Also Norbert. Er schmückte meine Wege im Haus mit dem Karneval der Zuneigung. Er fühlte sich so viel wohler ohne Texas, er hatte ihn immerhin gern als Ziel von Spott und Häme. Die Herde fühlte sich erhoben, als sei die Rettung des Gernegroß vor den Zumutungen eines alten Säufers in kollektivem Bravour geschehen. Der Bühnenraum gewann Bedeutung für die Gesellschaft, die wir bildeten. Alles schien so richtig, nur Boris musste sein langes Gesicht verbergen. Unser Personal- und Tresenchef (und Suppenküchenvorstand) hatte sich ein paar Hoffnungen zu viel gemacht, ich half ihm, sie sich aus dem Kopf zu schlagen. Mit den besten Gründen erwartete Boris, im Gernegroß und so auch im Nordend alt werden zu dürfen, etwas Besseres gab es nicht für ihn. Das Beste wünschte ich Boris. In der Zwischenzeit setzte ihm Mineke heimlich zu, ihre Tücke begriff ich lange nicht. Wir unternahmen nichts mehr gemeinsam, ich vermied es, das wie einen Bruch aussehen zu lassen. Mineke hatte Texas ihren Arsch hingehalten, um Boris in die Tonne zu hauen. Sie hatte ihren Ex an Texas verraten und Texas war mit dem Verratswissen auf seine indiskrete Art vorgegangen. Ich fand kein Wort für meine Gleichgültigkeit, wenn ich diese Dinge mit mir abhandelte. Für Abgründe war alles zu mickrig. Die Pseudologia phantastica mancher Beteiligter verfehlte alles. Das Gernegroß (als Geld- und Geltungsmaschine der Burg) ist kein Mythos, bloß ein Betrieb in einer ausgezeichneten Gegend von Frankfurt. Die Stadt ist zu teuer für Experimente. Deshalb die Schwänke und Klamotten auf unserer Bühne, und diese entlastende Sozialkritik als heitere Muse für Reisende, die den letzten Zug verpasst haben und aus ihren Wartehallen nicht mehr herauskommen werden. Hauptsache Arbeit: das gilt nicht in Frankfurt. Arm aber ehrlich, auch nicht. Der elegante Raub und die geräuschlose Fallenstellerei entsprechen dem Ideal. Wer dazu nicht taugt, kann sich zum Wegrempelnlassen gleich auf die Straße stellen.
Die stärksten Ausschläge ergeben sich aus dem Erwerbszwang. Gut beraten ist man mit einer diesseitigen Ausstattung. Wenig war der Rede wert, die Kollegen entwickelten aber eine ungesunde Neugier, wenn es um mein Verhältnis zu Texas ging. Laut wunderten sie sich: Wie konntest du nur mit diesem fertigen Vögler. Ich weigerte mich, Erklärungen zu liefern, nur manchmal, in der privaten Stimmung des allerengsten Kreises, schliefen die Wächter meines Unmuts ein – und aus Kränkungen kroch Ärger. Das waren die »Hausschlachtungen«. Niemand genoss sie mehr als Norbert, niemand reagierte ungelenkiger als Antje. Sie fragte: »Wenn diese Kleinescheiße jetzt durch die Brandschutztüre käme, würdest du der was zu trinken geben?«
»Niemals«, schrie das Gernegroß wie ein Mann ohne Eier. Es sollte kein Jahr vergehen, bis Texas wieder im Glutkern der Ereignisse schmolz – mit einer Wut im Leib, die sich seltsam tarnte. Er ernährte sie mit den Beleidigungen, die aus dem Raum nicht mehr wegzudenken waren. Er fütterte die Katze Wut mit kollegialer Niedertracht.
Durch ihn atmete die Stadt, das hätte mir früher auffallen können.
