Dabei gibt es freilich auch Ausnahmen, etwa dann, wenn die Bühnenbearbeitung am Werk einen neuen Aspekt zeigt – wie z. B. Marlin de Haans Inszenierung von Ödön von Horváths Jugend ohne Gott (21. September 2007, Theater Bielefeld), die dem Roman ein explosives Moment verlieh, und zwar lange bevor Prosainszenierungen epidemisch wurden –, oder dann, wenn die Inszenierung das komplexe textuelle Gefüge des Prosawerks dramatisch ausagiert und so den Zugang erleichtert. Letzteres trifft auf die Inszenierung von Kleists „Michael Kohlhaas“ am Münchner Volkstheater zu. Die Arbeit unter der Regie von Hanna Rudolph und der Dramaturgie von Katja Friedrich gehört in die Reihe der Kleistinszenierungen anlässlich seines 200. Todestages.
Die Kleistsche Erzählung vom Rosshändler Kohlhaas, der ein Muster der Tugend war, nur in einer Tugend, der Gerechtigkeit, ausschweifte wird nicht in ein szenisches Spiel vollständig aufgelöst, sondern verbleibt in einem merkwürdigen Dazwischen von Erzählung und Spiel, das die hervorragenden jungen Darsteller gekonnt in der Schwebe halten. Friedrich Mücke, Robin Sondermann, Gabriel Raab, Andreas Tobias, Xenia Tiling und ein als Knecht Hersel mal einfältig zarter, als Hinz von Tronka charmant spleeniger und als Sächsischer Kurfürst humorvoll affektuierter Nico Holonicus erzählen den Kleistschen Text abwechselnd. Sie unterbrechen sich oder spielen einander zu, agieren die verschiedenen, in Kleists Sätzen oft verschachtelten und widerstreitenden Positionen aus, versenken sich ins szenische Spiel, tauchen jedoch bald wieder auf und finden in den erzählerischen Gestus und so weiter.