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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:38

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XLI

04.02.2012

BLOOD IN BLOOD OUT

Es gab noch einen anderen Otto, den Polizisten-Otto aus dem Revier an der Eisernen Hand. Er kannte Hinz und Kunzelmann und die meisten Häuser im Viertel von den illegalen Brennbuden im Keller bis zu den Dachböden der Bordsteinschwalben. Nach dem Krieg war das Nordend Trümmerland, der Aufbau ging dann Hand in Hand. Wer nicht spurte, wurde renoviert, die Nutten hießen alle Hildegard.

 

Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

Ja, die menschliche Spezies ist praktisch veranlagt und groß nur in ihrem Opportunismus und bei der Schleichbabbelei. Die Gangster um Otto Wundersamen und Diamant-Michel respektierten den Polizisten-Otto, weil der ungeschmiert bleiben wollte. Sie steckten ihm die Konkurrenz, diese Volksschädlinge, gezeugt in undichten Mansarden. Sie redeten immer noch wie das Dritte Reich, dachten aber wie die Southside und handelten wie die Spanier.

 

Die Spanier waren gar keine Spanier, sondern mexikanische Amerikaner, die der Krieg zu Weltmännern gemacht hatte. Sie kamen aus nomadischen Erntehelferstämmen, die in den 1930iger Jahren »im Valley« sesshaft geworden und ganz allmählich in Los Angeles eingesickert waren. In der Presse rassistischer Verhältnisse organisierten sie sich in Nachbarschaftsverbänden, die nach den stärksten Familien benannt wurden. Soweit sie englisch konnten, sagten sie »blood in, blood out«. Wie alle Southerner lebten sie mit einem unbändigen Stolz, der in den kalifornischen Barrios ständig Tote produzierte.

 

Mit diesem Konzept tauchten sie als Besatzer im Nordend auf und stießen da auf die wundersame Korona. Ganz wie daheim in LA, klärten sie erst einmal untereinander, welche Familie das Sagen hatte und dann besprachen sie mit Otto Wundersamen und dem Diamant-Michel das Weitere. Die alten Frankfurter Buben erkannten die Gunst der Stunde, das heißt ein gewaltiges Drohpotential. Fortan ging kein Taschendieb mehr über die Straße, ohne seine Steuer wundersam zu entrichten, und keine Hildegard wäre in ihrer Lenaustraße auf die Idee gekommen, die »spanischen« Beteuerungen nicht für bare Münze zu nehmen und auch noch was drauf zu legen für ein Jackett aus Haifischflossen.

 

Getagt wurde nachts in der Burg, ich habe da viel gelernt. Mehr als andere in der Musterschule auf jeden Fall. Ich habe gesehen, wie die großen alten Männer des Nordends so einem mickrigen Spanier die Hand küssten, während eine Hildegard ihm die Schuhe wichste. Das kann man sich heute alles nicht mehr vorstellen, blood in, blood out, was das bedeutet, mit Leuten im Geschäft zu sein, die unruhig werden, wenn es mal keine Toten gibt. Die das für kurz vor dem Weltuntergang halten. Gleichzeitig ging der übrige Betrieb so verschlafen über die Bühne, dass der Polizisten-Otto seine Verhaftungen grundsätzlich ohne Waffe ausführte.

 

Wenn zum Beispiel ein Eierdieb aus der Koselstraße dem Haftrichter vorgeführt werden sollte, sagte ein Laufbursche der alten Frau im Haus Bescheid und die schleppte dann ihre mürben Kriegerwitwenknochen in den dritten Stock, um dem Eierdieb zu verkünden, dass gleich der Polizisten-Otto erscheinen würde. Der Eierdieb wusste, was von ihm erwartet wurde, nämlich, sich die Zähne zu putzen, die Zahnbürste einzustecken und im Treppenhaus auf Otto zu warten - und bei seinem Erscheinen umgehend die Handgelenke der eisernen Acht anzuvertrauen. Ohne Faxen zu machen. So war das damals im Nordend, morgen erzähle ich Euch noch mehr. 

 

Fotos: Robert Schuler Fotos: Robert Schuler

TEXAS RADIO AND THE BIG BEAT

Texas´ Rückkehr löste ungläubige Bestürzung aus. Man hatte ihn beim Teufel abgestürzt in so einer Untergrundschänke vermutet und nun das. Diverse Petras sahen ihn gleichzeitig zuerst und bildeten gleich eine Telefonkette vom Bornheimer Uhrtürmchen bis dorthinaus direkt am Oeder Weg noch hinter der Popelgrenze fast schon im Niemandsland. Norbert Nasenschweiß hatte diesen Petras dosenbinderisch weisgemacht, dass Texas nie mehr ins Nordend kommen würde, unter keinen Umständen nicht mehr, weil das nicht mehr ginge. So überzeugend auf höchster Holzstufe hatte Norbert N. argumentiert, seine Argumente waren mit sämtlichen as & os den Petras geradezu nachgegangen. Und nun das wie gesagt. Der Teufel hatte sich mit Texas nicht vertragen, vielleicht war Texas auch nie zum Teufel gegangen, wer wusste das schon. Es wusste ja keiner was von jeher schon nicht. Aber wundern durfte man sich doch und maulen durfte man doch auch.

 

Der liebe Gott war ratlos. Er hatte allen so lange erklärt, dass Texas nicht mehr ginge, bis sich die Zeiger der Tresenuhr verbogen, und nun ging Texas doch wieder mit festem Schritt dem Weltnabel gewaltig auf den Senkel. Eine von Holstein bemühte sich um Texas, ihre Großmutter hatte zur kaiserlichen Familie gehört. Da gab es Verbindungen bis hinaus über Friedrich den Großen und Preußens hohenzollerische Gloria. Die Hohenzollern waren ja eine eher mäßige Familie gewesen, es hatte ganz andere Geschlechter gegeben und auch zu denen stand Emma von Holstein in einem verwandtschaftlichen Verhältnis. Sie verglich Texas mit Theoderich, diesem big spender der Goten, der die Römer klargemacht hatte.

 

Ja, so konnte man es sehen mit geknickter Optik und dull oder dunn von Kaviar. Doch war Texas das egal, solange aus dem Panoramabad nicht das Wasser gelassen wurde. Die fürchterlichen Rohrbachstraßenvetteln mit ihren verfetteten Knien und den Schmierlippen, die ihre Hunde zu unaussprechlichen Dingen abgerichtet hatten, keiften Saubube, wenn sie Texas sahen. Texas notierte jede Beleidigung, er wollte ein Buch daraus machen. Es sollte Grobzeug im Rindermix heißen. Texas passierte sein Geschick, er ließ sich auf nichts ein. Nur einmal überfuhr er Kleineglatze mit dem Fahrrad, Texas betrat diesen und jeden, dem einen sowie anderen spuckte er ins Gesicht, doch blieb er stets höflich. Auf Emma sang er antipreußische Lieder, so hessisch war unser Held. 

 

»Tant de bruit pour une omelette«, sagte Texas zur international guten Nacht. Es war alles anders gekommen und gewesen. Nachts verstärkte er das Pack an den Ecken. Er hatte überall Hausverbot. Die Wut war eine südliche Partie, eine Mentalität, wenn man es genau nahm. Texas liebte Frankfurt als abweisende Stadt. Nun verstand er das perverse Vergnügen von Männern, die in Zellen um den Verstand kämpfen. Er war ein Gefangener der Nebensachen. Er fügte sich kleine Wunden zu und sah mit mikroskoptischer Faszination das Blut rinnen. Texas wollte sonst keinen verletzen, doch nahm er jedem Trottel den Gegner ab. Es entsprach einer Konvention der unteren Hallgartenstraße nachts in Schwierigkeiten zu geraten. Texas´ peitschende Innenbahnofferten verwirrten die Verwirrten. Immer - und immer reichte das, wie in einem absurden Theaterstück. Früher hatte das nie gereicht, der Regisseur musste ausgetauscht worden sein. Texas griff mit offenen Händen ab und schloss mit einem Tritt ab.

 

Minimale Angriffsfläche, geschlossene Hände, gesenktes Kinn: so war ihm das beigebracht worden, so hatte er es weitergegeben, jetzt trat er frontal an: mit dem Körper einer kaputten Puppe. Seine Energie kam aus dem Raum, jedenfalls dachte er das. Du machst dich kostbar, sagte er zu Frankfurt, und zu dem Rumpel auf Füßen: »Bodybuilding ist Angst. Wer seiner Kunst nicht vertraut, beherrscht sie nicht. Wer keine Kunst beherrscht, ist nicht zugelassen.«

 

So einfach war das.

 

Bis zum Park war die Rohrbachstraße bestuhlt. Die Vetteln klapperten sich von einem Ding zum nächsten, es gab schließlich genug Stühle und Kneipen, die zum Scheitern verurteilt waren, nach einer Frist von drei Jahren. Seit den Tagen des alten Café läuft hatte sich nichts gehalten, nicht eine Kellneridee war in Berührung mit Bestand gekommen. Die Wirte hatten alle als Laufburschen auf dem Liebfrauenberg oder im Großen Hirschgraben angefangen, als Abräumer oder direkt als Pizza mit Sardellen. Ihre Selbständigkeit war ein Fehler, der unbedingt begangen werden musste, so etwas wie eine veröffentlichte Schadstelle ihres Seins. Sie waren so schadhaft auf die Welt gekommen, dafür büßten ihre Bedienungen. Deren Liebedienerei brachte nichts ein außer verkehrte Schwangerschaften. Angebumst von Gebrauchtwagenjoes aus der Fitnessabteilung, wo der humane Ramsch bis zum größten Bluff angehoben wurde. Die Folgen der Bluffs schrien sich die Seele aus dem Leib, zu der Musik von Hartzvier und Konsorten. Für die Vetteln war das wie Fernsehen mit Geruch. Sie hatten Kleineglatze adoptiert, der gern mal mit nem Schnuller auf der Straße saß, so vor sich hin träumend vom guten alten Götz v. B.

 

Das Nordend platzte aus seinen Nähten. Es war nun ein Spielplatz der dreißigjährigen Sieger, ein vorläufiger Ort. Zeitlich lag das Nordend vor den Eigenheimen in der Wetterau. Für die Neubürger war die alte Quartierordnung unbedeutend. Sie behielten ihre Transitgewohnheiten bei, Zugehörigkeit war demnach eine Frage des Geldes. Sie verhielten sich wie Touristen ihrer relativen Jugend. Von den Zeichen der Vergangenheit hielten sie gar nichts, die aufgegebenen Metzgereien am Saum der Rohrbachstraße waren ihnen egal. Das alte Fleisch des Viertels fing in dieser Gleichgültigkeit an zu stinken, es legte sich eine graue Scham zu. Trotzdem machte das alte Fleisch weiter gute Geschäfte.

 

Seine Portale waren die Eingänge für Lieferanten, dem Leben auf der Vorderseite sah es zu mit Profit. Texas hatte sich immer nur für das alte Fleisch interessiert, für das Andauernde. Er konnte nirgendwo hingehen, auch in Bornheim nicht. Er existierte nur mehr in seiner Witterung, auf einer Route feindlicher Einflüsse. Die Häme und der Hader, die sein Zuhause in der Burg gewesen waren, hatten sich ausgebreitet. Texas war ein Dorn im Auge der kleinen Geschäftsleute, die von Norbert informiert worden waren. Sie reagierten gereizt, sie dachten, es sollte bei Gelegenheit ganz einfach sein, den widrigen Einzelgänger abzuholzen.  

 

Für die Welt war Texas ein Verbrannter. Es gingen Drohungen ein auf den Umwegen des Gerüchts. Zuträger knabberten an ihren Erklärungen. 

 

Texas ging durch Sonderschulen inoffizieller Verlautbarungen. Er war nun ein Dissident der Verhältnisse. Die Verhältnisse hießen immerzu Verachtung. Texas war so aufgeladen, dass er es nur noch mit sich aushielt, in einer Ecke des Holzhausenparks, an einer Stelle des Oeder Weges und an kleinen Kreuzungen im Herrschaftsbereich der Weberstraße. Sein Schädel sprang auf. So hatte noch keiner das Viertel gesehen, so aufgerissen.

 

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