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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:39

 

Hanno Raichle: Homevideo

19.12.2005

Ein kleiner bestialischer Text, mitten in den Weihnachtsfrieden gebrüllt. - Es ist wohltuend, die Kunst der Perversion aus so sicherem Abstand mitverfolgen zu dürfen wie hier, und uns die grause Wahrheit nur ganz allmählich ins Bewusstsein tröpfeln zu lassen...

(Die Redaktion)

 

 




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Was für ein trauriger Anblick. Da komm ich rein und die Glotze läuft. Ihr hättet was anderes machen sollen. Euch lieben. Oder wenigstens miteinander reden... Jajaja - an ihrer Stelle würde ich auch heulen. Und was zitterst du so? Ist dir kalt? Ich dreh mal die Heizung auf, ja. Dann wird’s wärmer. Mein Physiklehrer hat früher immer gesagt: Erstunken ist noch keiner, aber erfroren. Erfrieren ist wie Einschlafen. Aber es geht auch schlimmer. Ich habe große Angst davor, auf der Couch einen Gehirnschlag zu bekommen, mit meiner Hand noch in der Unterhose. Warum? Weil mich dann irgendwelche Fernsehbullen mit RTL 2 – Kamerateam im Schlepptau finden könnten. Die Nachbarn haben sich beschwert, dass hier die ganze Zeit der Fernseher läuft, erklärt der Bulle mit der Nickelbrille in die Kamera. In eine richtige Kamera, nicht wie meine hier auf dem Stativ, sondern eine richtig teure, professionelle. Ich habe Dutzende von Menschen, die in ihrer Wohnung krepiert sind, auf Video. Teilweise haben sie keine Gesichter mehr. Wurden ihnen mit diesen runden Filtern aus Milchglas weggelöscht. Tote in der Glotze. Tote vor der Glotze. Tote vor der Glotze - in der Glotze. Das geht immer so weiter.
Ich habe auch Angst vor der Zeit, wenn die Menschen erwachsen sind, deren Entbindung ich bei Hallo Baby gesehen habe. Weil Sie schon als Föten in der Glotze kamen. Das sind zwei Dinge, die man nicht kontrollieren kann. Die blutige Geburt. Der blutige Tod. Alles, was dazwischen mit dir passiert, kannst du steuern, sagt jeder. Du lächelst jemanden an, sie lächelt zurück. Actio und reactio heißt das in der Physik. Ich habe viele Frauen angelächelt. Keine hat zurückgelächelt. Du lächelst mich auch nicht an. Was soll das? Habe ich gesagt, man kann den Tod nicht kontrollieren? Da habe ich gelogen. Mach mich bitte nicht wütend. Ich habe Angst davor, wütend zu werden, noch wütender als ich bin, wenn ich bei ebay mitkriege, wie die Leute acht Tage vor Ende einer Auktion schon zu bieten anfangen. Wisst ihr, wie viel mich diese zwei Paar Handschellen gekostet haben, nur weil ein paar schwule Arschficker sie für irgendwelche Perversitäten ersteigern wollten? Warum verstehen diese Arschlöcher nicht – wo kommt denn das – ist das dein Handy auf dem Tisch? Hey. Ich habe genauso eins. Die Dinger sind auch überall. Ich kenne niemanden, der keines hat. Das ist unheimlich, oder? Noch schlimmer ist, dass ich mich nicht erinnern kann, wie es früher ohne Handys ging, was ist mit euch? Glaubt ihr, man braucht diese Scheißdinger? Für eines vielleicht, habe ich mir überlegt: Also, wenn ich eine Frau wäre, eine ängstliche, dann würde ich bei „Anrufnamen“ meine Schreie aufnehmen. Falls ich vergewaltigt werde. Dann schreie ich einfach, und mein Handy ruft automatisch die Bullen. Ich will damit nicht sagen: wir leben in so einer schlimmen Welt. Ich will dir auch keine Angst machen. „Angst machen.“ Das klingt wie „Kuchen backen“. Das ist lustig. Denn: Man kann keine Angst machen, weil sie immer in dir drin steckt. Ich sehe gerade, dein Mann hat einen kleineren Schwanz als ich.

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Wisst ihr, was mich stört? Dass ich eure Namen nicht kenne. Ich könnte dich ja Uwe nennen. Und dich Beatrix. Wobei ich neulich einen Traum hatte von uns beiden. Echt. Als würden wir uns schon ewig kennen oder so. Nja. Der Traum. Frag nicht, wo wir waren. Weiß ich nicht mehr. Aber deine Brüste waren nackt und wurden immer größer. Die Dinger wuchsen einfach so, bliesen sich immer weiter auf. Von alleine. Und ich starre nur darauf. Du hast dann gesagt: Stich sie weg, stich sie weg! Ich frage: Womit denn?
Weil ich nichts hatte. Dann fängst du an zu schreien: ich kann doch nichts dafür! Und ich wieder: Wie soll ich’s denn machen? Und du schreist:: Mit deinen Augen. Und dann merke ich, wie aus meinen Pupillen lange dünne Stahlspitzen rauswachsen und immer länger werden und schwerer. Mit denen steche ich dir direkt in die Brustwarzen, und da kommt statt Luft Musik raus. Die Nationalhymne, ganz seltsam tief gesummt, als hätte jemand den Text vergessen.

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Die Leute tun manchmal Dinge, als wären sie auf Drogen oder durch oder irgendwie anders betäubt. Ich habe gelesen, dass 100 Tonnen Schmerzmittel jährlich vom menschlichen Körper wieder ausgeschieden werden. Das Zeug ist im Grundwasser. Und im Trinkwasser. Und was noch? Blutfettsenker, insbesondere Clofibrinsäure, Antirheumatika, z.B. Ibuprofen und Diclofenac, dann noch diverse Analgetika und Röntgenkontrastmittel. Ich meine, obwohl wir gar nicht krank sind, nehmen wir trotzdem die ganze Zeit diese Medikamente und wissen es gar nicht. Das kann doch nicht gut gehen. Ich will das nicht. Bin doch kein Versuchskaninchen. Diese Arschficker. Ich trinke kein Wasser mehr, seit ich das weiß. W.C. Fields hat mal gesagt: „Ich trinke kein Wasser. Fische ficken darin.“ Menschen ficken auch darin. Oder bluten rein. Die ganzen Weiber mit ihren vollgebluteten Tampons, was Uwe? Oh Mann. Und wir müssen’s schlucken. Blutschlucker. Wir werden so was wie Vampire. Bläst du deinem Mann eigentlich öfters einen, oder nicht? Und wenn ja, schluckst du’s runter zu dem anderen Scheiß, der da in dir drin steckt?

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Hörst du mir zu, Beatrix? Richtig zuhören, nicht zuhören wie man halt so zuhört, meine ich. Auf alles andere kann ich verzichten. Wenn wir jetzt Sex hätten, und ich wäre eine Gottesanbeterin und du ein Männchen, würde ich dir während des Geschlechtverkehrs den Kopf abfressen. Die machen das so. Dann wäre das Problem gelöst. Der Kopf wird weggefressen, und der Körper vögelt weiter. Auch später noch, wenn er auf den Boden fällt, weil die Gottesanbeterin keinen Hunger mehr hat. Manchmal fühle ich mich genau so. Als wäre ich das Weibchen. Manchmal bin ich das Männchen.

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Kleiner Tipp an deinen Ehemann: wenn man sich abends sehr langweilt, oder du ihm keinen blasen willst, könnte er auch mal einer fremden Frau auflauern, sie ist mit dem Fahrrad irgendwo, man bohrt ein kleines Loch in den Mantel, so dass die Luft erst den Reifen dann schlapp macht, wenn sie mitten im Wald ist, mathematisch kann man das ja berechnen und im Eigenexperiment ausprobieren, mit einer Stoppuhr selber losfahren und dann sehen, wie weit man kommt. Actio und reactio. Nicht dass ich sowas machen würde. Ich brauche solche Theorien, weil es wie eine Notbremse für meinen Kopf ist. Die Gedanken bewegen sich manchmal so schnell hin und her, dass ich Schmerzen davon bekomme. Ich habe keine Ahnung, woher das kommt. Vielleicht von dem Zeug im Grundwasser. Vielleicht von den Handystrahlen. Bin wahrscheinlich schon längst verseucht.

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Natürlich bringt es nichts, zu schreien, wenn dein Mund geknebelt ist. Fällt mir gerade ein. Also: die Idee mit den Anrufnamen kannst du vergessen.

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Ich verrate euch mal was: langsam glaube ich, dass sich irgendwelche Menschen in Münchener Büros um mein Leben kümmern. Sie schicken mir Couponhefte. Rufen mich an. Erinnern mich netterweise daran, dass ich letztes Jahr bei einem Preisausschreiben mitgemacht habe. Ich weiß nicht, woher sie meine Adresse haben. Meine Nummer. Aber am anderen Ende ist immer eine Frau mit einer Stimme, die Glas zum Schmelzen bringt. Ich habe sie mal nach ihrem Namen gefragt, sie sagte Beatrix. Sie hat versucht, mir ein Handy plus Lebensversicherung zu verkaufen. Während die Schlampe auf mich eingeredet hat, habe ich o­naniert. Als ich ihr das schließlich sage, legt sie auf. Hat wohl gedacht, ich sei pervers. Aber sie schicken mir trotzdem noch Briefe, in denen steht: Ja, ich will in zwei Wochen Spanisch lernen. Ja, ich möchte dies und das. Ich weiß nicht, woher sie wissen, was ich will. Aber wenn man oft genug etwas wiederholt, glaubt man es auch irgendwann. Hat mir mein Vater eingebläut. Beispiel gefällig? Also. Ich hasste früher Rosinen. Musste davon kotzen. Sie erinnerten mich an schleimige Popel. Und heute esse ich die Dinger tütenweise. Was ich will: Ja, ich will tatsächlich Sex mit Beatrix, ich will, dass sie Telefonsex mit mir haben will, und glatte braune Haut, ich will glatte Haut, in dem sich das Lächeln anderer Frauen widerspiegelt. Ja, ich will einen muskulösen Bauch und alle Artikel aus dem Manufactum-Katalog, falls der Waschbrettbauch nicht ausreicht. Ich will, dass ich mich an den Abend mit Euch immer erinnere. Hörst du? Ich will. Ich will. Ich will. Sprich mir nach: Ja, ich will. Was? Klingt fast so, als würdest du mir einen Heiratsantrag mit meinem Schwanz im Mund machen. Geht das nicht deutlicher?

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Du kleine Drecksnutte. Du Nutte. Schlampe. Wolltest es doch. Hast es mir doch gesagt. Scheiß Schlampe. Und jetzt heulst du wegen dem bisschen Uwe-Blut. Woanders schneiden sie Menschen die Köpfe ab. Das ist mal ne richtige Sauerei, sage ich dir. Ich könnte was von deinen Haaren abschneiden und sein Zeug damit aufwischen. Oder warte mal. Halt still. STILLHALTEN VERDAMMT! So. Ja. Das ist gut. Siehst du. Jetzt hast du ne neue Frisur. Musstest nicht mal Geld für die Tönung ausgeben. Mir gefällt´s. Ob’s dem Uwe auch gefällt? Scheiße, hatte ja vergessen, dass er jetzt gar nichts mehr sehen kann. Naja. Was sagt man da? Danke sagt man. Kein Grund, sich in die Hosen zu pissen. Sag mal, habt ihr eigentlich irgendwelche guten CDs hier? The Soundtrack of our lives vielleicht? Mir geht das langsam auf den Sack, ständig nur meine Stimme zu hören.

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'Cause if you'll just have to die, just to get some reply
I'll give you back you eyes so you can see
And if you never had enough
And if fools are satisfied
Well, all you have to do is to let it bleed for me
While you try to stay away from the ironic dead end streets
So true...

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Jetzt gebt mir mal einen Tipp, was ich später auf die Videokassette schreiben soll. „Uwe, Beatrix und ich“. Wie klingt das? Klingt nach einer billigen Komödie, richtig? Und außerdem weiß keiner, wer dieses Ich ist. Das ist traurig. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich irgendwann in der großen Videothek des Lebens mal die Kassette mit meinem Namen drauf abgeben muss, will ich wenigstens, dass sie irgendjemand wieder ausleiht. Und dann will ich, dass jeder sagt: der Film war so krass. Die Stelle, als der eine an die Heizung gekettet ist und die Tussi ans Bett. Ich will, dass wildfremde Menschen ihn sich immer und wieder ansehen. Kritiker sich darauf einen abwichsen. Frauen anfangen zu heulen. Kerle sich genauso anziehen wie ich. Ihr beiden zum Beispiel seid ja beim Dreh gerade exklusiv mit dabei und – irgendwie habe ich gerade ein Déjà-vu... Als hätte ich das gerade eben schon mal hier gesagt. Mit dem Dreh. Als würde ich schon das Ende kennen. Sciencefiction. Mögt ihr Sciencefiction-Filme? Beatrix? Mit Sachen, die so eigentlich gar nicht passieren können?

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Jetzt sieh sich das mal einer an! Alles verbrannt. Uwe, Uwe, Uwe. Die ganze Zeit denke ich, was riecht hier denn so nach McDonalds. Ich dreh besser mal die Heizung wieder runter. Beatrix, warum hat er denn nichts gesagt? Das muss doch ziemlich wehgetan haben. Oder wollte er vor uns beiden nicht heulen? Beatrix, wenn ich eines weiß, dann das: Du darfst nicht alles in dich reinfressen! Lass ruhig alles raus. Keine Schwäche zu zeigen ist ein großer Fehler, sage ich. Ihr denkt vielleicht, man kann heutzutage keine Fehler machen. Ihr denkt, ihr seid versichert gegen Fehler. Wie ein Auto. Ein Haus. Eure Zukunft. Ihr denkt wohl, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Glaubt, ihr habt genügend Tipp-Ex, um alles, was euch in eurem Lebenslauf nicht gefällt, auszulöschen. Das stimmt nicht. Die Farbe darunter bleibt. Seht mich an. Manchmal kommt die Schrift darunter wieder zum Vorschein. Man kann dann wieder alles lesen. Ich muss immer weinen, wenn ich Mönche singen höre. Ich kann nichts dagegen tun. Als würde da in mir drinnen ein Knopf gedrückt werden, auf dem steht: „Lass alles raus!“

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Ich glaube übrigens an ein Leben nach dem Tod. Ich frag mich nur, ob die da oben alles sehen. Also uns jetzt. Aber auch das Fernsehen hier unten. Irgendwann habe ich mal eine Sendung über Geister gesehen. Da sagte irgendein Forscher für Paranormales: Wenn wir uns einen Film ansehen, der mit einem heute bereits verstorbenen Schauspieler gedreht worden ist – sehen wir dann nicht eigentlich einen Geist? Denk mal darüber nach. Ich kriege Gänsehaut, weil ich weiß, dass er recht hat. Weil ich daran denke, wie viele Geister ich schon gesehen habe. Eine ganze Welt voll. Und ihr beiden seid auch schon welche. Ihr seid schon jetzt Geister.

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Ich habe keine Ahnung, was ich dir eigentlich noch alles erzählen soll, damit du... Das Problem ist einfach folgendes: will irgendjemand überhaupt meinen Film sehen? Weil es so verflucht viele andere gibt. Das ist so, als wäre ich ein einsames Emoticon irgendwo im Internet. Ich meine, bei euch hier muss ich mich nur einmal umsehen, nur mal im Schlafzimmer. Und das reicht schon, dass ich mich ziemlich beschissen fühle. Beatrix. Weißt du, was mir die Gardinen, der Spiegelschrank, die Satinwäsche sagen? Sie sagen: das könnte alles dir gehören. Du warst nur leider zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, während alle anderen es geschafft haben. Tut mir leid, Sie waren nicht der Hauptgewinner unserer Verlosung, aber haben immer noch die Möglichkeit, einen Trostpreis anzufordern. Ich – will – keinen – Scheiß – Trostpreis! Ich will auch keine Nebenrolle in eurem Leben. Ich will auch kein Handy, das nie klingelt. Das mit der Telefonstimme vorhin war übrigens gelogen. Beatrix war nur der Name meiner Schildkröte, als ich 13 war. Ich hab sie im Garten laufen lassen, irgendwann ist sie in die Garageneinfahrt gekrochen, und der Audi meines Vaters ist über sie drüber. Wusstest du, dass Adler Schildkrötenpanzer knacken, indem sie sie von weit oben auf den Boden fallen lassen? Ob meine Beatrix in dem Moment das gleiche gefühlt hat wie die fallenden Landschildkröten? Wenn man Schildkröten auf den Rücken legt, können sie sich nicht aus eigener Kraft umdrehen. Denen geht es dann in etwa so wie dir gerade.

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Machen wir uns doch nichts vor: Mit uns beiden hat es nicht geklappt. Von dir kam einfach kein Funken. Als wäre ich unsichtbar gewesen, die ganze Zeit. Als wäre ich nur ein einziges Voice over gewesen. Der böse Geist im Offscreen, der hinter den Transportlöchern des Filmstreifen haust. Soll ich dir sagen, wie man da hin kommt? Willst du wissen, wie es da aussieht? Wenn ich lange in eine spiegelnde Oberfläche schaue, stundenlang, manchmal tagelang, verschwindet erst die weiße Wand daneben, die Straße, die anderen Menschen, alles. Dann bin ich da. Im Offscreen. Aber ein einzelnes beschissenes Blinzeln, ein Geräusch, ein Fliegensummen reicht aus und alles war umsonst. Ich sehe wieder nur einen bösen Geist, der einen bösen Geist ansieht. Das ist alles. Scheiße. Deswegen der Knebel. Damit es still ist. Jedenfalls ziehe ich das Tape gleich noch auf VHS. Ich werd’s dir da lassen, wenn ich verschwinde und den Videorekorder auf Endloswiederholung stellen. An das Panzertape auf den Lidern gewöhnst du dich auch noch. Glaub mir. Es ist ja nur, damit du nicht denkst, dass es so endet mit dir. Das wird es nicht. Weil du merkst, nicht das Ende ist es, was du fürchtest. Die Angst vor dem Anfang ist in Wirklichkeit noch viel schlimmer.

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Was für ein trauriger Anblick. Da komm ich rein und die Glotze läuft. Ihr hättet was anderes machen sollen. Euch lieben. Oder wenigstens miteinander reden...



Hanno Raichle,
geboren 1978 am Bodensee,
studiert seit 2000 "Kreatives Schreiben und
Kulturjournalismus" an der Universität Hildesheim.
Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften und im Radio.
www.somnambulanz.de

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