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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:45

 

Foto: Robert Schuler Foto: Robert Schuler

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XX

16.07.2011

SEEMÄNNISCHE DEVISEN

Zur Abwechslung wurde gestern Nacht unter dem königlichen Stammtisch geknobelt und da auch ein Andrea Berg-Abend für bald verabredet. Auf dem Heimweg fing Rocko dann von den Pornos in seinem Kopf an. Er erzählte von zwei »Hamburger Puppen«, die nach einem sozialen Jahr in die Sexindustrie eingestiegen waren. Gut an kamen sie als Nachbarinnen, die dem Junggesellen in seiner modernen Mansarde die Mösenscheu nahmen. Im richtigen Leben gaben sich die Puppen als Paar aus und zogen im Partnerlook mit armen Studenten um die Häuser. Rocko vermisst die freien Flächen seiner Kindheit.

 

Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

Ihm fehlt das ozeanische Klima und der Dorfjugendauftrieb in maroden Gemeinschaftshäusern. »Wo gleich unter der Treppe gefickt wird«, weil eh alles egal ist. Egal wohl im Sinne von gleich. (Mit einer Einschränkung, die Frauen ausschließt.) Rocko kann gründlich werden und viele Unterschiede erkennen, bei der Beschreibung von Frauen. Die Beschreibungen klingen immer nach Pferdemarkt und Gebissanalyse. Frauenverachtung scheint zu jedem Männerleben zu gehören, als eine Variante der Fremdenfeindlichkeit.

 

»Diese Hessen sind doch wie sie daherkrauchen durch die Bank bekloppt«, sagte Rocko kommafrei in der Küche so, als müsste ich mir das als Vorwurf gefallen lassen. Er hegt eine übertriebene Vorstellung von der Gültigkeit seiner Ansichten. Zuhälterisch beansprucht er meine Logistik, so nennt er unsere häuslichen Verhältnisse. Sich eine Bleibe in Frankfurt zu suchen, kommt für Rocko nicht infrage. Das würde nach Bleiben riechen und Rocko will nicht bleiben. Meine Beziehungen gingen regelmäßig von getrennten Wohnungen aus. Zu einem Mann gezogen, bin ich nur einmal, für drei Wochen. So ist mir Frankfurt passiert. Ehe ich mich versah, war ich im Gernegroß und zusammen mit Texas, dessen Frauenbild auch den schönsten Schwankungen zwischen Erhöhung und Erniedrigung ausgesetzt ist.

 

Foto: Robert Schuler Foto: Robert Schuler

Wenn man Männer erst mal an sich gewöhnt hat, fordern sie Versorgung. Rocko wollte noch die Lasagne aus dem Aldi, und ich heizte den Ofen an. Er hat Texas´ Platz an meinem Küchentisch eingenommen, darauf habe ich Rocko nie hingewiesen. Die Fährtenleserin unterscheidet alte Spuren steinzeitlicher Nachlässigkeit von jüngeren. Rocko macht sich wegen Texas keine Gedanken, schließlich habe ich in seiner Gegenwart das letzte Texasfoto verbrannt, während seine Vorgänger immer noch in der Wohnung präsent sind, mit kleinen Zeichen unfruchtbar gewordener Zuneigung. Ich schätze, Texas hat von mir auch nichts mehr als eine schlechte Meinung, das könnte mir gleichgültiger sein.

 

Rocko blies die Kerze wieder aus, die ich zu Blumen auf den Tisch gestellt hatte. Die Blumen habe ich mir selbst gekauft. Funzelstimmung ist Rocko verdächtig. Sie führt ihn direkt in das Gulag studentenblöder Lebensart. Er versteht seine Abweichungen von Normalverläufen als seemännische Devisen. Als Bewahrungskultur von der Wasserkante. Man kann mit ihm wunderbar singen, aber eine Kerze auf dem Tisch ist Psycho und Shitkram und kurz vor der Selbstbefragung mit anschließendem Zweifel am Sein. So aß er denn die Lasagne mit einem Fuß zwischen meinen Beinen. Ich glaube, er fand, dass ich zuviel abhaben wollte.

 

 

 

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