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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:49

»Wählt Wehner! Freimachen vom Untertanengemüt« von der freien Theatergruppe »theatrale subversion«

24.10.2011

Diskursive Doku-Edu-Infotainment-Assemblage

Die freie Theatergruppe theatrale subversion zeigt in Wählt Wehner! Freimachen vom Untertanengemüt das Leben und Wirken des umstrittenen Politikers Herbert Wehner als Mediencollage mit widersprüchlicher Quellenlage. Und als Jahrhundertleben. Von JAN FISCHER

 

Dass er irgendwann in seinem Leben auch mal Kommunist gewesen war, wurde Wehner immer wieder vorgeworfen: Es gab mal eine Zeit, da gab es nichts Schlimmeres, als einmal Kommunist gewesen zu sein. Aber das ist erst am Ende des Stückes, dort, wo Regisseur Martin Zepter den fiesen Cliffhanger in seinem dokumentarischen Stück eingebaut hat, 1949, in dem Jahr, in dem Wehners Aufstieg in der SPD der Bonner Republik begann.

 

Überall ein Wehner

»Zu Wehner«, sagt Zepter, »gibt es soviel zu sagen, dass wir einen Zweiteiler daraus machen mussten.« Und wirklich: Gut anderthalb Stunden dauert Wehners Leben von 1918 bis 1949 im Theater, am Tag davor, sagt Zepter, seien es noch zweieinhalb Stunden gewesen: Sie hätten etwas kürzen müssen. Aber der Mann war auch wirklich überall dabei: Als Anarchist an der Seite von Erich Mühsam, der an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt war. Als Kommunist bei der Verhaftung Ernst Thälmanns. Er arbeitete im Untergrund gegen die Nazis. Er entging nur knapp Stalins Großem Terror. Undsoweiter. Überall, wo Zeitgeschichte geschrieben wurde – den Eindruck hat man fast – steht auch ein Wehner irgendwo im Hintergrund. Deshalb befasst sich Wählt Wehner! Freimachen vom Untertanengemüt auch gar nicht so sehr mit der Biographie des Politikers. Sie benutzt sie, um Zeitgeschichte aufzufalten. Das macht Sinn: Der Mann steckt immer mittendrin, und so wird seine Biographie zu einer Erzählung über Zeitgeschichte, darüber, warum alles so kam, wie es gekommen ist, und so wird Wehners Lebens zum Jahrhundertleben.

 

Das Dunkel der Geschichte

Aber das ist nur die eine Ebene. Die andere ist eine Erzählung darüber, wie wir Zeitgeschichte wahrnehmen, und eine Erzählung über die Frage, wer da eigentlich erzählt. Die drei Darsteller Aljoscha Domes, Norman Grotegut und Romy Weyrauch stellen immer wieder Filme vor, Tonaufnahmen von Zeitzeugen, Zitate aus Zeitungen, die Bewertungen heutiger Historiker: Das alles überlagert sich, steht teilweise zueinander im Widerpruch, und was wirklich passiert ist, weiß niemand so genau. Im Moskauer Hotel Lux, zum Beispiel, wo der damals noch kommunistische Wehner sieben Jahre regelrecht gefangengehalten wurde: Warum und wen er denunziert hat, um wieder da rauszukommen, ob er eine Wahl hatte: Das alles liegt im Dunkel der Geschichte, und die Truppe im Martin Zepter tut ihr bestes, um eben zu keinem eindeutigen Ergebnis zu kommen: Wählt Wehner! Freimachen vom Untertanengemüt ist nicht der Geschichtskanal, wo Fakten vereinfacht und Quellen ausgelassen werden. Es ist aber auch nicht staubtrocken wie eine wissenschaftliche Biographie.

 

Dynamisches Quellensystem

Wählt Wehner! Freimachen vom Untertanengemüt ist eher so etwas wie ein dynamisches Quellensystem, so dynamisch wie das Bühnenbild des Stückes auch – weiße Wände auf Rollen, die die Darsteller immer wieder umbauen, immer wieder neu zusammenstellen: Eine Collage, die mit Wehners Leben beginnt, immer wieder darauf zurückkommt, aber mit jedem Filmschnipsel, mit jeder Tonaufnahme, mit jeder Überlagerung ein Stück größer, ein Stück umfassender wird. Man könnte sich ein Wort zusammenbasteln, so etwas wie Diskursive Doku-Edu-Infotainmet-Assemblage, die sich zwar redlich bemüht, alle Fakten vorzustellen, in der Wehners dramatische Flucht vor den Nazis aber auch problemlos eine Stummfilmslapsticknummer werden kann, die mit Musik von Scott Joplin unterlegt ist. Ist es ein gutes Stück? Ein schlechtes Stück? Solche eindeutigen Bewertungen machen in diesem Fall vielleicht gar nicht so viel Sinn. Es ist ein sehenswertes Stück. Und den Rest muss man dann schon selber denken.

 

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