen die Todesstrafe« - was ja, denke ich, nicht immer & überall bei Katholiken communis opinio ist. Aber, fährt Glück fort, der christliche Glaube kenne keine Freude über den Tod eines Menschen. Jedoch »Osama bin Laden war ein Topterrorist, der viel Hass in die Welt gebracht und unvorstellbar viele Menschen auf dem Gewissen hat. Dass er als Leitfigur für das internationale Terrornetz nicht mehr in Frage kommt, erfüllt mich schon mit Freude und Genugtuung«. Wenn das nicht »katholisch« ist!

 

Der Obmann der Grünen im Verteidigungsausschuss, Omid Nouripour, findet Merkels Äußerung »bizarr« & meint, eine »Gefangennahme des Terroristenchefs wäre besser gewesen, um ihn in den USA vor Gericht zu stellen«, wo »die gerechte Strafe die Todesstrafe gewesen wäre«. Wenn das nicht auch bizarr ist!

 

Wäre es dann aber nicht am besten gewesen, wenn sich Osama bin Laden freiwillig dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt und dessen Urteil abgewartet hätte? Selbstverständlich ist der usamerikanische Überfall auf das Haus & die Tötung bin Ladens ebenso wenig »rechtmäßig« wie die Entführung seiner Leiche & deren Beisetzung im Indischen Ozean. Das war Adolf Eichmanns Entführung aus Argentinien durch den israelischen Geheimdienst auch nicht. Die Israelis hatten ein politisches & moralisches Interesse, einen der Hauptverbrecher des Holocaust lebend der Welt zu präsentieren.

 

Die USA hatten dieses Interesse an dem »Schreibtischtäter« Osama bin Laden nicht, der sich des Massenmords 9/11 rühmte. Es ging den USA nur darum, die im Verborgenen existente Symbolfigur des internationalen Terrorismus ausfindig zu machen & physisch zu vernichten, um sich ihm auch symbolisch überlegen zu zeigen. Dass der amerikanische Präsident wenige Tage nach der Exekution bin Ladens am Ort von dessen infamsten Verbrechen, am Ground Zero, erscheint und einen Kranz niederlegt, folgt gewiss einem innenpolitischen Kalkül. Zugleich aber ist auch das große Symbol-Politik. Obama stellt damit seinen Exekutionsbefehl unter den Schutzschirm des Verlangens der Opfer nach Sühne des Schuldigen. Siehe: Was wir in Pakistan getan haben, geschah um euretwillen. Da soll damit gesagt sein. Und dass der Mann, der den Auftrag gab, Osama bin Laden zu erschießen, sich mit den Männern trifft, die seinen Tötungs-Befehl ausgeführt haben, signalisiert, dass er sich mit ihnen & ihrer Tat identifiziert.

 

Bislang ist es in jeder Hinsicht klug von Barack Obama, kein Bilddokument von der Exekutionshandlung, der Leiche oder deren Bestattung öffentlich zu machen. Es bedarf des optischen Beweises nicht, dass Osama bin Laden tot ist. Es wäre einzig ein voyeuristischer Akt des Ekels & des Entsetzens - frei verfügbar für Triumph oder Propaganda. Nichts sollte von dem massenmörderischen Auftraggeber nach & mit seinem Tod mehr sichtbar sein - wie das Nichts, in dem die über 3000 Opfer von 9/11 verschwunden sind. Ein Bild von dem toten Osama bin Laden ließ den Täter noch immer über seine bilderlosen toten Opfer triumphieren.


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