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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:46

GEH MIR FORT - Grobzeug im Rindermix 2 - Teil XXV

10.09.2011

AKKU IN DER NOCKENWELLE

»Jetzt mache ich meinem Gerät gleich Beine.«

Das habe ich von den Blumen dann doch noch als Gespräch. Wenigstens findet das Gespräch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den vier Wänden für sechshundertdreizehn Euro kalt statt, die ich zur Herberge meines Leevsten gemacht habe.

»Du bist doch schwindelerregend«, schreit Rocko, als gäbe es kein Morgen mit versöhnlichem Mundgeruch und unterdrückten Blähungen.

»Wie kommt du mir denn vor? Hast du einen Wartungstermin versäumt? Wackelt dein Akku in der Nockenwelle?«

Nicht so, denke ich. Nicht in diesem Ton. Nicht mit dieser Verachtung.

»Du hast mich schon schöner beschrieben«, sage ich leise. »Wo kommt das überhaupt her, mit dem Gerät? Reden jetzt die Jungs am Strand so über die andere Hälfte der Menschheit?«

»Was heißt denn Menschheit bitte schön in diesem Zusammenhang? Wie soll man denn da nicht zur Milchwurst werden?«

 

Eine Fortsetzungsgeschichte von TANJA und JAMAL TUSCHICK

 

Den Einwand verstehe ich. Das ist ja alles nicht so einfach, wenn man mit siebenunddreißig noch nie eine feste Stelle und immer bei der Freundin und womöglich auch bei ihrer besten Freundin danach, damit alles in der Familie bleibt.

Ich muss gleich wieder aufstehen, noch liegt das Bett in weiter Ferne. Viel näher als Jenny und die Blumen und das Bett rückt der Streit Clara in die Szene. Rocko spielt in  Unterhose und einem verschossenen Hemdchen aus dem Gernegroß, in dem sich auch Texas schon mit mir gestritten hat. Ich trage Julis Bademantel, von Juli war noch nicht die Rede. (Näheres zu ihr in »Grobzeug im Rindermix 1 & 2«.) Ich habe auch mal in Kassel gelebt und da Juli kennengelernt, die vor mir nach Frankfurt gezogen ist. Gerade kommt mir mein Elend kotzig hoch, ich rufe aus in höchsten Tönen: »Niemals hättest du Clara Gerät genannt. Aber mich nennst du Gerät vor den Vollen, die dann auch Gerät zu mir sagen und erst mal noch gar nicht so hingerichtet sind, um sich nicht zu wundern, dass du Jenny die Blumen.«

»Hör mir doch auf mit deinen Blumen so wiederkäuerisch und hairig wie eine Hippiekuh in Württemberg am Neckar. Ich meine Gerät doch nur in dem positiven Sinne, dass ich dich ein- und ausschalten kann, wie ich will oder möchte. Mit Clara hat das gar nichts zu tun. Ist das so schwer zu verstehen?«

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Rocko mit Clara je so gesprochen hat: mit diesem Erniedrigungsverlangen aus dem Madonnakomplex. Vorsichtshalber nehme ich eine Tablette und noch eine zum Nachspülen.

»Ich gehe mir jetzt Zähneputzen.« Dies auch als Appell.

 

Fotos: Robert Schuler Fotos: Robert Schuler

»Gutes Gerät«, sagt Rocko versöhnlich, »putzt sich selber die Leiste, das kann kein Staubsauger.«

Sein Aggregat leuchtet vom Reststrom aus der Künstlergarderobe. Was soll er auch Miete zahlen und sich am Einkauf beteiligen, wenn jemand so eifrig ist wie ich in bestem Einvernehmen. Plötzlich kapiere ich, wieso Rocko soviel Raum einnehmen kann. Ich lösche mit ihm Texas aus, den einzigen Mann, mit dem ich mir eine Ehe vorstellen konnte. Ich brauche Rocko für meine Zwecke. Ich brauche ihn für lauter Neubeschriftungen. Früher wäre ich weitergezogen und hätte in einer anderen Stadt mies gewohnt und irgendwas gearbeitet und mir den Mist angehört, den Männer verbreiten, die noch nicht kapiert haben, dass die zweite Lebenshälfte ihre Lächerlichkeit nach außen kehrt, wie in lauter Überschriften. Wie sie die Tasse zum Mund führen und eine Bestellung aufgeben. Wie sie vor Kollegen dastehen, falls sie welche haben. Sich eine Zigarette anzünden. Einem Auto hinterher sehen, oder einer Frau. Wie sie über Sport reden. Die Heldentaten ihrer Jugend. Die letzte Kirche, die sie von innen gesehen haben. Überall steht: besetzt und vergeben: an Jüngere, Beständigere, Gescheitere. Sie wollen sich ausweisen, aber kein Mensch will die Ausweise sehen. Mit so einem verbringst du einen Abend in Bielefeld, er hat lange in München gelebt. Dann ist die Mutter gestorben, das heißt, ihm wurde gekündigt von seiner Frau. Jetzt und schon länger nimmt er mit einem zugigen Flur vorlieb, das ist sein Leben. Da will man doch nicht einsteigen, da macht man doch Gebrauch von seinem ganz persönlichen Zeugenschutzprogramm. Mit diesen Aussichten bin ich geblieben. Mit ihnen habe ich Rocko eingeladen, er friert schon seinem letzten Hemd entgegen. Schön, dass er trotzdem für mich knurrt und sich so für den Einfluss bedankt, den ich ihm gewähre. Ich sehe den Mist der Welt wie eine Welle auf mich zukommen, das Alter schreit, dich kriegen wir auch, und so sage ich mit geputzten Zähnen im Bett: »Stell dein Gerät doch noch mal an.«

Und was sagt Rocko? Er sagt, wie der Repräsentant eines amerikanischen Bundesstaates: »Du bist doch ein liebes Ding.«

 

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