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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:43

 

Foto: Robert Schuler Foto: Robert Schuler

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil X

23.04.2011

GUT GETARNTE IRRE oder TATORT IN SOCKEN oder GEHIRNPOLIZEI IN DER WASCHANLAGE

Man wundert sich doch immer, wenn man mit einer Mutter ins Gespräch kommt … und dann ist sie gar nicht alleinstehend.

 

Eine Fortsetzungsgeschichtevon TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

»Du bist schwer in Ordnung.« Das sagen fast alle. »Freundlich distanziert«, ist davon eine Variante aus dem Kreis der Gernegroßgäste. Die Alten auf der Galerie meiner Tageslichtverpflichtungen sind von der Verabredungsgenauigkeit dieser Tanja eingenommen, die sie morgens zu Komplizen einer reizenden Schwergängigkeit macht, mit Erklärungen, die an bessere Zeiten erinnern. Wie gern würden sie einen Kaffee für Tanja »brauen«, allein, das Pulver im Haus muss reichen, wenn ein autonomer Klogang schon jenseits der Möglichkeiten liegt. Aber immer noch besser zuhause … und lieber einen Anschiss von den Tauben als zu erblinden.

 

Ich wische über die Campingtischplatte in einer Mauselochküche. Sie erzählt von Jahrzehnten der Mündelwirtschaft. Da hat sich einer vom Alkohol enteignen lassen. Krankheiten kamen dazu. Bevormundung wurde zur Gewohnheit, die Tabakdosen aus dem Aldi sind bereits der Gipfel der Selbstbestimmung. Ich koche Kaffee, kaum das ich die Augen auf habe, meine blauen Huskies, so nannte Texas sie.

 

»War´s mal wieder dolle, da in Ihrem Dings?«, werde ich obsolet gefragt. Meine Antwort ist der Höhepunkt im Tagesablauf des so genannten Patienten. Kaffee steht auf seiner Verbotsliste. Der Kunde, laut Agenturjargon, ist so unterversorgt mit Berührungen, dass er es planvoll darauf ankommen lässt, zwei, drei Mal von mir gestreift zu werden. Ich bin »der blonde Engel« in seiner Welt, der allerletzte Lichtblick. Anders liegt der Fall bei einem alten Zahngoldhändler, der sich erst spät ruiniert hat, und die längste Zeit irgendwem oder -was vorstand. Er haust in seinem Trödel und in seiner Demenz wie ein orientalischer Handelsvertreter auf Sansibar im neunzehnten Jahrhundert. Für den Anblick meines blanken Busens bietet er zehntausend Reichsmark, »echtes Inflationsgeld«. Das meint der Zahngoldhändler im Ruhestand nicht ernst, er hat in seinem Leben genug gesehen. Er will wissen, wie ich den letzten Tatort überstanden habe.

 

»In Socken bei einer Flasche Jever«, antworte ich, berührt von dem Wunsch des Kunden, gerade in die Grube zu steigen. Interessiert bis zur bitteren Neige. Die Socken von meiner Mutter und auch immer noch Texas´ Pantoffeln am Fuß eines Wohnungshaufens. (Geh mir fort damit.)

 

Beteiligungen im Millimeterbereich. Anteilnahme wie aus der Bauchhöhle. »Wenigstens im Fernseher gehen noch Schüsse nach vorne los«, sagt der Alte. Ihn hat die Gehirnpolizei am Wickel.

 

Foto: Robert Schuler Foto: Robert Schuler

Die Fadenscheinigkeit meines Wohlwollens hat mich immer schon besonders freundlich aussehen lassen. Heute Abend werde ich die Gehirnpolizei ins Spiel bringen, der Furore gewiss.

 

Wer was sagt, ist wichtiger als das Gesagte. Der Alte wohnt nahe der öffentlichen Waschanlage an der Glauburgstraße, die vor meinem Umzug und in der Texaszeit wichtig war. Den Fischbrenner auf der anderen Seite gibt es nicht mehr. Ich war schon lange nicht mehr in der Zappbar an der nächsten Ecke. Wie Würfel aus einem Becher, kollerten Texas und ich aus solchen Gelegenheiten entlang der Glauburgstraße und waren dabei doch immer auf dem Weg in die Burg. In seinem Ortswahn bezeichnete Texas so das Gernegroß in Verbindung mit der Kooperative, die in den alten Zeiten des Nordends eine stinknormale Apfelweingaststätte in den Mauern eines Wehrhofes gewesen war. Dort war Widerstand geleistet worden, gegen die Feinde Frankfurts.

 

Also schwer in Ordnung, um bei der Hausaufgabe für heute zu bleiben. Ab und zu raschelt was anderes aus den Nistplätzen des Klatsches. So was kriegt man nie direkt gesagt. Ich weiß immerhin, dass mich Igor für »ein zähes Luder« hält, und so auch »für den einzigen Mann« in der Unterwelt des Gernegroß. Erstaunlicher finde ich eine Charakterisierung als »gut getarnte Irre«. Boris trägt sie mir zu, (gleich mehr zu den Umständen) sie stammt vom Germanen-Gero, der zu den Grete-Leuten gehört und im Backstage wohnt. Ich habe eine Nacht mit ihm vertrunken, halb im Frikadellchen und halb im Café läuft. Am Ende waren wir noch im Feinstaub. Er bedauerte den »traurigen Zustand eines Arsches«. Ich konnte mir die Enttäuschung so gut vorstellen, angesichts eines verbeulten Gesäßes, mit dem man nie im Leben gerechnet hat. Man kennt sich aus den Kneipen, weiß und ahnt biografische Verrumpelungen, dann gelangt man berauscht zur Sache, der Reverend erweist einem den Gefallen eines späten Erwachens, nach der ganzen Urinabgabe als Hauptaufgabe, man steigt ein bei der Genossin, leicht irritiert von Anfragen des Überichs, freundlich dreht sie sich für einen um, aber da hat einer vergessen, das Licht auszumachen.

 

Germanen-Gero und ich haben auch mit Streichhölzern gespielt. Ich mag diesen Jungskram. Jemand hatte Germanen-Gero erzählt, dass Konsonanten Unterlaute haben können. Er fragte mich, ob ich das auch glaube. Das fand ich niedlich … und nun das: als jüngste Nachricht aus dem Nordend, mir zugetragen von Boris im Gernegroß-Leistungszentrum an der Eisernen Hand. Ich bin bereit für eine Apfelschorle.

 

»Das hat der wirklich so?«, frage ich. »Hat er«, antwortet Boris. »Der hält dich ganz bestimmt für eine gut getarnte Irre, die auf den Lauf der Geschichte eines Dorfstaats Einfluss nimmt, ohne die Geschichte zu verstehen.«

 

Norbert ist halbohrig bei der Sache. Linkerhand bewältigt er einen Besuch von Old Knorr Pitanic, der jetzt auch nicht mehr so wie früher als Greis im Widerstand gegen Gernhardts Witwe maggifix.

»Ganz kleines Tennis«, sagt Norbert zu meiner Apfelschorle. Er drückt mich bei jeder Gelegenheit. Ich bin seine Servicekanone und unterhalten kann man sich mit mir auch. Norbert versucht die phonetische Unschärfe zwischen Backwahn und Bhagwan zu melken. Bloß, wer weiß denn noch, wer Bhagwan war? - Und was soll Backwahn sein? Boris rückt mich unauffällig ab von unserem Chef. Ich soll ihm schnell ein Seinsplätzchen backen, wie süß.

 

»Es wird so viel geschnackt«, sage ich, »und außerdem sollte man auch einmal fürchterlich sein können. Der Lauf der Geschichte raucht doch ständig. Dem ist ganz wurscht, womit du ihn bin laden eddie thust.« - Und den Eddie kennt auch keiner mehr, genau wie den Bhagwan.

»Der heißt Ebby Thust oder wird so genannt«, bessert Norbert nach. Man muss nur genau sein, dann fällt es nicht so auf, dass man ständig betrunken ist.

Ich weiß schon, was jetzt kommt und so kommt es auch. Boris sagt: »Ach ja, es soll auch noch geraucht werden«, obwohl er zu dieser Stunde des Tages temporärer Nichtraucher ist.

Kein Wort über das Wetter.

 

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