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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:49

Heinrich von Kleists »Michael Kohlhaas« in der Inszenierung des Münchner Volkstheaters

17.10.2011

Ausschweifung und Tugend

Die Dramatisierung von Prosatexten ist eine leidige Mode. Sie erweckt den Eindruck, es gäbe zu wenig Stücke, weshalb sich die Theater andernorts bedienen müssten, oder es mangele den Dramaturgen an Herausforderungen, weshalb sie versuchten, überhaupt nicht für die Bühne gemachte Prosawerke für eben diese zurecht zu schneiden. Von BJÖRN VEDDER

 

Dabei gibt es freilich auch Ausnahmen, etwa dann, wenn die Bühnenbearbeitung am Werk einen neuen Aspekt zeigt – wie z. B. Marlin de Haans Inszenierung von Ödön von Horváths Jugend ohne Gott (21. September 2007, Theater Bielefeld), die dem Roman ein explosives Moment verlieh, und zwar lange bevor Prosainszenierungen epidemisch wurden –, oder dann, wenn die Inszenierung das komplexe textuelle Gefüge des Prosawerks dramatisch ausagiert und so den Zugang erleichtert. Letzteres trifft auf die Inszenierung von Kleists „Michael Kohlhaas“ am Münchner Volkstheater zu. Die Arbeit unter der Regie von Hanna Rudolph und der Dramaturgie von Katja Friedrich gehört in die Reihe der Kleistinszenierungen anlässlich seines 200. Todestages.

 

Die Kleistsche Erzählung vom Rosshändler Kohlhaas, der ein Muster der Tugend war, nur in einer Tugend, der Gerechtigkeit, ausschweifte wird nicht in ein szenisches Spiel vollständig aufgelöst, sondern verbleibt in einem merkwürdigen Dazwischen von Erzählung und Spiel, das die hervorragenden jungen Darsteller gekonnt in der Schwebe halten. Friedrich Mücke, Robin Sondermann, Gabriel Raab, Andreas Tobias, Xenia Tiling und ein als Knecht Hersel mal einfältig zarter, als Hinz von Tronka charmant spleeniger und als Sächsischer Kurfürst humorvoll affektuierter Nico Holonicus erzählen den Kleistschen Text abwechselnd. Sie unterbrechen sich oder spielen einander zu, agieren die verschiedenen, in Kleists Sätzen oft verschachtelten und widerstreitenden Positionen aus, versenken sich ins szenische Spiel, tauchen jedoch bald wieder auf und finden in den erzählerischen Gestus und so weiter.

 

Vom Rechtsstreben zum Racheexzess

Die logische Ordnung des Kleistschen Kanzleistils wird so in ein lebendiges Spiel ihrer Momente aufgelöst, stellenweise sogar verwandelt. Mit dieser dramatischen Öffnung geht allerdings auch eine semantische Vereinheitlichung einher, die Kleists komplexe Erzählung auf eine bestimmte Perspektive zuspitzt – als eine Sozialkritik an adeliger Rechtsbeugung, Vetternwirtschaft und Verlogenheit. Die bei Kleist paradoxe Charakterisierung des Rosshändlers, dieser sei in der Tugend der Gerechtigkeit ausgeschweift, wird damit zur nur noch ironischen Formulierung gemildert. Zu augenscheinlich ist das Unrecht auf Seiten seiner Feinde, gegen die er in der Perspektive der Inszenierung zu Recht, aber nicht mit den rechten Mitteln vorgeht.

 

Fragt die Erzählung am Beispiel des Michael Kohlhaas nach den Grenzen der Tugend – und zwar nach den Bedingungen der Möglichkeit solcher Grenzen überhaupt, (und d. h. also in einem transzendentalen Sinne, wenn man Kleist als Leser Kants ernst nehmen möchte) –, fokussiert die Inszenierung hingegen Kohlhaas' Umschlag vom Rechtsstreben in den Racheexzess und feiert ihn als Reinkarnation des Erzengels Michael. Diese Forcierung des explosiven Charakters der Vorlage beschneidet die semantische Vieldeutigkeit des Kleistschen Textes, verleiht der Inszenierung aber auch eine besondere dramatische Kraft. Allein gegen Ende droht sich das Treiben von Kohlhaas' Gegnern kurzzeitig in Klamauk zu verlieren, ehe es wieder zur Besinnung kommt. Insgesamt also eine gelungene Inszenierung der Kleistschen Erzählung, die sie vielleicht auch jenen erschließt, denen das Prosawerk zu sperrig ist.

 

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