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Der FUTTERblog - streng verdaulich!

17.08.2011

Wo sind all die Ökos hin, wo sind sie geblieben?

Ist Ihnen schon mal auf gefallen, dass es gar keine Ökos mehr gibt? Ist doch komisch: Die Deutschen haben noch nie soviel Bio gegessen, noch nie soviel über Atomkraft, Nachhaltigkeit und Klimaschutz geredet wie heute, aber trotzdem sieht man selbst im schrulligsten Naturkostladen keine Ökos mehr. Es ist jetzt nicht so, dass ich Sie irgendwie vermisse. Bei aller Liebe zur Umwelt, aber unter ästhetischen Gesichtspunkten waren die Ökos der 80er eine echte Zumutung.

 

Eine Kolumne von PHILIPP WEBER

 

Das waren Wesen: halb Mensch, halb Mostapfel! Mit Latzhose, Birkenstock-Schuhen, grünteegegerbten Zähnen und einem Bart, vor dem sich selbst die Filzläuse ekelten … Traf man so einen Typen, hat man gar nicht gewusst: Wo hört der Garten auf, wo fängt der Öko an?

 

Heute treiben sich andere Leute in den Biosupermärkten rum, zum Beispiel die sogenannten »LOHAs«. LOHA ist die Abkürzung für »Life of Health and Sustainability«, also übersetzt: »Leben der Gesundheit und des, äh…?« Schlagen Sie es bitte selbst im Wörterbuch nach. Was sich schon mal sagen lässt: LOHAS sehen einfach vollkommen anders aus: Sie kleiden sich schick und sexy. Der Öko-Fummel von damals war ja durch den betont sinnenfeindlichen Stil oft auch ein feministisches Statement. Eine LOHAsianerin aber darf rumlaufen wie eine Schlampe. Hauptsache, der Tanga ist aus Biobaumwolle! Der Öko von früher wollte immer aufs Land ziehen. Ein Loha aber ist überzeugter Großstädter, liebt zwar die Natur, aber eher aus der Distanz. Und kann einen Nadelbaum nur von einem Laubbaum unterscheiden, wenn Christbaumkugeln dran hängen. Trotzdem schnallt er sich regelmäßig sein Trekkingrad aufs Auto und fährt in die Berge. Er könnte auch öffentliche Verkehrmittel nehmen, aber er hat ja ein Hybridauto. Und was das Essen anbelangt: keine Tofuschnitzel aus eigenem Anbau, sondern ein saftiges, neuseeländisches Bio-Lamm! Man kann sagen, der LOHA ist ein vollkommener Genussmensch.

 

Der orthodoxe Öko war ein Asket und hat meistens gar kein Fleisch gegessen, sondern gefastet und mehr noch: Sein Vollkornbrei war eine Geißel, mit der er seinen Darm zur Reinigung von der Leidenschaft des Konsums züchtigte. Er übte Buße an Mutter Natur, indem er grob gewebte Lammfellwesten trug, die so kratzig gewesen sind, dass sie selbst Ötzi die Haut vom Körper geschabt hätten. Ein Öko predigte Verzicht. Der Neo-Öko will mit Verzicht nichts zu tun haben und stolzes Mitglied der Konsumgesellschaft sein, ohne den Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Genuss aufzuheben. Ein LOHA sagt: »Nehmt Koks, achtet aber bitte beim Kauf auf regionale Produkte aus fairem Anbau.«

 

Für diesen Lebensstil gibt es heute schon ganz neue ökologische Dienstleistungen, zum Beispiel die Klimakompensation. Fliegt man in den Urlaub, produziert man ordentlich Treibhausgase. Und das trübt natürlich die Freude am Reisen. Deshalb gibt es Firmen, denen zahlt man Geld – pro Flugkilometer und ausgestoßener Tonne CO2. Und diesen finanziellen Betrag spendet das Unternehmen dann zum Ausgleich der Klimasünde an eine Umweltschutzorganisation. Ein Kolumnist von der Times hat vorgeschlagen, man könnte viel für unseren Planeten tun, wenn man dieses Konzept auf die ganzen Zehn Gebote ausweitete. Wer zum Beispiel seine Frau betrügt, muss einen Baum pflanzen. Und ein Personalrat bei VW könnte das Amazonasbecken im Alleingang aufforsten.

 

Wobei viele Kritiker sagen: Jetzt sind die Reichen auch noch die Guten! Früher hat die Unterschicht auch billiges Fleisch gefressen, aber moralisch war der Proletarier der Bourgeoisie immer überlegen. Jetzt wird der Arbeiter vom Lehrer schief angeschaut, weil er sich ein Hormon-Schnitzel aus Massentierhaltung auf den Grill haut. Das Bio-Lamm ist damit eine neue Form kapitalistischer Ausbeutung: Es drückt dem Proletarier auch noch die Schuld an einer zerstörten Umwelt aufs Auge! Neo-Ökos sind keine besseren Menschen – sie können sich ein gutes Gewissen einfach nur leisten!

 

Zugegebenermaßen, dieser Einwand ist natürlich nicht ganz doof. Ich glaube, mittlerweile würde ich mal wieder ganz gerne so einen originalen Öko im Bioladen sehen. Und weniger so Gestalten wie, äh … mich!

 

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