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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:39

 

Roland Steiner: Nasenbein, rein

17.08.2006

Dieses Blumenstück ist den Verehrern des Schwelgerisch-Präzisen zugedacht. Geht das überhaupt zusammen das Maßlose und das Buchstäbliche, krittelt ein professorales Stimmchen in Kathederweiten. Roland Steiner liefert den Beweis! Ein Genussriese für alle, die Literatur auch kulinarisch zu begreifen verstehen. Ja – zu begreifen verstehen! (Die Redaktion)

 



NASENBEIN, REIN

Wie denn der Unfall passiert sei, fragt die anzulernende, knapp vierzigjährige Ordinationsgehilfin, um von ihrer Nervosität im Umgang mit versicherungsrechtlichen Daten abzulenken. Richtiger Ort, falsche Zeit, blase ich halbautomatisch einsilbig aus meinem linken Mundwinkel. Der Bruch des Nasenbeins setzte sich über den Oberkiefer durch Lippenrisse fort in jene Muskeln, die sonst eher sperren, als den Mund aufschnappen lassen, die Netzhaut über beiden verängstigten Pupillen war angesprengt. Als mein Mann sich einen Schädelbasisbruch holte, hebt sie an, und ich schiebe den Körper seitwärts in den Warteraum.

Schädelbasisbruch. Falscher Ort, richtige Zeit. Ein Geburtstagsfest für Lara. Wir traten an als Gespann, standen wie immer bei solchen (eigentlich allen) Anlässen Arm in Arm, durstig und hungrig und bereit auf dem violetten Fußabstreifer mit einem unwiderstehlichen Geschenk. Als sie es öffnete über all den Büchern und Gutscheinen und Stofftieren für Zwanzigjährige, hatten wir es bereits geschafft, sie schielend zu zwinkern. Hirn, Lunge, Leber und Herz, in einer Tasse ineinander geschoben, von verschiedenen Fleischhändlern gekauft. Deine Dominanz, liebster Toter, denke ich jetzt, ärgere und schäme mich inmitten der Versehrten in der römischen Stadtrandambulanz. Lara hatte geprustet, gespuckt vor Lachen, die Anwesenden waren erstarrt oder hatten eine Gänsehaut angelegt. Später, nächtens, gloste der Raum, Funkenliebe quer und sonders, eruptierende Kelche und Kehlen, Körper tanzten sich Hitze aus dem Leib, Sonne rann von den Stirnen, und Rein traf Lara in der schon abgeschlossenen Küche mehrmals. In der randvollen Badewanne, mit Bierdosen und Weißweinflaschen als Kanonenboote gegen den Nabel gerichtet lag ich, blies Rauch an die Kiefernholzdecke und erzählte von Rein und mir, wenn jemand Nachschub holte. Ich fixierte die Spirituosenkerzen, nahm mir dann eines meiner Herzen und stieg aus der Wanne, stapfte ganz stolzer, fetter Otter durch den noch immer knisternden, erregten Raum ins Schlafzimmer; ließ sie offen, die Türe, und spreizte meine Augen liegend scheel. Whiskey. Schädelbasisbruch, hätte ich gesagt, erzählten sie mir am folgenden Nachmittag, als die Festrelikte noch frühstückten, und ich den Kopf in einen Kübel voll Wasser und Eis hängen ließ, Schädelbasisbruch, immer wieder, bestätigten Lara und Rein.

Ich konnte die Schläge nicht austarieren, ich stand zu nahe einerseits, andererseits wurden meine Schultern nicht frei gelassen: Ein Lachen bläst aus meinem linken Mundwinkel bei diesen Überlegungen, was ich dem behandelnden Arzt erklären soll auf die Frage, wie der – noch immer – Unfall passiert sei; ich und austarieren, ich und Schläge: Paare, die mir nicht passen, welches schon. Am Boden des Warteraums wälzt ein etwa Dreijähriger, enthauptete Miniaturpuppen durch die Endlosschleifen des allgemeinen, selbsttätigen Schweigens. An den Wänden hängen rahmenlose Nagellacktropfbilder, Bilder gespachtelter Massen in rosa und Mahagoni, darüber meist weiße Schlieren gezogen, tote Konturen und abknickende Rundköpfe wie Clownmasken.

Aufgebrochen als Maler, zurückgekehrt als Bühnenbildner. Kein einziges deiner Solothurner Szenarien hattest du hergezeigt, stattdessen bereits die Nebensatzgleise deiner Biographie mit stummen Rufzeichen versehen um die Ohrläppchen gerieben. Dantons Tod? Kleist? Weiss? Jahnn? Wüste. Ich besuchte dich, so oft ich es von den beruflichen Tätigkeiten abschneiden konnte, aber nie hattest du, da konnte ich noch so anheimelnd bitten oder bohren, mir von Bühnenbildern auch nur erzählt. Sprechen Sie mit den Toten, es lohnt sich in Ihrer Seele, steht auf einem Kleinplakat irgendeiner Kirche am Flur vor der Anmeldestation. Ich kann dich wieder duzen. Ein italo-albanisches Obdachlosen-Pärchen hat sich zu den Krabbelkindern gebeugt und wiederholt seine Liebes- und Todesschwüre, seit ich hier bin, mit meiner Mulltupferpyramide über dem nun dreimal gebrochenen Nasensarkophag. Ihre Kopfbeulen und Schwären sehen unheilbar aus, blaue, schon nichtssagende Blutsedimente an den Unterarmen und Knöcheln. Lara hatte sich, nachdem sie von ihrer letzten Reportage aus den brasilianischen Großstadt-Favelas zurückgekommen war, die – wie sie sagte – Schamvenen blau nachgezeichnet mit Ölkreide. Ihren Finger spürte mein Hirn, nicht der Penis, an den sie salbadernd andockte, ihn punktierte, schwinden ließ und auswarf, ihr Grunzen – putaria, putaria – dabei aus Milliarden brasilianischer Wellblechhüttenhaare. Sie starb vor dir, lieber guter Rein, mein Toter. Mein sich noch immer kränkender Walbauch. Ein Greinen, weil damals nie eine Frage an mich kam, liegt mir eng in der Bergziegenausstattung winters, brechend in meinem aussichtslosen Hunger. Ausgesiedelt hattest du dich selbst, versuche ich den Dialog in mir zu dir liebem Toten; versprengt deinen Sohn und Ana zurückgelassen in Solothurn. Was bin ich moralisch dir gekommen, ich Tor im Beton der Einsamkeit. Aussiedeln, einsiedeln oder einsitzen, versiegeln waren Paare, mit denen ich dir begegnete, nicht mit meiner ungepaarten Berufsvöllerei. Ich startete die Wiederbelebungsversuche noch – oder schon – im Rinnsal: Wie auf einer mobilen Zusatztribüne saß ich an zwei Samstagen im Monat in deinem Atelier und suchte in dir nach dem, was du suchen hättest können wie in Samentaschen. Du aber beharrtest, anstatt den Faden weiterzuspinnen auf deine grell leeren Blätter und Leinwände, auf Medizin, so plötzlich, so Frösteln schaffend, dass ich deine einzig verbliebene Bezugsperson, deine Mutter, mich zu fragen nötigen musste: Was hat Rein? Seine Herzkranzgefäße, sagte Paula und erklärte nichts, und dann, als ich für beider Hund ein Grabloch gebuddelt und diesen in einer mit Ofenschamotte ausgekleidet gestützten Kiste darin versenkt hatte: seine Scheidewand – was immer das war. Allen Schaffensperioden, kaum dokumentiert, entlang führtest du mich nie. Ein paar Videos sah ich, von deinem Bruder geführt, en bloc verscherbelte Gemälde und Zeichnungen, wenige hingen, und die waren von mir oder alten Bekannten, die zu Geld zu machen du ob eingeimpfter Restmoral nicht konntest, und deine plastischen Werke waren funktionale, Flaschenöffner, Fernbedienungshüllen, hastig gestaltete Medikamentenpackungen. Es dauerte lange, ehe Paula öffnete, länger, ehe du an der Tür standest. Dann saß ich neben dir auf dem Hundepolster, holte mir ein Bier aus deinem Kasten, streichelte die Wangen oder küsste deiner Mutter Stirn, bevor du loslegen konntest mit deiner starren Eloge auf die Radfahrkünste, die Touren und die Tür zum Flur dafür aufgezwängt hieltest, um es sichtbar zu halten, deinen erotischen Speichenkörper. Gefahren hast du es selten. In den folgenden Stunden war es an mir, eine Hand oder beide Arme dir richtig habhaft vor deine zu legen, damit du Zugriff hattest, wenn die Monologe des Schimpfens, des Brüllens, des Stöhnens ihr Ende fanden. Damit meine Hände und Arme dir bereit standen, um dich ohne Tränen fremdberühren zu können. Aber vielleicht, grüble ich jetzt ich meinem Geschlagenwordensein, waren deine Augen in deiner letzten Daseinsphase gar nicht ohne Tränen, vielleicht ließ die alkoholische Augensee keine salzigen Schlierenkonkurrenten zu. Meine Lider sind verklebt, ich hoffe nicht verblutet, als dass ich sie nicht mehr öffnen könnte. Ein Mann mit Turbanverband scheint vor mir zu stehen und empört sich über die Behandlung hier. In einem Spital so in der Nähe von Rebibbia, dem Gefängnis der auch politisch Asozialen. Als ich Rein erzählte, da drinnen Roten Brigaden und Neofaschisten gegenübergesessen, meine oft schon deponierten Fragen vergessen zu haben, lachte er nicht, sondern zieh mich des Irrtums, dem ich in seinen Augen schon immer aufgesessen war: Jemanden etwas für seinen persönlichen Aufbruch bestimmtes zu fragen. Für solche seiner, damals noch einigermaßen energischen Proklamationen – Erfahrungen, wie er keck sie nannte – hatte ich weder den Panoramafernrohrblick noch die antizipierende Spürnase.

Ihre linke Nasenscheidewand ist eingerissen, ein Knorpelstück gequetscht, das Nasenbein ungünstig und – wie wir sagen – schlecht gebrochen, es wird nicht konform zusammenwachsen, schilderte der Ambulanzarzt und bat mich zu setzen auf seine befleckte Liege und zu warten. Nach einer halben Stunde erscheint er in der Tür und wirft auf seinen Bürotisch eine dicke Mappe hin, für Sie, sagt er, ich solle mir eine aussuchen, und verschwindet. Ich schlage die Mappe auf: Aberdutzende Nasen ohne Umfeld, Gesicht oder Augen, aber mit Preis. Lieber guter toter Rein, das brechen wir nicht auf.




Roland Steiner

geb. 1971 in Leoben, studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Italienisch in Wien, Siena und Rom. Literarische Veröffentlichungen in Zeitschriften, Hörfunk und Internet.

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