Zum 1. TeilEpilog
Mir, dem Verfasser dieser Zeilen, bleibt nun den Lesern noch mitzuteilen, dass mich die genauere Untersuchung der Gründe des Freitodes von Albert Hofmann zu dieser kleinen afghanischen Geschichte geführt hat. Ich bin ein alter Freund von Albert Hofmann, jedoch einer von der Sorte, der viel zu lange nichts mehr von sich hören ließ und dann durch die tragische Nachricht so sehr von einem nagenden Gewissen gequält wurde, dass er sich daran machen musste, das zu verstehen, worin er schon lange keinen Einblick mehr hatte.
Albert parkte eines Abends sein Auto zwischen zwei Bahnschranken. Die Straße war kaum befahren, das wusste er. Und er wusste auch, dass auf dieser Bahnstrecke nur Güterzüge unterwegs waren. So wartete er also in seinem Auto darauf, ausgelöscht zu werden, wegradiert. Wie er es sich ausgerechnet hatte, würde außer dem Schock, den der Lokführer erleidet, nur Sachschaden entstehen.
Eine Woche nach Alberts Beerdigung übergab mir Maika dessen Tagebücher. Ich hatte niemals damit gerechnet, dass er überhaupt welche schrieb. Seine Aufzeichnungen waren gänzlich ohne Schuldzuweisungen an andere, sie waren zumeist selbstanklagender, ja man kann sagen selbstzerstörerischer Natur und dadurch für mich, seinen Biographen, auch nur in kleinen, täglichen Portionen zu ertragen.
Im Zentrum der insgesamt sechs Bände steht der Augenblick der ersten Explosion - den Albert selbst nicht miterlebte. In Dutzenden Anläufen versucht er, sich diesem Moment schreibend zu nähern und den Tod seiner Freunde zu verstehen, ihn sogar mit zu durchleiden. Das war zumindest der Eindruck, den ich gewann. Seine Sprache versteigt sich dabei aber oft ins Unverständliche, Nach-Ausdruck-Ringende, ja sogar Verschönernde. Oft war vielleicht auch Alkohol mit im Spiel, wer weiß. Bei der folgenden Passage kam mir dieser Gedanke:
...ein Lichtstrang kurbelt wahnsinnige Glühkurven zum Himmel, tiefes Taumelviolett! Das Führerhaus skalpiert wie eine Dose entlässt ein feuersamendes Blumengehirn, wiegt den hohlen Leib über flammenblutenden Schlitzen! Büschel lieberoter Leuchtkugeln schütteln sich, während blasse Griffe feuergepeitscht ins Ringsher krampfen, gliedlose Finger aus roten Blutbeeten, sprühend ein Strauß Arme, darin horche Schreigeier kreisen... Und so weiter in einer fast zu schön zu nennenden Brutalität.
Trotz ihres schwierigen, schmerzhaften Charakters haben mich Alberts Schriften aber dennoch zum Verfassen der vorliegenden Geschichte bewegt. Es scheint wohl letztlich der allzu vielen Fragezeichen wegen gewesen zu sein...
Mitten in der Niederschrift fragte ich Maika, wie sie gerade auf mich als Chronisten der Geschichte gekommen sei. War nicht Vinzent der viel bessere Freund, war nicht letztlich sie auch die Wissensreichere? Maikas Antwort beschäftigte mich lange. „Du kommst aus der Ferne in seine Nähe zurück. Und da haben sich unsere Wege gekreuzt, denn ich will dahin, woher du kommst...“
Die Hilfe Maikas, die es tatsächlich wagte, das letzte Lebensjahr Alberts zu teilen, obwohl das eintrat, was sie längst vermutet hatte: ein Niedergang in alkoholisiertem Selbstmitleid – diese Hilfe war mir überaus wichtig und hilfreich. Und ihr stetiger Anstoß, die Ereignisse im Hazarajat endlich verständlich zu machen, verhalf mir trotz häufiger Zweifel letztlich zur Vollendung dieser Geschichte. Warum Zweifel? Ich war mir nie sicher, ob ich dem gewachsen sein würde, was mich bei der Auswertung der Tagebücher und der sonstigen Daten, die mir zur Verfügung standen, erwartete. Maika ist mir beim Bewältigen dieser Aufgabe eine unverzichtbare Freundin geworden. Was ich für sie bin, wage ich nicht zu sagen...
Natürlich bin ich nach Afghanistan geflogen. Diese Entscheidung verhinderte, dass ich mich allzu sehr in Alberts Selbsthass verrannte, und stattdessen wieder den Faden fand, der sich durch alles zog und am Ende so hart gekappt dalag.
Alberts langjähriger Freund Vinzent führt die Arbeit von
Storge International in Afghanistan mit einem neuen Mitarbeiterstab unvermindert fort. Es hat fast den Anschein, als könne er jetzt aus dem Schatten seines Kumpans treten und endlich die Verantwortung übernehmen, von der er lange schon geträumt hatte. Ich wünsche ihm gutes Gelingen.
In Yakawlang herrscht jedoch immer noch unstillbare Trauer. Zu viele Bewohner hat das Dorf an den sonnenverbrannten Abhängen des Hindukusch durch die beiden Explosionen verloren. Insgesamt waren es siebzehn, die durch den Granatenwurf und die anschließende Detonation des geschmuggelten Sprengstoffs, der sich im Erste-Hilfe-Kasten im Inneren des Containers befand, getötet wurden. Auch Eberhard Scholten schaffte es nicht mehr. Er erlag schwersten Verletzungen.
Rokias Eltern fand man oberhalb der Hütte auf einem kleinen Plateau im Fels. Eine sehr deutliche Blutspur hatte die suchenden Dorfbewohner dorthin geführt.
Fahimi, der blinde Alte, sagte mir später, dass die Familie Abend für Abend an diesem Ort gebetet habe. Als man sie fand, lagen sie friedvoll nebeneinander, die Hände über die zerschossene Brust gefaltet. Es war kaum vorzustellen, dass Rokia diese übermenschliche Kraftanstrengung bewältigt hatte, ganz allein, mitten in der Nacht. Doch eine andere Erklärung dafür gab es nicht. Später bereitete man der kleinen Familie an jenem Ort ein gemeinsames Grab.
Fahimi führte mich hin. Es war seltsam, von einem Blinden geleitet zu werden. Aber es war, als ginge er wie in Träumen, so sicher, als seien er und das Land untrennbar miteinander verschmolzen.
Anschließend kletterten wir hinab zum Haus von Rokia, Rahime und Sajjed. Es lag verlassen. Ein Schrein. Als ich trotzdem wagte einzutreten - Fahimi ermunterte mich dazu, setzte sich selbst auf die Türschwelle und begann ein Lied zu summen - da empfing mich die große Bescheidenheit eines einfachen Lebens.
Ich ging vorsichtig umher, mit einer Ehrfurcht, wie man sie im Museum an den Tag legt. Dann fand ich eine gerahmte Fotographie. Sie stand auf einem Tischchen im Eck, bedeckt von einem unscheinbaren Tuch. Es war ein Familienbild. Die Personen darauf lächelten jedoch nicht. Der Ausdruck ihrer Gesichter war vielmehr ernst und fragend.
Rokias Augen faszinierten mich. Minutenlang starrte ich auf ihr Bild. In ihrem jungen Blick fand ich alles, was ich glaubte, das ein Mensch nur fassen konnte. Alles. Sie stand zwischen Sajjed und Rahime wie ein Wunder, wie ein Versprechen auf Hoffnung...
Die Fotographie habe ich zurück auf das Tischlein gestellt. Nur das Tuch habe ich an mich genommen. Ich weiß nicht genau, warum. Es ist abgenutzt und handwerklich minderwertig. Aber ich habe es gerne bei mir. Darauf abgebildet ist ein hazarisches Gebet, wie ich heute weiß. Sie sehen vielleicht ein wenig unbeholfen gestickt aus die drei Hütten mit den Rosen und dem Mohn rundherum. Auf den Spitzen aller drei Hütten ist eine geöffnete Hand zu sehen. Die Hütten links und rechts scheinen identisch. In ihnen blühen jeweils vier Palmen, zwei orange, zwei grün. Nur die mittlere Hütte ist anders. In ihr steigt eine Treppe luftleicht gen Himmel und verschwindet in der Höhe hinter sonnengelben Vorhängen. Ich weiß es nicht recht zu deuten - aber immer sehe ich Rokia und ihre Eltern darin vor mir.
Viel wichtiger als das Gebet vollständig zu verstehen, ist mir allerdings das leise Gefühl, das ich verspüre, wenn ich nach diesem Tuch greife, es herausziehe, sein zartes, fast zerbrechliches Gewebe befühle und daran schnuppere. Stets trage ich es bei mir. Denn es gibt mir etwas von dem zurück, was ich längst verloren geglaubt habe.
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Ende