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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:35

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XXXIV

26.11.2011

SO KANN ICH NICHT ARBEITEN - Tanja erzählt weiter

So hält sich Micki am heiligen Stammtisch: den Rumpf konziliant vorgesetzt, so dass Kinn und Knie hochtief eine Linie bilden, die Beine übereinandergeschlagen, den rechten Ellenbogen auf der Madonna seines erhabenen Knies, die Zigarette ragt aus der Hand, der ganze Mann wie frisch vom Föhn, so eifrig wie ein Zwölfjähriger aus neutralem Elternhaus, der gerade die katholische Kirche als Arena des Widerstands für sich entdeckt hat … und dann kommt Hinrich, wie von einer Woge geschoben, die Arme weit vor dem Körper, dem Wesen nach pervers, aber harmlos, während Norberts Gesäß sich sonnt in der Aufmerksamkeit der Burg. Was macht Norbert, wenn die Zeit der Windeln gekommen ist? Wirbt dann das Gernegroß für die Hygiene am Abgrund des unbehaglichen Seins? Nach Art fossiler Indianervollwaschweiber winkelt Norbert die Hand auf zum indigenen Gruß.

 

Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

»Mir wird schlecht, wenn ich nur an den denken muss«, sagt Antje. Sie speit zum Spaß, soll heißen, wie konntest du uns Texas bloß antun. Wo wir doch alle so liebe Leute sind. Selbst unser Fußschweiß besitzt Herzensgüte.

»Lass laufen die Suppe«, rät Rocko mit pädagogischem Erfolg. Das kleine Tier rotzt voll ab auf den Tresen. Das sieht jetzt nicht schön aus.

Antje ist ein bisschen zurückgeblieben, das blieb länger unbemerkt. Inzwischen grassieren die Auffälligkeiten, eine kleine Eiszeit bahnt sich an. Die Frauen trinken noch Tee zum Rum, der Ballack ist nichts mehr wert, heißt es. So zwischen den Jahren und kurz vor Ultimo möchte man was Erbauliches wesentlich finden dürfen. Rocko spart seine Nettigkeiten für das kommende Jahr, ich bitte Antje, ihren Dreck selbst wegzumachen.

»Das ist dein Job«, sagt sie stupide.

»Bestimmt nicht«, sage ich, so eben noch konziliant. Antje kann bestimmt nicht bis konziliant zählen und richtig schreiben kann sie konziliant dreimal nicht. Sie schafft noch nicht mal die Kreuzworträtsel in der Bildzeitung.

»Du bringst jetzt deine Rotze in Ordnung, du verkürzte Stinkerin, ich kann so nicht arbeiten.«

»Was gibt es denn zu arbeiten?«, fragt Rocko aufrichtig erstaunt.

 

An einem Tisch sitzen noch vier. Norbert kennt die Leute, deshalb darf geraucht werden. Norbert ist oben bei Mike, Boris bei seinen Eltern unten und der neue Kollege hat sich mit einer Kolik verabschiedet, die, glaube ich, Ivana heißt und im Feinstaub auflegt. Er ist noch zu frisch, um zu wissen, dass morgen alle wissen werden, ob er gleich heim ist oder wie spät es war, als er nachher aus dem Feinstaub fiel. Ich muss noch auffüllen und die Kaffeemaschine sauber machen und die Abrechnung und fegen und mir irgendwie den Künstler des Abends vom Hals halten, der eine enorme Plaudertasche ist und mit seinen ausgesuchten Getränkewünschen und abgeschmacktem Zauberhokus eine schwere Belastung.

Texas hätte für mich gefegt und schon lange aufgefüllt, Rocko denkt gar nicht daran. Ich wische Antjes Rotze weg, so kenne ich mich nicht. Es ist aber auch alles zu viel gerade und dann kommt auch noch Mike als König mit Schlagseite seltsamerweise mehr hinkend als wankend an und beansprucht das Recht der ersten Nacht bei mir von Rocko. 

»Die erste Nacht ist lange vorbei«, sage ich. »Du kommst zu spät.«

»Darüber solltest du dich nicht beschweren«, entgegnet der König, gebläht von einem Hochgefühl, das ihm in der Burg bereitet wurde. Er wird Norbert über den Tisch gezogen haben, trotzdem braucht auch er mal wieder eine Frau. Die Sitzengebliebenen hätten gern noch zweiundeinhalbes Getränk.

»Muss das sein.«

Das ist mir herausgerutscht, das hätte ich nicht sagen sollen. Nicht vor dem König und auch nicht vor der maulenden Antje, die von mir gar nichts mehr kriegt. Genauso so wenig wie das Luder Toni, das durch die Feuertür einsteigt, in einer türkistückischen Robe.

Der König hat eine Braue gehoben.

»Mach hin«, verlangt er, die Gäste haben meinen Affront überhaupt nicht mitgekriegt. Ich habe Antjes Rotze vom Tresen gewischt, ich schenke auch die letzten bezahlten Sachen ein. Nun folgt Norbert dem König, die beiden stehen sich immer ähnlicher. 

 

Fotos: Robert Schuler Fotos: Robert Schuler

PUPS IM ABENDWIND

Rocko hat das Schlafzimmerfenster in meiner Einraumwohnung beim Kippen aus dem Rahmen gerissen. Manche Drogen nimmt er heimlich, das ist nicht gut. Ich sehne mich beruflich nach meinen Alten, nach täglicher Routine. Die vielen Arbeitsabende fressen breite Löcher in sämtliche Kontingente. Eine Kälte wie vom Mond lässt sich nicht mehr abhalten. Ich kann John Denver nicht mehr hören.

 

Rocko schon. Er verbraucht unsere Beziehung wie einen nicht sonderlich großen Lottogewinn. Ich habe keine Zeit mehr für mich, meinen Rechner mache ich gar nicht mehr an. Ich hänge Wäsche in der Küche auf, deshalb soll nicht geraucht werden. Rocko hält meinen Wunsch für Terror, wenigstens für abwegig. Auf meinem Balkon kommt er sich wie ein Jude im Dritten Reich vor, »voll stigmatisiert«. Er spricht anspruchsvolle Wörter mit Verachtung aus, seine Bildung bleibt ihm suspekt. Er hat für seine Vorsprünge Dresche bezogen, der bäurische Vater hielt für Elitewissen einen Stock im schmiedeeisernen Schirmständer parat. Auch der König plädiert für eine Rehabilitation der Prügelstrafe für seine Untertanen. Voran gehen könnte das Klo mit gutem Beispiel. Ich sage lieber Winnie zum Klo. Man muss den Menschen sehen hinter jedem Idioten. Das ist meine Devise, seit mein Onkel, der Friedhofsgärtner, mir den Unterschied zwischen Gras und Shit beibrachte, damals als U2 unglaublich groß war oder etwas später. Rocko zündet sich eine Zigarette von meinem Tabak an. Mein Wille ist ein Pups im Abendwind, denke ich, keineswegs verzweifelt. Man gewinnt sein Leben an Kanten, wo der Buddhismus aufhört. Entweder rumpelt man dann mit dem Sherman seines Gemüts in die Offensive oder man erkennt, das nicht zu können.

»Schieb ab«, sage ich – und Rocko sagt: »Jenny wartet schon.«

 

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