Walter Serner zum 120. Geburtstag
15.01.2009
Er wurde am 15. Januar 1889 im "Haus Edelweiß" in Karlsbad geboren. Doch so beschaulich sollte es nicht bleiben. Seine Bücher wurden beschlagnahmt, zu Schund- und Schmutzschriften erklärt. Er wurde 1942 deportiert und ermordet. Vor dem genialen Dada-, Krimimann und intellektuellen Aufrührer will TITEL sich verbeugen und ihm eine kleine Geschichte widmen. Denn Serner ist Inspiration - pur! - Die Redaktion
"Reichst du mir mal den Wirtschaftsteil, mein Hamsterchen?"
Das mit der Beschaffung einer neuen Aufenthaltsgenehmigung unterlag immer so einer Art Mischkalkulation. Erst einmal gab sie in aller Ruhe vor, ihren Reisepass verloren zu haben. Verlegt, geklaut, entflattert - dieserart. Was dann geschah, diente eigentlich nur dem Zweck, die Wahrscheinlichkeit dieses Verlustes ein wenig zu erhöhen. Gewöhnlich eine kleinere Hand- oder Lippenarbeiten für ein männliches Exemplar dieser Stadt. Und die blasse, lauwarme Milchsuppe, die ihr dann aus den alten urologischen Körperteilen der Beamtenschaft über den Handrücken oder die Lippen tröpfelte, sah sie als vertretbares Gleitmittel an im Konzept ihres personalen Zukunftsmanagements.
Das Leben hatte ihr eben nur diese Ausstattung zur Verfügung gestellt. Hätte sie andere gehabt, wie Münze, Position oder Muskelmasse, hätte sie selbstverstanden diese zum zweckvollen Einsatz gebracht. Ihr war dagegen zugeteilt worden: Glanzhaar, vulkanische Augen und hüftsicheres Gehen mit einem Beinpaar ansehnlichsten Gleichmaßes. Auf die Idee, sich selbst als Demimonde zu bezeichnen, wäre sie nicht gekommen. Sie vermeinte vielmehr, gänzlich strategisch zu agieren. Und der Einsatz, den sie im Moment noch zu bringen hatte, war nur die frühe Phase eines großen, weitgreifenden Transformationsprozesses, eines naturhaften Entwicklungsganges im Wandel der Hilfsquellen: Was heute Lippendienst, würde bald Delegation. So sah Esi Darbonne ihr Leben in der neuen Heimat nun einmal.
Zur Heirat mit einem Inländer hatte sie es nie geschafft, wie liebreizend sie jeweils auch tat. Jetzt ahnte sie zu wissen, warum es die Jahre nie gelungen war, die bescheinigte Heiligkeit des Ehestandes zu betreten. Zu sehr hatte sie sich selbst zu einer allgefälligen Annehmlichkeit im Leben ihrer Liebhaber gemacht, zur Geliebten im eigenwändigen Geviert. Und obwohl sie alles unternahm, was gemeinhin entbrannt machte - die Artigkeit der demütigen Hingabe beherrschte sie wie keine Zweite - sah sie jetzt ein, dass durch ihren anerzüchtigten Dienstleistungsgehorsam nie so etwas wie eigenwüchsige Urliebe entstehen konnte. Denn sogar die Männer - das war das frappante Forschungsergebnis ihrer fünfundzwanzigjährigen Existenz - wollten gefühlige Schererei, das wusste sie jetzt zu gut. Und es galt vermutlich für alle Welt.
Paradox war das schon, zunächst verwirrungsstürzend sogar, doch sie nahm sich vor, von nun an nur noch unter dieser eigens eroberten Prämisse in dieser Stadt zu agieren. a) Eine Eheschließung scheint unmöglich. b) Als Geliebte bist du bald abgemeldet. c) Du willst es monetär dennoch zu etwas bringen. Ergo?
Agan Foutou war das richtige Exemplar für dererlei Experimente. Und die Darbonne mochte ihn. Tatsächlich. Obzwar sie es recht komisch fand, wie er sich kurz vor der Ejakulation immer zur Wand wegrollte wie eine schamhafte Robbe. „Gute Nacht, meine Nomadin.“ Natürlich hatte sie da schon ganz andere Kerle gehabt, solche, die sich das Ammenbier ihrer Liebe geradezu aus den Lenden jammerten und über ihren nubischen Körper verteilten, als sei er ein Beet besten Humus. Aber Agan traute ihr mit bedingungsloser Goldigkeit. Das machte ihn so unermesslich vorzugsvoll für sie. Ein Grund auch für Esi, ihn in den Status des ersten Opferlamms zu erheben war, dass sie seiner schneller überdrüssig geworden war als er ihrer. Und sollte ihr das Vorgenommene gelingen, so würde sie es immerdar zu ihrem Lebensinhalt auserkiesen. Doch zunächst die Sondierung: Was war aus Agan herauszuschlachten? Münze? Er hatte Prokura bei einem mittelständischen Betrieb, das war anbeginnend nicht übel. Ließ sich vielleicht etwas auf sie übertragen? Aktien? Konten? Vollmachten? Das Häuschen am Stadtrand? Esi wollte in ihrem neuen Leben kein buchhalterisches Weltdetail unbedacht lassen. „Reichst du mir mal den Wirtschaftsteil, mein Hamsterchen?“ Ein erster nächtlicher Blick in das schwammige Brieftaschenleder ließ Esi hoffen: ein ordentliches Bankinstitut, Visitenkarten mit Präs. und Dres. und über das Übliche an Barem. Ihr negligiertes Dekollete hob und senkte sich in stiller Exaltation, dann schlüpfte sie zurück ins abgekühlte Satin, an die Seite der foutouschen Einfältigkeit. Nach der Sondierung der Pekunia kam die Wahl der Tötungsweges. Suchte Agan gewisse Risiken, deren nur geringe Verstärkung genügte, dass er dem großen Knochenmann über die Sense rumpelte? Er rauchte nicht. Schade auch. In Tabak ließ sich ja so viel hineinmengen. Auch trank er nur mit fanatischster Maßhaltung: ein Sherryachtel vor dem Essen, ein Hauch Marsala danach. Ihn in die Zügellosigkeit zu treiben, hätte kaum Sinn gehabt. Sportlich war er nicht, sein Fleisch von blasser Hinfälligkeit, spannungsarm selbst in Erregung. Was hätte Esi nur um einen Motorsportler, Stierkämpfer oder Sprungteufel gegeben! Aber Agan Foutou war eine harte Nuss auf seinem Gebiet. Er regte sich nie auf, sodass auch mit hochgedrückten Kreisläufen kaum zu arbeiten war. Suizidale Veranlagung war in seinem Träufelblick nicht auszumachen. Er war der Typ, der mit fünfundachtzig eines nachts das Einatmen vergessen würde. Dann heiterste Himmelfahrt. „Wenn ich sterbe, so sollst du alles bekommen, meine Vagabundin!“ So viel Zeit hatte die Darbonne aber nicht, in dieser Stadt, in diesem Land zu etwas zu kommen. Also nahm sie sich vor, den Untergang Agans aus dem ganz Alltäglichen zu destillieren. Toilettenreiniger in der Zahnpastatube, Quecksilberperlen im Kaffee (sahen aus wie tanzende Fettäuglein), aus Batterien gekratztes Lithium in Nougatcremes, Spritzer Holzreiniger im Rapsöl - diese Kunst.
Natürlich musste sie selbst ungeheuerlich aufpassen. Ihr Leben geriet im Strom der Taten geradezu ins Ausdisziplinierte. Darüber lachte sie manchmal kurz vor dem nächtlichen Einlullen. So ein gut geplanter Mord konnte einem das ganze Leben strukturieren. Es war erstaunlich. Der Frühling war eine gute Zeit zu sterben, dachte Esi. Sie bereitete Bärlauchsalat aus Maiglöckchenblättern und beschloss dabei, Agans finales Kapitel aufzuschlagen. „Es ist angerichtet, Hamsterchen!“ Der Verfall war organischer Natur. Ein stilles Leber-, Nieren-, Herzrequiem. Das half die Verbindung zwischen Esi und Agan sogar noch für kurze Zeit zu begütigen, da sie ihn jetzt immer häufiger zu umsorgen hatte. Es erleichterte ihr aber auch, den Hausarzt näher kennen zu lernen. „Sie sind ja so ungeheuer gewissenhaft, Doktor!“ Dr. Tomer Bernstein war ein siebenundfünfzigjähriger Witwer und hatte die letzten Jahrzehnte einiges an Enthaltsamkeit zu erdulden gehabt. Esi machte ihn unendlich glücklich mit der Schlingkunst ihrer Beine und den fleißigen Öffnungen ihres exotischen Körpers. Und da Foutou in letzter Zeit immer häufiger eine routinierte Spritze von Dr. Bernstein bekam, befüllt mit harmlindernder Lösung, so war es ein Leichtes, endlich dieser Geschichte i zu betüpfeln. Die Wirkung der letzten Injizierung war ungeheuerlich, und dass, obwohl sie nur ein wenig Apfelessig beigemengt hatte. „So tu doch etwas, Tomer! Ich halte das nicht aus!“, rief sie am Bett des Darbenden. (Für den Kenner klang austrainierte Echtheit mit.) Ein Vorteil des abscheulichen Todeskampfes war, dass dieses Ableben sogleich zu einem neuen partnerschaftlichen Aufleben führte, was überdies den Vorteil hatte, dass zum Totenschein nicht allzu viele Fragen gestellt wurden. Man kannte sich eben. „Er soll ja nur den Frieden finden, den er allseits zu leben versuchte“, wozu Tomer nur nickte, als sei sein Nacken ein blinder Ja-Mechanismus. Die Darbonne hielt fest an ihrem aufgefundenen Leben, selbst wenn Agan kurz vor seinem Tod mit speichliger Stimme noch salbadert hatte: „Meine Esi, ich liebe dich. Willst du mich nicht heimführen?“ Aber auch solch salomonische Momente lernte sie in Zukunft wackerst zu durchstehen.
Christoph Pollmann
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