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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:50

Macbeth in den Münchner Kammerspielen

12.12.2011

Transgender, knietief im Blut

Karin Henkels Inszenierung von William Shakespeares Macbeth stellt einen bemerkenswerten Zug am Stück heraus - und dreht ihn um. Bevor Lady Macbeth ihren Mann anstachelt, um selbst König zu werden, den König zu töten (und wenn es sein muss, noch viele weitere), bevor sie also diese Mordorgie in Gang setzt, hört BJÖRN VEDDER sie die Geister anrufen ...

 

Kommt, ihr Geister,/ Die ihr auf Mordgedanken lauscht, entweibt mich,/ Füllt mich vom Wirbel bis zur Zeh, randvoll,/ Mit wilder Grausamkeit! (Come, you spirits/ That tend on mortal thoughts, unsex me here,/ And fill me from the crown to the toe top-full/ Of direst cruelty. Erster Akt, fünfte Szene. Übersetzung hier: Dorothea Tieck, die Inszenierung nutzte jene von Thomas Brasch.)

 

Weiblichkeit und Männlichkeit sind in Shakespeares Vorlage deutlich konnotiert: Lady Macbeth muss zunächst durch Zauberkraft entweiblicht werden, um zur nötigen Grausamkeit fähig zu sein. Ihren Mann Macbeth schillt sie keinen echten Kerl, wenn er zögert oder es ihm vor seiner Tat graust: »Bist du ein Mann?«, fragt sei ihn, als er bei seinem Krönungsbankett zusammenzubrechen droht. Diese Dichotomie der Geschlechter bricht Henkel auf, indem sie allen Figuren eine seltsame Geschlechtslosigkeit verleiht und die Schauspieler mehrere Rollen spielen lässt – geschlechterübergreifend.

 

Nur fünf Schauspieler bestreiten das gesamte Stück. Macbeth, gespielt von der hier wieder wunderbaren Jana Schulz, ist ein verstörender Kerl, androgyn und deftig zugleich. Seiner Frau verleiht die ebenfalls beeindruckende Katja Bürkle den herben Charme eines alten Haudegen, und Benny Claessens schenkt seinem Banquo ausladend affektierte Gesten und etwas Groteskes, das erahnen lassen konnte, wie es aussähe, wenn Winnie Puh eine Figur in Jean Poirets La Cage aux Folles wäre.

 

Die in Shakespeares Stück virulente Geschlechterdifferenz zwischen einer blutrünstigen, den eigenen Ehrgeiz um jeden Preis durchsetzenden Männlichkeit und einer Weiblichkeit, der erst durch Zauberkraft die Milch in den Brüsten zur Galle werden muss (I, 5), damit sie ihre Ziele rücksichtslos verfolgen kann, wird so aufgelöst. Das legt den Blick frei auf einen Konflikt unterhalb dieser Stereotypen. Es ist das Schrecken vor der eigenen Tat, das blutige Gewissen, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, aufzuhören und das Messer aus der Hand zu legen, an dem Macbeth zerbricht. Diese Psychologie steht im Fokus der Inszenierung, nachdem sie sich durch eine konsequente Auflösung der Geschlechterrollen von allem historischen Ballast des Stückes und Fragen der Werktreue entledigt hat.

 

In der vierten Szene des dritten Aktes haben Schulz und Bürkle einen ihrer ganz großen Auftritte. Sie, Macbeth, wenn er vor dem Geist seines ermordeten Freundes zusammenbricht und sie, Lady Macbeth, wenn sie die Gäste zu beruhigen versucht, und sie, Macbeth, wenn er dann auf den Knien sagt: Ich bin einmal so tief in Blut gestiegen,/ Daß, wollt ich nun im Waten stillestehn,/ Rückkehr so schwierig wär, als durchzugehn. (I am in blood/ Stepp'd in so far that, should I wade no more,/ Returning were as tedious as go o'er. Dritter Akt, vierte Szene. Übersetzung: Dorothea Tieck)

 

Von hierher gibt es kein Zurück, und man weiß auch schon, dass es bös´ enden wird. Wie Henkel indes dieses Ende inszeniert, ist eines der vielen schönen Beispiele für ihr dramaturgisches Geschick. Macbeth wurde geweissagt, er werde erst zur Strecke gebracht, wenn der Wald vor seinem Schloss auf ihn vorrücke. Im Stück vollzieht sich diese Weissagung durch den Angriff einer Armee von Königstreuen, die sich in eben diesem Wald versammelt hat. Auf der Bühne aber wird Macbeth unter Birken-Bäumen begraben, die zum Fenster hereinfliegen. Ein schönes Bild am Ende einer frischen und klugen Inszenierung, in der neben den Genannten in vielen Rollen auch Stefan Merki (wunderbar als König auf Pumps!) und Kate Strong glänzten.

 

Foto: Kammerspiele München

 

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