BONZO AUS DER INDUSTRIE
Norberts Wohnung war weitläufig genug für Skilanglauf. In seinem Treppenhaus war extra für seinen Fahrstuhl ein Geländerlift angebracht worden. Texas trug ihm die Kästen hoch und führte Frauengespräche mit Kristin. Diese Freigängerin war Fahrschülerin gewesen, das kam erschwerend hinzu. Isoliert hatte sie das von anderen, die nach der Schule noch gemeinsam im Café oder auf einer Mauer mit Schauwerten gesellig geworden waren und die auch niemals so früh in die Kälte und der Anweg, meist noch im Dunkeln, angefangen bei der trostlosen Bushaltestelle. Schweres Schicksal. Ewig und wieder fing Kristin an von ihrer »Lapprigkeit« und Inkontinenz, der sie alles verdankte. Zum Beispiel drei Mal durch den Führerschein gefallen zu sein. Fahruntüchtig folglich fürs Leben. Kristin zertrümmerte Aschenbecher und Blumentöpfe im großen Stil. Mit dem Rumpel vermüllte sie die Humboldtstraße, bis zum Cityring. In die Ecken fuhr sie mit ihrer Klobürste. Derweil ging das Gernegroß kerzengerade den Bach runter, in einem kulturexorzistischen Vortrag. Es wurde gependelt, bei gleichzeitiger Beschwörung der Kritischen Theorie. Kabarettkulis traten mit Geistheilern auf, die nach hängengebliebenen Seelen fahndeten. Sie führten hochburleske Umzüge durchs Nordend an.
Kristin schützte Norberts Kopf mit einem Badewannenvorleger aus dem Merch der Offenbacher Kickers. Das sah vielleicht aus. Dazu die Zahnlücke.
Einer der Versager aus dem Gernegroßrandgeschehen war früher in »der Industrie« gewesen. So bezeichnete er das Erwachsenenfilmwesen. Die Crossies nannten ihn Bonzo, aber getauft war er auf den Namen Italosolber. Als Mann »der Industrie« kannte sich Bonzo auch mit Haushaltsauflösungen aus, auf dem langen Flur zwischen günstig Wein und preiswert Kupfer. Am liebsten wäre er mit den Crossies in den Schrotthandel eingestiegen, für Schrott, zumal wenn er »neuwertig« war, hatte Bonzo eine Passion. Er ließ Jenny vorsprechen, irgendwo in Offenbach. Daraus wurde auch nichts. Jenny war eine miserable Bedienung, aber sie kam jedermann so freundlich entgegen, dass sich das ausglich. Außerdem war sie die Einzige, die sich darauf freute, in den Amateurfilmen mitzuspielen, die das Gernegroß sanieren sollten.
»Erst ma machen wir einen Kalender mit unseren Stuten in den Kabarettfarben«, erklärte Bonzo. »So heizen wir das Kulturinteresse auf.«
»Das Interesse an der Kultur im Stadtteil«, präzisierte Norbert in seinem Rollstuhl. Sein Rotz gesellte sich zum Speichel. Kristin therapierte sich gerade selbst mit einem odorierten Highspeedball. Sie würde sich niemals vor einer Kamera ausziehen und auch sonst vermutlich nicht. Auch das Klo war über das Stadium des Kleiderwechsels hinaus.