Er komponierte Symphonien und auch Opern, was nach der letzten Jahrhundertmitte für längere Zeit verpönt war. Freilich ist Trojahn keiner, der es dem Publikum mit seiner Musik bequem macht. Seine Symphonien verstehen sich zum Teil als »letzte Symphonien«, durchaus als Katastrophenmusik. Und in seinem inzwischen beachtlich reichen Opernoeuvre (Werke u.a. nach Pirandello, Shakespeare, Eduardo de Filippo, Tankred Dorst) entspricht er einerseits dem Genre »Literaturoper«, ohne aber Eigenwüchsigkeiten einer originellen musikalischen Dramaturgie hintanzustellen.
Besonders neugierig machte nun das Antikenprojekt Orest, ein Einakter in sechs Szenen, zu dem sich Trojahn (nach Euripides, aber auch mit Material aus den Dionysos-Dithyramben von Nietzsche) das Libretto selbst schrieb und der an der Nederlandse Opera in Amsterdam jetzt erfolgreich uraufgeführt wurde.
Die Familie als Hort von Unheil – dieses Thema, an dem sich der Großteil der dramatischen Weltliteratur nährt, gibt auch dem Fortsetzungsdrama der zur Orestie zusammengefassten Atriden-Tragödien gehörigen Stoff. Nicht um die im Winckelmann-Zeitalter besonders beliebte (und für die damalige Oper von Gluck adaptierte) Iphigenie und ihre Menschenopfer-Motivik geht es in Trojahns Arbeit, auch nicht um die von Hofmannsthal/Strauss psychologisierend ins Bürgerliche hereingeholte Elektra-Racheorgie, sondern um deren Fortsetzung – den durch rächenden Muttermord unentrinnbar im Schuldzusammenhang gefangenen Orest (Sohn Klytemnästras, Bruder Elektras).
Nach dem Prinzip »leben, leiden, lernen« kann er sich dennoch nah an eine Befreiung heran entwickeln, wobei ihm der Gott Apollo (auch als »Double« Dionysos, wie Trojahn in philologisch heterodoxer Vision fabelt) zum Partner und Mentor wird. So fällt Orest, die Titelgestalt, hier nicht den für die Bestrafung von Elternmord zuständigen Erynnien anheim, sondern kann mit der mädchenhaften Hermione womöglich ein neues Leben anfangen. Trojahn nahm sich also eines relativ spröden Orestie-Segments an.
Die in Amsterdam amtierende Regisseurin Katie Mitchell beeilte sich freilich, den »bürgerlichen« Touch des Sujets (von dem sich Trojahn durch Einbezug des göttlichen Akteurs Apollo/Dionysos eigentlich entfernt hatte), aufs Neue zu betonen. Familiensaga ist etwas vorschnell gleich Soap Opera – und folglich gibt es nicht nur Boulevardstück-Ambiente, sondern auch einen veritablen Christbaum mit buntem Kugelschmuck, auf dass es, Ironie hin oder her, weihnachtlich werde, denn die Uraufführung tagte ja in der Vorweihnachtszeit. Dennoch entbehrt Giles Cadles Bühnenbild nicht einigen Raffinements: Wieder einmal präsentiert es ein aufgeschnittenes zweistöckiges Haus mit Treppenhaus und symbolisch hochbesetzten Räumen, so in der oberen Etage der doppelten Stätte des Verbrechens – dem Badezimmer, in dem Agamemnon umkam, und dem Schlafzimmer Klytemnästras mit blutiger Bettstatt und rotbespritzten Tapetenwänden. Ein Reinigungskommando in weißen Anzügen hat während des Großteils der Aufführung genug zu tun, um die Spuren der Gewalttaten zu tilgen. Der Schluss bleibt in der szenischen Deutung aber angenehm offen: An einer finalen Festtafel prostet Hermione ihrem Gegenüber Orest nur eben mal diskret zu. Dieser erhebt sich und betritt nochmals das Mordzimmer im oberen Stock – vielleicht kann er seinen Erinnerungen doch nicht entfliehen, bleibt er ans Familien-Fatum gebannt.