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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:43

 

Foto: Robert Schuler Foto: Robert Schuler

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XI

07.05.2011

SAUF DICH NIE MEHR ALS VOLL

»Die Realität hat gegen Texas keine Chance«, sagt King Learjet Mike. »Für den ist die Welt ganz Vorstellung.« - »Für den ist die Vorstellung gleich zu Ende«, knurrt Norbert wie ein anderer Donnersmarck. Er selbst hat schon Regie geführt, in einer Schneewittchenadaption mit zurückgebundenen Penissen wie bei den Papua in Neuguinea. 

 

Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

Seine Angelina Jolie heißt Ilona Alt. Richtig, die oder das Ilona Alt. Bekannt auch als Uhrtürmchen. Ich sehe sie jeden Samstag auf dem Bornheimer Wochenmarkt. Sie dreht da die Longsellerie Volkstümliche Betrachtungsweisen, klar, dass daraus schon Völkische Betrachtungswaisen gemacht wurden. Bloß, was bringt das?

 

Hinrichs Hund kehrt zum Beweis seiner Selbständigkeit ohne Hinrich ein, ich soll ihm ein Bier in sein Schlabberdings tun.

»Aufs Haus«, schreit Mike. »Das alte Haus säuft auf mich.«

»Sauf dich nie mehr als voll«, rät Norbert dem Hund, dem das Jacke wie Hose ist. 

Norbert behauptet, nur Dinge zu tun, die er kann. Deshalb putzt er nicht, und Service ist kurz vor Prostitution. Das immer mal wieder zu Boris, zur Besiegelung einer Freundschaft mit Gefälle. Jetzt soll Boris die neuen Programmhefte aus dem Kleinkunstbus laden. Die Hefte haben ihr eigenes Domizil in der Burgkelter. Nach der neuen Hausordnung im Gernegroß müssen alle aus dem Fußvolk sich an ihrer Verteilung beteiligen. Ich organisiere den offenen Widerstand gegen diese Regelung. Das läuft unter der Überschrift »Demokratietraining« nicht besonders gut.

»Soll ich dir helfen?«, frage ich Boris.

 

Ein Zahlenschloss sichert das Heftedomizil, Boris hat die Kombination vergessen. Sie entspricht einfach dem Geburtsdatum des Gernegroß. Geburtstage prägen sich mir ohne weiteres ein.

»Versuchs mal mit Siebzehnhundertzwölf.«

Die Rädchen des Schlosses retardieren im Frost. Ein Fleck gefrorener Maische auf Beton … die Phalanx der Gummistiefel bei den Bütten. Texas war in diesem Bezirk zuhause, er hat gekeltert und die Programmhefte abgeladen und das Laub im Garten in blaue Säcke gepackt. Er kannte jeden Winkel der Burg, noch aus der magischen Zeit, als er und Norbert sich den Dachboden über dem Bühnensaal geteilt hatten, und die Ratten groß wie Katzen waren. Heimlich hat Norbert noch einmal ein Kopfgeld auf Texas ausgesetzt und sich in dieser Sache mit Rolf Silber beraten, der in seiner Jugend bei Offenbach auf einer Zündapp rockte. Rolf Silber hat auch schon mit Ilona Alt gedreht.

Das ist alles so übertrieben, finde ich. Warum muss man alles einschweißen? So wie die Hefte, die in Kartons geliefert werden. Boris reißt sich an der Folie die Haut auf. Er gibt mir seine Ungeschicklichkeit zu bedenken. Die Folie hält.

 

Foto: Robert Schuler Foto: Robert Schuler

Ich biete meinen Leatherman an, die Versandgebühren betrugen 2,45 Euro. Boris trägt keinen Leatherman, um sich von den Technikern abzugrenzen, diesen gelenkigen Werkzeugständern, mit dem Gehabe von Baulöwen. Ohne sie läuft nichts, trotzdem spielen sie hier keine Rolle. Sie haben sich in der Festung ihrer Zuständigkeit verschanzt, voll des Unverständnisses für »unsere schwulen Aufregungen«.

 

Die Sackkarre erscheint mir desolat.

»So kann ich nicht arbeiten«, sage ich einen gernecrossierenden Satz auf.

»Wenn ich dich nicht hätte«, sagt Boris, blutend in seinem finsteren Tal. Seiner Gegenwart kann er nur trotzen, wie jeder Zeitenwende. Mit Mike kehrt der Totalitarismus ein. Er lässt sich nicht drängen, noch ist wenig offensichtlich. 

 

Mit seinem überrollenden Wesen bringt sich Mike als Aufsicht ins Spiel. Ganz Herrenmensch genießt er das Schauspiel unserer sibirischen Plackerei.

»Ihr hättet Texas nicht verarschen sollen. Dem macht so was Spaß und ihr kriegt das auch ohne nicht hin.«

»Ist dir nicht zu kalt?«, fragt Boris defensiv.

»Komm mir nicht blöd«, sagt Mike harmlos. »Auf meinen Füßen kannst du nicht stehen.«

Ich denke über Mikes Füße nach, ob er sich wenigstens die Zehen selbst schneidet. Die Kelter füllt sich mit Crossies und Kooperierten. Man erzählt sich einen, jeder in seiner eigenen Schwade. Anscheinend gilt: Wer hilft, hat verloren.

»Ach so, bevor ich es vergesse«, sagt Mike schwülstig zu Boris, »in Zukunft will ich mich darauf verlassen können, dass du eigenhändig abends das Tor zugemacht hast.«

Das Tor trennt die Gaststätte von der Straße und gehört überhaupt nicht zu gernegroßen Aufgaben. Wenn doch, dann müsste Norbert das anordnen. Aber Boris legt auf den kleinen Unterschied keinen Wert mehr. Er wendet sich an mich, mit leerem Gesicht: »Davon geht die Welt nicht unter. Gehst du eigentlich zu Minekes Geburtstag?«

»Du etwa?«, frage ich. Sollten wir schon zu alt für Gefühle sein?


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