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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:38

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XLIV

25.02.2012

DER SEVERIN

In Rio wurden nachts die Kinder totgeschlagen, was manche Leute sich vormachten, das machte ihnen keiner nach. Jemand sagte: »Das ist doch Galakultur.« 

Jenny legte die Schürze ab, morgens um zwei. Man hatte sie auch gern als eine Person, die zum Feierabend nicht gleich ausriss: in eine Ikea-Situation mit allein zu erziehendem Kinde am Schlüsselband. 

 

Eine Fortsetrzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

Selbst Bonzo konnte gerade nichts mehr verkehrt machen. Wieder erklärte er, wie kompliziert und interessant die Verhältnisse in der Stadt »seiner zweiten Geburt« lagen. Jenny stellte sich die Metropole »an der Ostküste«, in der Bonzo »zum Künstler« geworden war, wie einen kolossalen Container vor, keine Ahnung warum Container. Und wieso Künstler? Bonzo hätte sonst was werden können, »in der Konsequenz einer quasi invertierten Initiation«, er sagte das ganz anders. Jenny fand schon Bonzos Art, seinen Namen auszusprechen, furchtbar und furchtbar fand ich außerdem, dass er von Amerika so viel hielt und Aufhebens machte. 

 

Die Geschmackspolizei kam mit Sekt, obwohl Sekt im heiligen Bezirk der Burg zu den verbotenen Getränken gehörte. Jenny dachte an Papierschiffchen und die bunten Pflaster, die Gernecrossies jetzt so gerne hatten. Sie badeten zusammen, in den zwei, drei Badewannen, die ihre Wohnungen hergaben. Jenny wartete auf den Tag, an dem Norbert mit einer Prinz-Heinrich-Mütze dazu steigen würde, das heißt in sämtliche gernegroßen Badewannen gleichzeitig.

Die Crossies ritzten und pflasterten sich, sie servierten mit Kriegsbemalung und komischen Nasen. Die Frauen pinkelten im Stehen und rülpsten auf Zuruf. Es wurde auch viel apportiert.

Es war immer Fasching im Gernegroß, in etwa so wie auf der Gorch Fock, die auf der Glauburgstraße ihren letzten Hafen gefunden hatte.

 

Die Glauburgstraße hieß nun Hans-Bornemann-Avenue. Die meisten Techniker hatten das Weite gesucht und arbeiteten für den alten Praml oder für Norberts Bruder, diesen Brunnenvergifter der Kultur in Bornheim.

 

Also Norberts Bruder, der Severin aus dem Prüfling. Des Prüflings Severin, der nachts immer mit den tauben Musikern. Die Hälfte bereits erschossen und erledigt. Severin hatte was an sich, dass Frauen, die in Katalogen nicht fündig wurden, kurz hoffen ließ. Er verdarb alles, sein »Karma« schrieb ihm das vor. (Severin sagte »Karma«, deshalb steht das so da.) Seinen Eltern gehörte in Stuttgart ein Hügel voller Häuser, auf diesem Stuttgarter Hügel war Severin auf Dauer unerträglich geworden. Das haben Sie sich richtig gemerkt: Norbert kam aus Kassel und hatte nie einen Vater. Da passt jetzt einiges nicht zusammen. … Ein Professor gratulierte Norbert widerwillig zu seinem neuen Stück, er hatte schon alles gesehen, als Salzsäule in der Jack Wolfskin Jacke, mit dem Pfotenemblem am Kragen. Schauspieler rannten mit Flaschen herum, für sie war der Termin eines Schauplatzwechsels fällig. Im Feinstaub wollte man weiter trinken.

»Kommst du mit?«, fragte Bonzo. Selbst er hätte wissen können, dass Jenny die Burg kaum je noch verließ. Er malte ihr die Welt aus, bis ihm Texas eine rein schlug. Ohne Ansage, wie es der Tradition entsprach. Texas hatte einiges wieder gut machen und aufzuholen aus der Zeit seiner Versäumnisse. Er bestieg Jenny zur fortgeschrittenen Stunde im Raucherparadies, bekannt auch als Leichenschauraum. Der König gesellte sich gemütlich dazu, nicht länger nur Spanner.

»Die Jenny, das ist doch immer noch unsere Beste beim Schwänze versenken«, bemerkte er. Wäre er nicht der König gewesen, wer weiß, wie unappetitlich manche ihn gefunden hätte. Am Stammtisch diskutierte Norbert mit seinem Rollstuhl gleichzeitig die politische Relevanz. Der Rollstuhl empörte sich, Jenny vernahm diesen sozialdemokratischen Sermon, den sie, ob seiner Verlogenheit, nicht ausstehen konnte. 

 

Ja, alle Verhältnisse sind Machtverhältnisse. Dafür brauche Jenny kein Kabarett und keinen Kabarettdirektor, der auf Journalistenschulen in Hamburg und München gleichzeitig einst der Drittbeste seines Jahrgangs und die Alternativkultur vorher noch als Schüler quasi im Alleingang bis zu ihren Abschweifungen aus der Taufe gehoben und in Stellung gebracht hatte … um zu wissen, dass alle Verhältnisse Machtverhältnisse sind. Oh, was für ein furchtbarer Aufschneider dieser Norbert doch war. Dass eins ihn nicht interessant finden könnte, lag außerhalb seines Begreifens. Ach so, so verrückt war Kristin gar nicht, mit ihrer Bürste im Gürtel. - Und ihrem Anti-Psychiatriegeschwafel. Mit ihrem ewigen: »Man muss den Wahnsinn auf die Bühne stellen.«

 

Das wollte kein Mensch und Norbert war noch mehr dagegen als jeder andere. Aus dem Scheisshaus seines Wanstes pfiff es wie im letzten Loch. Ab Januar plagte ihn der Heuschnupfen. Norbert strebte Ruhe an, in dem ganzen Tumult … mit seinen Inseln der geselchten Seligkeit, auf denen die einen fett und die anderen schier leblos wurden.

 

Die Erde konnte sich selbst heilen, das stand außer Frage. Das amerikanische Militär programmierte das Wetter und schmiedete Blitze zu Waffen. Fraglich war aber, ob die Burger sich helfen konnten. Tagsüber wandelten sie wie Gespenster über die Erde. Vom Nachmittag an taten sie ihre Dinge, es sei denn, die Lieferanten kamen früher, und abends ab elf fing man gemein an zu leben.

 

Fotos: Robert Schuler Fotos: Robert Schuler

IM ZEITALTER DER BURG (Eine Erinnerung an den ersten Durchgang.)

Mein Gedächtnis scheint nur von einer Szene auszugehen. Ich empfinde es so, als sei ein urzeitlicher Stempel zum Signal der Spur gemacht worden. Die Menschheit steht noch nicht fest auf ihren Füßen, zu sehr wankt sie in ihrer Unzulänglichkeit. Dann komme schon ich mit dem Jetzt, es ist immer Herbst und so um elf. Das sind die Koordinaten meines Einfalls … durch das Tor. Jahrelang habe ich es jede Nacht in Schwung gebracht. Es ist immer noch spät im Herbst, das Laub bricht und röchelt auf Kies. Die Kegelbahn ist Gelächter unter einer Schuppenspinne. Der zentrale Windfang steht wie ein Schildhäuschen dem Bau bevor. Die Veranda rückt von ihm ab.

 

Ich rieche Rauch, ich sehe Igor wie einen Scherenschnitt am Fenster des Sommerschalters. Es gibt noch einen Vorbau, linkisch auf der rechten Seite des Monuments. Die Autos im Garten warten in aller Gemütlichkeit. Wie aus einer heimlichen Luke quellen Frauen, um zu rauchen. Sie sind miteinander so einverstanden, dass sie dies auf die gleiche Weise tun. Die linke Hand stützt den rechten Ellenbogen. Der rechte Unterarm fällt ab, die Finger zeigen den Körper. Man könnte den waltenden Regisseur einen Meister des psychologischen Kinos schimpfen, so albern ist Psychologie, dass man sie selbst im Fernsehen versteht. Keine dieser Raucherinnen würde sich auf ein blind date ohne Reserve einlassen. Sie haben ihre Zuchtmeister im Kopf, denke ich voll verheft. Ich war nie nüchtern im Zeitalter der Burg. Das hatte ich nicht nötig. Aufs Haus trinken und Geld mitnehmen: lautete eine Devise. Meist kam ich von einem Termin durch das Tor. Bis eben mochte ich schlapp gewesen sein von dem ganzen Außerhalb, von irgendeinem Zombieauftrieb der Kultur. Ich musste nur das Tor passiert haben, schon kam die Energie auf mich zu, als habe sie in einem der Windfänge lungernd auf Texas gewartet. Kurt hieß ich auch, das heißt Wolf, wenn man es versteht. Ich fühlte mich stets wunderbar, angesichts der Burg. Das änderte sich in ihrem Bauch, meinen absoluten Ansprüchen wurde widersprochen. Ich träumte von Duellen, von Überfällen zu Pferde, das war ein Gemisch aus Blut und Alkohol auf Resopal und Dielen. Igor wollte ich mit Draht ans Tor binden, an den Haaren wollte ich ihn dahin schleifen. Und doch, wenn ich heute an die Burgleute denke, jeden Einzelnen genau betrachtend. 

Ich fühlte mich wie ein Bushi der Burg. Ich habe dort Übermachtverhältnisse zu meinen Ungunsten angenommen. In manchen Nächten hatte ich den Katzenschritt der Ninjas. Ich sah in eine Provinz feindlicher Gesichter und dachte, euch hab isch im Sack. Das war nicht unangemessen gedacht. Jeder dachte so, der da nicht nur Klempner sein wollte. Ich vermaß die Flächen mit den Augen eines Eigentümers.

 

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