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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:35

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix - Teil XXX

14.10.2011

NEUER ERREGER

...

»Wir reden nicht mehr mit dir«, verkündet Antje in frühkindlicher Verbitterung. Auf ihrem Rucksack steht »Konsequente Kopulation«, vermutlich kennt sie nicht die Bedeutung von konsequent.

»Warum tust du es dann doch?«, fragt Texas uninteressiert. Nicht, dass er Antje begegnen wollte. Das ist ein Unfall auf der Strecke seiner Absichten. Ein Fehler aus Zuneigung insofern, als Texas es nicht lassen kann, im Günthersburgpark sein Fahrrad auf die Weide zu schicken. Das Klobistro nun aus der Ferne, wie lieb es ihm einmal war. Ein nasser Bogen spannt die Bäume ein. An einem Ast hängt ein Hinz. 

 

Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

Gerade hat alles eine »coole Komponente«. Zurzeit ist der Tresen als Arbeitsplatz „das Hinterland der Abfallarbeiter“, Abfallarbeiter ist japanisch. Via unsportlichem Übersteiger tritt Antje den Abfallarbeitern des Abends auf die Füße, sie hechtet zu einem Marker. Eine Aufmerksamkeitsspende hier, da eine Abfuhr, und wenn es dann hart auf hart kommt, ja dann schneuzt man in Norberts Kittelschürze, mit der Zuversicht, ihr willkommen zu sein. - Einer alten Kittelschürze aus dem abgebrannten Versandhaus der Frau Hahn, die einst als bemerkenswerte Person auf der Humboldstraße und nun noch als Wrack in der lukasischen Abdeckstation auf der Rohrbachstraße. Aber immer noch nicht tot und immer noch mit der Zuversicht von Kümmerling & Co, die waren doch auch mal im Versandhandel. Antje hat den Marker erwischt und das Wort vergessen, das eben noch so witzig, um unbedingt auf die Tafel - unter die Angebote der Woche, diese hochgejubelten Restposten, hochstaplerisch angepriesen als Sensationen aus einem italienischen Rodgau. Solche Rodgaus gibt es überall und die Gewerbetreibenden vor Ort sind schon froh, wenn sie mal wieder eine Mark sozusagen in die Hand bekommen. An allen Ecken und Enden des Nordends brüllt das Geld, doch nicht für das alte Betriebsfleisch, mit den Schrottplatzasthmatikern und Freibankfleischfeilbietern und den Spezialisten für Haushaltsauflösungen und vereinzelt auch Professoren ohne Abitur. Das alte Betriebsfleisch ist eine madige Masse, tendenziell übergewichtig, mit einer Vorliebe für nachhaltige Einkaufstaschen. Levée le masse. Das alte Fleisch schleppt sich durch das Viertel, so sexy wie die Ex-Schlampe einer lokalen Größe von gestern, es hält sich selbst kaum aus. Es hat Ideen, T-Shirtideen, so was wie Art & Furunkel und Burger King´s slave slut No. 1 als postironischen Aufdruck, insofern mit Burger die Burg angespielt wird, in die sich die Welt als Gernegroß zurückgezogen hat. In dieser Verwitterung brütet Antje das Ei ihres Seins aus.

»Wie blöd bin ich denn?«, fragt sie. Jetzt hat sie sich so blöd inszeniert mit dem Marker und keiner Idee, was man zum Beweis geistiger Beweglichkeit. Herr hilf, aber der Herr hilft nicht.

 

Fotos: Robert Schuler Fotos: Robert Schuler

Gott will Schnaps. Boris schenkt nach. Um Antje vom Haken ihrer intellektuellen Ungeschicklichkeit zu heben, lenkt Norbert die Aufmerksamkeit seiner InSekte auf ihren Erzfeind, der jederzeit bei Toni aus dem Fenster gucken könnte, was die Sache nicht einfacher macht. Wie soll man mit Toni deshalb umspringen? Immerhin gehört der Mutter ein Haus im Nordend und alles Katholische bis hin zum Papst Prost steht Gewehr bei Höhl´schem Fuß. Ist schon mancher an der katholischen Kirche gescheitert auf nem Haufen. Gescheiter demnach Toni aus der unsektlichen Sekte des Gernegroß nicht direkt zu verbannen. Gute Nachbarschaft hat noch keinem geschadet. Vielleicht im Augenblick guckt Texas bei Toni aus dem Fenster mit so einem Navy Sealspezialglas von Tchibo, durch das man auch noch den letzten Kasten Bier am Rand der soweit bekannten Welt faserscharf grün im Blick hat. Gleichzeitig meldet er sich auf facebook aus Kassel. Ibu checkt das für Norbert als Gottes einsamer Leuchter, alle anderen Techniker haben vor den Narreteien die Flucht ergriffen. Sind auf und davon ins Feinstaub zu einem herzhafteren Prost. Boris verweigert Norbert die gebotene Eilfertigkeit, er bietet dem Herrn seine Stirn. Was soll er auch sagen, zu Texas ganz bestimmt nichts mehr. Italosolber kann das nicht versprechen: »Ich weiß wirklich nicht, ob ich an mich halten kann, wenn ich den zu sehen kriege.«

Italosolber hat sich als notorische Randfigur selbst im Gernegroß resozialisiert. Er soll den Handtaschenklau eingeschränkt haben. Er ist so dicht an Norbert herangerückt, das sich Boris bedrängt fühlt. Für Boris bleibt Italosolber ein falscher Heiland, der sich als polierte Südfrucht auf den Markt wirft. Dem ein oder anderen Crossiecutie kam er dem Vernehmen nach bereits Strauss-Kahn´esk, womöglich mit den Worten: »Ich bin so ein Grímsvötn«. Sofort titelte Spiegel online: »Riesenbeule kündigt weiteren Vulkanausbruch an«.   

 

Soweit es um den Fortpflanzungsbetrieb bestellt ist, sind die Gernecrossies kleine Fruchtzwerge, dabei doch im richtigen Alter zumeist. Früher hätte die alle ein Fürst erledigt, heute bringt noch nicht einmal Gott selbst Gülle zur Fülle. Ein neuer Erreger muss her, zum Glück hat Antje die Stichworte der letzten zehn Minuten verpasst. Sie kniet auf einem Hocker und beschickt die Anlage mit ihrem Telefon. Tanja musste ihr Platz machen, das sieht man Tanja noch an, findet Boris. Soziale Kompetenz in Tonnen, frei Haus und für umme, aber wo bleibt man selbst, in welcher Sackgasse des Wohlverhaltens und des temperierten Ichs? Man schlägt die Beine übereinander, faltet vor den Knien die Hände. Man verspürt Hunger im Anklang der Trinkwörter. Die Älteren wollen füreinander angenehm sein, jetzt, da man so sehr unter sich, abgesehen von Italosolber und natürlich nervt auch Antje und dieses Ostdevote an Agnes möchte man auch nicht. Seit Agnes sich mit Norbert zusammen getan hat, fehlt den Eingeschweißten in ihrer Umnachtung die Kleinigkeit des luftdichten Abschlusses. Für Franziska ist noch zwei, drei lange Jahre bestimmt nicht Schluss mit lustig. Das ist kein Spaß im Tal des vorgezogenen Ruhestands: dieser Rumor der Möglichkeiten. Die Möglichkeiten braucht kein Mensch mehr, der von seinem Pegel erkannt wurde.

 

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