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07.09.2011

Ehret Julius Maggi - ein Hoch auf die Lebensmittelchemie!

Dies ist die größte Maggi-Flasche Europas. Die Bürger von Kronberg im Taunus haben dieses imposante Gebilde als charmante Geste anlässlich meines Gastspiels in ihrer schönen Stadt errichtet. Das Gefäß ist 20 Meter hoch, 5 Meter breit und reicht zum Würzen von 3,4 Milliarden Tellern Suppe. Ich finde, dieses klare Bekenntnis zu dem wohl prominentesten Erzeugnis der deutschen Lebensmittelindustrie mutig und bewundernswert. Denn bei aller berechtigter Skepsis gegenüber künstlich erzeugter Nahrung sollten wir nicht vergessen: Die Lebensmittelchemie hat sich um die Menschheit verdient gemacht.

 

Eine Kolumne von PHILIPP WEBER

 

Visionäre wie Julius Maggi und Justus von Liebig waren nicht nur Meister ihres Fachs, sie waren darüber hinaus auch soziale Pioniere. Ende des 19. Jahrhunderts war die Ernährungslage der Fabrikarbeiter katastrophal. Die Arbeiterinnen fanden nicht mehr genug Zeit zum Kochen, es wurde entweder gar nicht warm gegessen oder der Hunger im Alkohol ertränkt. Mangelerkrankungen, Unterernährung und hohe Kindersterblichkeitsraten waren die Folgen dieser Misere. Erst Justus von Liebigs wasserlöslicher Fleischextrakt ermöglichte es den einfachen Arbeitern, sich eine schnelle, billige, warme und nahrhafte Mahlzeit zuzubereiten. Und ich möchte nicht wissen, wie viele arme Studenten im Examensstress noch heute über ihren Schreibtischen verhungern müssten, gäbe es nicht die schnell überbrühbaren Segnungen eines Julius Maggi, denn dieser schuf mit seinen Würzmitteln auf Basis von Leguminosenmehl erst die Grundlage der modernen Tütensuppe.

 

Aber auch in der Wissenschaft hat sich die deutsche Lebensmittelchemie ihre Lorbeeren verdient. So stattete ein bedeutendes Heilbronner Unternehmen Ende des 18. Jahrhunderts Expeditionen in die Antarktis mit ihren Erzeugnissen aus. Es ist erstaunlich, aber die erste warme Mahlzeit am Nordpol war wohl eine Erbsensuppe aus dem Hause Knorr. Auch heute noch wäre die moderne Raumfahrt ohne Instantnahrung und Fertiggerichte gar nicht möglich. Oder versuchen Sie mal, bei absoluter Schwerelosigkeit einen Pfannkuchen zu wenden.

 

Ich sage es, wie es ist. Die Welt der Lebensmittelchemie ist eine »Welt der Wunder«. Ein befreundeter Lebensmittelchemiker hat mir erklärt: Damit eine Frühstücksflocke nach fünf Minuten Milchbad immer noch crunchy ist (Anmerkung: »crunchy« ist eine Mischung aus »crispy« und »cracky«, aber mehr Richtung »rösch«) und nicht als schleimiger Weizenbrei zerfließt, braucht es einen so immensen Aufwand. Also, rein technisch betrachtet sind die Amis im Jahr 1963 mit weniger Know-how zum Mond geflogen. Man kann sogar sagen: Die Entwicklung eines Landes erkennt man an seinen Frühstücks-Flocken. Nordkorea hat vielleicht die Atombombe, aber bei modernen Weizenflocken hinkt es Meilen hinterher. Zumal die Nordkoreaner dafür natürlich erst einmal Weizen bräuchten …

 

Außerdem will ich ganz ehrlich sein: Wenn ich mal wieder wochenlang auf Tour nur im Restaurant gegessen habe, ich abgefüllt bin mit schweren Bratensäften, Weinschaumsüppchen und edlen Burgundern und der Bauch voll ist mit Soufflé, Haché und Sorbet, dann sehne ich mich einfach nur nach einer Portion Ravioli, die ich lauwarm und glibberig direkt aus der Dose löffele.

 

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