Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 13:38

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XLIII

18.02.2012

SENF IM OFEN

Jenny wurde dann Pommesbeauftragte. Dazu muss man wissen, dass es in Apfelweingaststätten an sich keine Pommes Frites gibt. Pommes waren demnach etwas Infamöses. Jennys Grüne Soße war auch immer falsch in den Zutaten. Nicht, dass sie wenigstens die Musik hingekriegt hätte. In hundert Jahren nicht. 

 

Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

Wie gesagt, Mike war König. Es gab andere Krampfärsche mit Titeln, die vom Klo verliehen worden waren. Das Klo war Rebell gewesen, im Jetzt dieser Geschichte ging es nur noch um ein Dach über dem Kopf. Mikes Verachtung für alle Menschen, zeigte sich auch darin, dass er sie vom Klo bekochen ließ. Sie kamen in Scharen, wie zu diesen arabischen Kundgebungen. Erst fraßen sie dem Klo seinen Dreck, dann sanken sie in die maroden Stuhlreihen des Gernegroß. Sie spielten Mallorca, markierten Gebiete, warfen mit Abfall nach den Künstlern. Sie geißelten sich mit ihren Handtaschen und spuckten auf Dielen, die jedes Jahr einmal geölt wurden. Plötzlich lasen alle wieder den Steppenwolf und fragten nach der politischen Relevanz von Kleinkunst. Das Publikum unterbrach Vorstellungen, es erzwang Diskussionen. Norbert drehte sich der Magen um, er war auch schüchtern. Ein schüchterner Lautsprecher. Seine Verlegenheitsgeräusche gaben den Soundtrack ab für eine brodelnde Ursuppe, in der der neue Mensch in seiner Frankfurter Auslegung als veganes Würstchen gar wurde. Man vernahm den brausenden Sound noch in Bornheim. Manche sagten Adorno zu Norberto. Die Aufregungen brachten Norbert vorüber fahrend in den Rollstuhl. Der Rollstuhl war aufgeflaggt mit Transfusionsbeutel voller Schnaps. Norberts irre Putzfrau war für den Nachschub zuständig. Kristin hieß sie. Kristin hatte reiche Eltern und tat Buße. Sie trug Seitenscheitel und immer eine Klobürste im Gürtel. Den Gürtel band Kristin japanisch, wie so eine Samuraischlampe aus Tempico am Tamesi. Sie erinnerte Texas an Dolly Sharp in „Dynamites“ aus dem Jahr 1971. Er deutete das auf der Kommandobrücke des Burgtresens an, Norbert dampfte sofort los, so wahnsinnig wie alle Sonnenkönige in einer Meinungsdiktatur, mit einem damals-als-Pornografie-noch-revolutionär-war-Text. Norbert hatte auch einmal eine Beaulieu-Kamera besessen und der Eichinger und dieser Klaus Lemke und das Barbara Valentin … als München sich die Finger nach ihm geleckt und mit »echten« Orgasmen bei den amerikanischen auditions gelockt, wo manchmal auch Gloria Gaynor, die später, er aber erst ab nach Hamburg und dann down ins verregnete Nordend. Seitdem war der Kunstfilm tot. - Hatte Cannes sich erledigt. - War der Oscar eine Farce. - Taugte Wenders nichts mehr.

 

Norbert heulte wie ein Hund in der Wolfsfalle. Der harte Mike: »Ja, ist ja gut, Norberti, du arme Haut, nicht das wir mit dir jetzt schon zum Abdecker nach Mühlheim am Main so gut wie mit der Fähre. Bier gleich alle. Neuen Kümmel. Senf zukünftig nur noch in Tüten. Sellerie mal wieder. Gleich mal pissen und Holz in den Ofen.«  

 

Fotos: Robert Schuler Fotos: Robert Schuler

BONZO AUS DER INDUSTRIE

Norberts Wohnung war weitläufig genug für Skilanglauf. In seinem Treppenhaus war extra für seinen Fahrstuhl ein Geländerlift angebracht worden. Texas trug ihm die Kästen hoch und führte Frauengespräche mit Kristin. Diese Freigängerin war Fahrschülerin gewesen, das kam erschwerend hinzu. Isoliert hatte sie das von anderen, die nach der Schule noch gemeinsam im Café oder auf einer Mauer mit Schauwerten gesellig geworden waren und die auch niemals so früh in die Kälte und der Anweg, meist noch im Dunkeln, angefangen bei der trostlosen Bushaltestelle. Schweres Schicksal. Ewig und wieder fing Kristin an von ihrer »Lapprigkeit« und Inkontinenz, der sie alles verdankte. Zum Beispiel drei Mal durch den Führerschein gefallen zu sein. Fahruntüchtig folglich fürs Leben. Kristin zertrümmerte Aschenbecher und Blumentöpfe im großen Stil. Mit dem Rumpel vermüllte sie die Humboldtstraße, bis zum Cityring. In die Ecken fuhr sie mit ihrer Klobürste. Derweil ging das Gernegroß kerzengerade den Bach runter, in einem kulturexorzistischen Vortrag. Es wurde gependelt, bei gleichzeitiger Beschwörung der Kritischen Theorie. Kabarettkulis traten mit Geistheilern auf, die nach hängengebliebenen Seelen fahndeten. Sie führten hochburleske Umzüge durchs Nordend an.    

Kristin schützte Norberts Kopf mit einem Badewannenvorleger aus dem Merch der Offenbacher Kickers. Das sah vielleicht aus. Dazu die Zahnlücke.

 

Einer der Versager aus dem Gernegroßrandgeschehen war früher in »der Industrie« gewesen. So bezeichnete er das Erwachsenenfilmwesen. Die Crossies nannten ihn Bonzo, aber getauft war er auf den Namen Italosolber. Als Mann »der Industrie« kannte sich Bonzo auch mit Haushaltsauflösungen aus, auf dem langen Flur zwischen günstig Wein und preiswert Kupfer. Am liebsten wäre er mit den Crossies in den Schrotthandel eingestiegen, für Schrott, zumal wenn er »neuwertig« war, hatte Bonzo eine Passion. Er ließ Jenny vorsprechen, irgendwo in Offenbach. Daraus wurde auch nichts. Jenny war eine miserable Bedienung, aber sie kam jedermann so freundlich entgegen, dass sich das ausglich. Außerdem war sie die Einzige, die sich darauf freute, in den Amateurfilmen mitzuspielen, die das Gernegroß sanieren sollten.

»Erst ma machen wir einen Kalender mit unseren Stuten in den Kabarettfarben«, erklärte Bonzo. »So heizen wir das Kulturinteresse auf.«

»Das Interesse an der Kultur im Stadtteil«, präzisierte Norbert in seinem Rollstuhl. Sein Rotz gesellte sich zum Speichel. Kristin therapierte sich gerade selbst mit einem odorierten Highspeedball. Sie würde sich niemals vor einer Kamera ausziehen und auch sonst vermutlich nicht. Auch das Klo war über das Stadium des Kleiderwechsels hinaus.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Feier der Tonalität

Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...