Zum 1. Teil12
Der alte LKW jagte über die staubige Schotterpiste. Samuel scheuchte Tom jede halbe Stunde hinaus, um die Scheibe zu reinigen. Der Wischer kam einfach nicht hinterher. Und das Geräusch des kratzenden Sandes auf den Scheiben war markzerreibend.
Überall am Straßenrand lagen ausgebrannte Wracks herum, Panzer, die man einfach verrotten ließ, zernagt vom schmirgelnden Bergwind, daneben lagerten manchmal Hunde, die sich auch nicht rührten, so nah man auch an ihnen vorbei fuhr.
Die Deutschen leisten gute Arbeit hier, dachte Samuel. Wichtige Arbeit. Aber irgendwie würde Afghanistan wohl nie richtig auf die Beine kommen.
„Wir kehren denen hier nur ein wenig den zerstörten Hof, bis es irgendwann wieder von Neuem losgeht“, sagte Tom häufig. Nicht Al-Kaida war hier das Problem, sondern die Warlords. Sie hingen viel zu sehr an ihrer Macht. Vielleicht war dies ja die Ordnung, die das Land brauchte, vielleicht waren unsere Vorstellungen von Ordnung ja völlig unpassend für dieses unregierbare Land, dachte Tom. Sollen sie ihren Sprengstoff nur bekommen. Sie werden schon die Richtigen damit treffen. Das fertige Heroin, das er dafür bekam, stammte aus den Labors im Süden und Osten, aus Nagahar oder Helmand. Es war immer allererste Qualität und brachte in Deutschland ganz fantastisches Geld.
Der Transport befand sich gerade am steilen Aufstieg zum Nil-Kowtal-Pass. Die einhundertdreißig PS des Diesels hatten schwer zu tun. Aber der alte Transporter war außerordentlich robust, das wussten alle bei
Storge International zu schätzen. Sogar unter den extremsten Bedingungen machte er nur selten richtig schlapp. Er hatte seine Macken und musste häufig gewartet werden, aber die sechs Zylinder gaben, was sie konnten, auch wenn der Wasserkühler immer kurz vor dem Platzen stand. Trotz Servo und Allradantrieb war die Fahrt in diesem Teil des Hindukusch eine echte Tortur. Wagenheber und Ersatzrad wurden zu den wichtigsten Utensilien.
Als sie gerade eine gefährliche Enge passiert hatten, sah Tom im Außenspiegel plötzlich Scheinwerfer aufblitzen. Kurz darauf waren erste Hupgeräusche zu hören. Dann Schüsse.
„Verdammt!“
Tom lenkte den alten Mercedes hastig von der Piste. Der Transporter rutschte ein Stück die bröckelige Böschung herab. Gerade noch rechtzeitig fraß sich das Reifengummi in das Geröll.
„Pass doch auf!“ schrie Samuel.
Sie standen schräg am Hang, aber der Wagen schien noch manövrierfähig. Tom zog in einer kräftigen Hebelbewegung die Handbremse und machte den Motor aus.
„Was ist los?“
Kaspers blonder Kopf schoss durch die Vorhänge.
„Nichts, bleib hinten!“
Samuel stieß Kasper in die Koje zurück.
Eine Horde Jeeps kam wie eine Stampede auf sie zu. Man sah schattenhaft gewehrschwenkende Männer, manche von ihnen gaben jetzt sogar Warnschüsse in die Luft ab.
„Verflucht! Das ist keins von den Fact-Finding-Teams!“
Samuel wurde hektisch und schien plötzlich mit Vollgas abhauen zu wollen. Da zog Tom mit entschiedener Geste die Handbremse bis zum Anschlag an.
„Schön ruhig bleiben, Sammylein. Keine Panik.“
Tom machte das Licht in der Fahrerkabine an, damit man außen sah, dass sie nicht etwa bewaffnet waren. Auch hoffte er, dass so das Logo ihrer Organisation, vielleicht auch die deutsche Flagge für die Heranfahrenden zumindest ahnbar würde.
Es war mit einiger Sicherheit eine der vielen Drogenkarawanen, die da an ihnen vorbeidonnerte. An die wagte sich keiner ran. Sogar die Bundeswehrsoldaten nicht, die in ihren schwer gepanzerten Duros hier manchmal Patrouille schoben. Wenn eine Drogenkarawane vorbeikam - Jeeps voller Opium, Heroin und Morphinbase, die Richtung Westen rasten, in den Iran - dann waren selbst die Soldaten zur Untätigkeit verdammt. Die Drogenbarone hatten ihre Krieger wirklich bis an die Zähne bewaffnet.
Ein Jeep nach dem anderen bretterte nun vorbei. Nichts geschah. Zum Glück.
„Auf der einen Seite opulente Gastmahle, auf der anderen opulente Bewaffnung - das ist Afghanistan“, sagte Tom jetzt in die Stille hinein.
„Hast du das gesehen, Sammy?“
„Was?“
„Da sind Special Air Service-Leute dabei gewesen.“
„Und?“
„Was sind das für Leute?“, fragte Kasper sichtlich verwirrt.
„Absolute Superprofis sind das, die älteste Spezialeinheit der Welt!“
„Amerikaner?“
„Nein, Briten!“
„Das interessiert mich alles nicht. Die sollen einfach nur abziehen, damit wir endlich weiterkönnen“, sagte Samuel.
Er verstand nicht, dass Tom so fasziniert von diesen Elitesoldaten schien. Aber der ließ nicht locker.
„Das sind jetzt freischaffende Legionäre. Früher haben die 700 Dollar am Tag bekommen. Und heute bei den Drogenbaronen? Frag besser nicht. Es ist der Mythos der Unbesiegbarkeit, der sie so teuer macht.“
„Scheinen dir zu gefallen, diese kriminellen Arschlöcher?“
„Weißt du, Sammylein, die haben sich einfach dem richtigen Motto verschrieben:
Wer wagt, gewinnt! Steht bei ihnen auf dem Barett, das gefällt mir tatsächlich. Und außerdem kämpfen die Amis hier gegen ihre einstigen Söldner, ist das nicht zum Totlachen?“
„Deinen Humor versteh ich nicht!“
„Ach komm. Wir sind doch die Guten, Sammylein. Die Deutschen sind in dem Spiel hier die Guten, kapierst du?“
„Weißt du eigentlich wie Albert das KSK gerne nennt?“ fragte Samuel.
„Du meinst unsere lieben Jungs aus dem Schwarzwald?“
„Er nennt sie gerne
Kommando Spezialkiller.“
„Das sind doch Anfänger gegen die ausgebufften Briten. Reine Schulbuben.“
„Das war mal, glaub mir. Inzwischen verüben sie im Namen der Politik sogar gezielte Attentate. Natürlich heißt das bei ihnen anders:
Assasinationen. Damit man den Unterschied merkt. Ein toter Drogendealer war später einfach ein Terrorist, so einfach ist das heute.“
Es war das erste Mal, dass Tom sich einen abschließenden Kommentar sparte. Stattdessen gönnte er sich eine neue Pille.
„Ist dir gar nicht kalt?“
Samuel hielt Tom eine Wolljacke hin.
„Nee, lass mal. Alles okay! Aber was zu trinken wär nicht schlecht.“
„Du säufst wirklich wie ein Pferd.“
Aus Samuels Thermoskanne plätscherte eine hellrote, dampfende Flüssigkeit.
„Früchtetee?“ Tom lachte schrill auf. „Du bist und bleibst ein Öko.“
„Bist du etwa müde? Dein Zeug scheint dir zu schaffen zu machen. Du schwitzt wie ein Marathonläufer.“
„Hey, ich rotz das Zeug ja nicht die Nase hoch! Das ist einfach mein Kaffee, kapiert?
Yaba, weißt du, was das heißt? Verrückte Medizin. Das werfen sich in Bangkok sogar die Hausfrauen ein. Und geschluckt wirkt das Zeug ganz sanft. Und es hält ewig an. Genau das Richtige für so eine elend lange Fahrt durchs afghanische Nichts.“
Und dann lachte und lachte er, bis er kaum noch Luft bekam.
Was er Samuel nicht sagte, war, dass er nach so einer Nacht mit Pillen manchmal packungsweise Beruhigungspillen brauchte. Nur um endlich wieder schlafen zu können. Er brauchte den regelmäßigen Ruhetag.
Aber eigentlich war Tom mit seinen Gedanken bei der Übergabe. Sie würde in Yakawlang stattfinden, das war klar. Samuel wäre beschäftigt mit dem Dorfältesten, um die weiteren Lieferungen abzusprechen und ein krakeliges Kreuz unter die Papiere zu bekommen. In der Zeit würde Tom den Erst-Hilfe-Kasten öffnen und unbemerkt den Tausch durchführen.
Es war eine neue Adresse. Er kannte die Leute noch nicht, aber man hatte ihm gesagt, es seien einfache Bauern, die auf diese Weise die Provision für den Gouverneur umgehen wollten. Letztendlich war es also eine gute Tat, dachte er. Ja, eine wirklich gute Tat. Er war nicht so ein Ausbeuter wie die ganze korrupte Politikerbande hier. Nein, er würde einfach das wunderbare Rohopium gegen den Sprengstoff eintauschen. Und der brachte dem armen Hazara einen wirklich prächtigen Gewinn. Er würde sein Leben von Grund auf neu führen können.
Zum 10. Teil---------------------------------------------------------