H.W. Prunck: Die Konferenz der Tiere
17.09.2006
Unzugänglich, hart, komprimiert. Danke.
(Die Redaktion)
Die Konferenz der Tiere
Adhama Adil griff sich gewaltig in den Bart. „Was soll der Scheiß?“ Er schepperte den Blechkanister um und betrampelte die vielen Papierpäckchen am Boden, dass es staubte. „Wir müssen die Tabletten nachher ja sowieso zerkrümeln, danke auch!“ Neelam Monaco sah ungerührt auf den turbanierten Musel, der sich aufführt wie die jüngste Gerichtbarkeit. Zum Trotz sog er extralang an seiner Panama, bis die Hornhaut zu knistern begann. Sie hatten sich bei den Werbenbergs getroffen, um Adhama Adil die Wirkung von Hitler-Speed zu offenbaren. Aber der hatte ja gar keine Ahnung, wie schnell man sich verdächtig macht, wenn man heutzutage ein größeres Pensum Erkältungstabletten erstehen will. „Vielleicht haben die Nigger hier ja auch nur zuviel Fusel intus!“ Monacos Nerven kitzelten verdächtig. „Es sind keine Nigger, es ist Klientel, kapiert? Alle in diesem Land sind Klientel. Es klingt nicht nur hübscher, es ist auch wahrer.“ Neelem räkelte sich geradezu im Glanz dieses Schiedsspruches. Der Panamastummel franste von dem Twist der Schuhsohlen völlig aus. Ein schlecht frisierter Dreck. Lenka riss sich von der konzentrierten Beschauung der Stadt los. „Sie trauen uns wohl nicht!“ Dem Auswärtigen kniff sie ihre Augen entgegen, als ob sie ihren Groll rausmangeln und ihm in den fingergekämmten Bart spritzen lassen wollte. „Nur soweit ihr uns dienlich seid! Und das wisst ihr.“ Monaco kniete sich zu dem Sammelsurium herab. Klar sah es irgendwie bejammernswert aus. Aber diese Schmucklosigkeit machte ja gerade das Grausame aus. Jod, Phosphor, Quecksilber, Salzsäure, Aceton und die Schnupfenmedikamente – das schindet natürlich erst mal wenig Impression. Die Gewinnmarge für Methamphetamine war jedoch schwindelerregend, was den würdestarren Mullah aber nicht zu interessieren schien. „Es ist uns rundweg egal, wie viel Geld ihr damit macht! Hauptsache, es verbreitet sich in diesem Land wie ein Heuschreckenschwarm.“ Der biblische Ramsch ging Monaco und Lenka gleichermaßen am lebensgestählten Gemüt vorbei. „Mutter Meth frisst Hirne.“ Adhama Adil brauchte einen Atemzug, um zu erfassen, was ihm Lenka da entgegengespuckt hatte. Dann fand er aber wieder zu seiner gewaltgesalbten Form zurück. „Fabelhaft. Lasst es nur Hirne fressen.“ Lenka schniefte sich den Nasenwinkel eckig und machte eine Geste der Ignoranz. Neelam dagegen sah an dem großen Gewand hinan und hielt Adhama die in Papier gepackten Pillen entgegen. Der rührte sich aber nicht. Ein Schnarchen kam vom Sofa. Es war Elmar Werbenberg. Er kratzte sich den Schorf vom Gesicht, seine Visage bekam rosa Flecken. Dann drehte er seinen schwarzen Walspeck auf die Seite und grunzte ordentlich weiter. Nora dagegen war wie entseelt. In ihrem offenen Mund glänzten kohlige Zahnstümpfe. „Ich mach Ihnen jetzt mal ein Angebot, großer Massa. Das ganze Zeug koch ich jetzt zu einer wunderbaren Soße zusammen, der absolute Nazihammer! Und dann probieren wir´s einfach an den beiden dort aus. Die stehen drauf, freuen sich bestimmt.“ „Verkaufen Sie mir hier eigentlich eine Droge oder billige Gehirnprothesen?“ „Und ich dachte immer, ihr steht auf zünftigen Fascho-Kram?“ Neelam streckte seine Hände aus, als segne er den ganzen Plunder zu seinen Knien. Aber Adhama Adil hatte sich längst in ostentativer Abscheu weggedreht. Mit ihrem kleinen, transportablen Labor brauchten sie für die Verfertigung der Sonderarznei nicht lange. Bald schon beschwerte sich der Turban über den Geruch. „Das stinkt ja bis zur nächsten Polizeistation rüber!“ „Keine Bange, die Küchen befinden sich alle im Hinterland. Die Gärten sind da so groß, die Hütten so abseits und dazwischen nur Maiskolben in Reih und Glied.“ Adhama ging ekelgetrieben aus dem Wohnzimmer. Hielt die Hand vor Nase und Mund. Beten, wie er sagte. Als er zurückkam, traf er den wunden Punkt. „Und was glaubt ihr? Wie lange werden die zwei Nigger da noch auf der runzligen Haut ruhen?“ Tatsächlich machten die zwei Wohnungseigner keine Anstalten, sich auch nur im Ansatz den mittäglichen Freuden eines Katers zu stellen. Dann trat Adhama Adil Nora Werbenberg in aller Plötzlichkeit in den knochigen Rumpf. Etwas schäumte aus ihrem Mund hoch. „Ihr habt nichts und ihr seid nichts! Gott spuckt euch, das verkommene Ebenbild, an. Hier liegt der Dreck, den der Teufel persönlich ausgeschissen hat!“ „Lassen Sie sie in Ruhe, Mann!“, barst es aus Lenkas Mund. „Sonst?“ Adhama flackerte mit den Augen, so irre, dass sie ganz aus dem Tritt geriet. Der Flüssigkeit in Monacos Hand wuchs allmählich etwas Willentliches zu. „Hier ist das Geld! Das ersehnt ihr doch, oder? Mehr als alles andere!“ Ein Packen Scheine fächerte auseinander wie ein bleicher Palmwedel. Die Oberfläche leckte Adhama als Kusshand ab. „Ihr könnt es schmecken. Kommt, probiert mal. Der Arsch des Teufels. Hier, schleckert nur, schleckt!“ Adhama Adil warf das Geld mit einem Hui zwischen die Gerätschaften. Der Bunsenbrenner lief noch, und ein, zwei Scheine begannen schon, wie in Brand geratene fliegende Teppiche, in der Luft Feuer zu fangen, Lenka suchte sie noch zu retten, da nahm Neelam Monaco ihre Handgelenke, sie der Ehrlosigkeit zu entreißen. „Neel, das Geld! Es brennt doch! Das sind verdammte Hunderter, du verdammter...“ Doch Monaco drückte Lenka nur an sich und presste ihr einen Kuss auf den halboffenen Zetermund. Darauf schüttelte er sie zart an ihren Knebelarmen und sagte: „Komm, hilf mir! Hilf mir jetzt bitte! Du wirst sehen, wie gut es tut!“ Lenka begriff nicht gleich, als Monaco eine Spritze vom Boden klaubte. Braune Klumpen waren im Inneren zu sehen, auch an der etwas verbogenen Nadel. Er zog sie auf mit der noch warmen Flüssigkeit, bis das Instrument voll war. Viel zu voll. Adhama grinste gottbesoffen. „Ihr braucht es auch, was? Sonst gelingt im Leben ja nichts mehr.“ Monaco ging mit der Spritze auf Lenka zu. Es schwollen vorne Tropfen heraus. „Bitte nicht, Neel! Ich will das nicht!“ „Keine Angst, mein Engel“, tuschelte er ihr zu. „Versuch ihn einfach nur festzuhalten, ja? Du schaffst das schon.“ Adhama Adils Blick glich einer zerspringenden Galaxie. So aus den Fugen war noch kaum ein Auge geraten. Ihn zu Boden zu zwingen, geriet dann auch ziemlich schwer. Viele, viele Schläge - von wohltuender Natur allerdings, wie Monaco befand - waren dazu nötig gewesen. Das Abbinden des Arms – mühselig. Immer wieder wand sich ein Arm frei und sucht ein Ziel für Hieb und Würgung. Das Aufklopfen der Venen dann – fast zu liebreich. „Mal sehen, wie dir mein frisches Hitler-Speed bekommt...“ Als die Flüssigkeit vollkommen in den Körper eingesickert war, konnte man - wenn man Geduld aufbrachte wie Lenka und Monaco - ein Hirn wie grauen Schaum zellenweise zerknistern hören. Und die Worte, welche die umbärteten Lippen noch formten, hatten selbst beim allerbesten Willen, nichts mehr mit Gebeten gemein. Nach der Opferung, die Neel und Lenka so sehr zu einem inneren Segel wurde, enttraten sie neubeherzt der Wohnblockkümmernis, ohne natürlich zu vergessen, noch den Bunsenbrenner umzustoßen, der der Welt so treu seine seligmachende Hitze spendete.
H.W. Prunck:
Jahrgang: 66, kein Studium an keiner Hochschule, zeit seines Lebens in Vechta (Niedersachsen) ansässig, was auch so bleiben wird, liebt Regionalzeitungen und Nietzsche, hat absonderliche Schreibpläne für literarische Totgeburten, ansonsten recht umgänglich und beliebt.
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