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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:50

Neues von den Atriden: Manfred Trojahns eindrucksvolle Oper »Orest« in Amsterdam uraufgeführt

10.12.2011

Familie, Hort des Unheils

Der 62jährige Manfred Trojahn sieht sich gerne als Außenseiter, ist aber doch wohl ein typisch deutscher Komponist seiner Generation. Mehr als der »integrative« Wolfgang Rihm und ebenso wie die Altersgenossen Jürgen von Bose und Detlev Müller-Siemens hat er sich von der Vätergeneration der Darmstädter Avantgardisten losgesagt und verfolgt seinen eigenen, zweifellos in gewisser Weise »traditionalistischeren« Weg. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Er komponierte Symphonien und auch Opern, was nach der letzten Jahrhundertmitte für längere Zeit verpönt war. Freilich ist Trojahn keiner, der es dem Publikum mit seiner Musik bequem macht. Seine Symphonien verstehen sich zum Teil als »letzte Symphonien«, durchaus als Katastrophenmusik. Und in seinem inzwischen beachtlich reichen Opernoeuvre (Werke u.a. nach Pirandello, Shakespeare, Eduardo de Filippo, Tankred Dorst) entspricht er einerseits dem Genre »Literaturoper«, ohne aber Eigenwüchsigkeiten einer originellen musikalischen Dramaturgie hintanzustellen.

 

Besonders neugierig machte nun das Antikenprojekt Orest, ein Einakter in sechs Szenen, zu dem sich Trojahn (nach Euripides, aber auch mit Material aus den Dionysos-Dithyramben von Nietzsche) das Libretto selbst schrieb und der an der Nederlandse Opera in Amsterdam jetzt erfolgreich uraufgeführt wurde.

 

Die Familie als Hort von Unheil – dieses Thema, an dem sich der Großteil der dramatischen Weltliteratur nährt, gibt auch dem Fortsetzungsdrama der zur Orestie zusammengefassten Atriden-Tragödien gehörigen Stoff. Nicht um die im Winckelmann-Zeitalter besonders beliebte  (und für die damalige Oper von Gluck adaptierte) Iphigenie und ihre Menschenopfer-Motivik geht es in Trojahns Arbeit, auch nicht um die von Hofmannsthal/Strauss psychologisierend ins Bürgerliche hereingeholte Elektra-Racheorgie, sondern um deren Fortsetzung – den durch rächenden Muttermord unentrinnbar im Schuldzusammenhang gefangenen Orest (Sohn Klytemnästras, Bruder Elektras).

 

Nach dem Prinzip »leben, leiden, lernen« kann er sich dennoch nah an eine Befreiung heran entwickeln, wobei ihm der Gott Apollo (auch als »Double« Dionysos, wie Trojahn in philologisch heterodoxer Vision fabelt) zum Partner und Mentor wird. So fällt Orest, die Titelgestalt, hier nicht den für die Bestrafung von Elternmord zuständigen Erynnien anheim, sondern kann mit der mädchenhaften Hermione womöglich ein neues Leben anfangen. Trojahn nahm sich also eines relativ spröden Orestie-Segments an.

 

Die in Amsterdam amtierende Regisseurin Katie Mitchell beeilte sich freilich, den »bürgerlichen« Touch des Sujets (von dem sich Trojahn durch Einbezug des  göttlichen Akteurs Apollo/Dionysos eigentlich entfernt hatte), aufs Neue zu betonen. Familiensaga ist etwas vorschnell gleich Soap Opera – und folglich gibt es nicht nur Boulevardstück-Ambiente, sondern auch einen veritablen Christbaum mit buntem Kugelschmuck, auf dass es, Ironie hin oder her, weihnachtlich werde, denn die Uraufführung tagte ja in der Vorweihnachtszeit. Dennoch entbehrt Giles Cadles Bühnenbild nicht einigen Raffinements: Wieder einmal präsentiert es ein aufgeschnittenes zweistöckiges Haus mit Treppenhaus und symbolisch hochbesetzten Räumen, so in der oberen Etage der doppelten Stätte des  Verbrechens – dem Badezimmer, in dem Agamemnon umkam, und dem Schlafzimmer Klytemnästras mit blutiger Bettstatt und rotbespritzten Tapetenwänden. Ein Reinigungskommando in weißen Anzügen hat während des Großteils der Aufführung genug zu tun, um die Spuren der Gewalttaten zu tilgen. Der Schluss bleibt in der szenischen Deutung aber angenehm offen: An einer finalen Festtafel prostet Hermione ihrem Gegenüber Orest nur eben mal diskret zu. Dieser erhebt sich und betritt nochmals das Mordzimmer im oberen Stock – vielleicht kann er seinen Erinnerungen doch nicht entfliehen, bleibt er ans Familien-Fatum gebannt.

 

Sechs singende Personen tragen die Handlung. Neben dem Doppelgott (Finnur Bjarnason mit gleißendem, beweglichem Tenor) und Orest (Dietrich Henschel, baritonal kraftvoll und mit sachlichem Spielimpetus) sind das die drei Frauen Elektra, Hermione und Helena - deutlich differenziert durch stimmdarstellerische Spezifik, also finster-expressiv (Sarah Castle), lyrisch blühend (Romy Petrick) oder verführerisch-brillant (Rosemary Joshua). Dem bedächtigen Menelaos gibt Johannes Chum deutliches Profil. Als vervielfachte Geistererscheinung taucht die stumm-fatale Muttergestalt Klytemnästras im Stück auf. Ein kleiner Männerchor auf der Bühne hat musikdramaturgisch weniger Gewicht als die häufig wiederkehrenden Tonbandeinspielungen »impressionistischer«, signalhafter Frauenstimmen (ferne Erynnien?), die an entsprechende Passagen aus französischen Opern der vorletzten Jahrhundertwende (Pelléas, Ariane et barbe-bleue, Louise) gemahnen. Aus dem »Off« erklingend, geben sie dem Ganzen eine frappierende Tiefendimension.

 

Mit nur 70 Minuten Spieldauer wirkt Trojahns neues Stück dicht und komprimiert wie sonst nur Janácek-Opern. Und bloß einige der orchestralen Zwischenspiele emanzipieren sich zu größeren Tableaus. Trotzdem macht die Musik insgesamt einen reifen, suggestiven Eindruck. Trojahn bedenkt vor allem die drei Frauenstimmen mit liebevoller Empathie, lässt ihre Gesänge in oft geradezu betörend konsonanten Ensemblewirkungen sich vereinigen. Trojahns Zuneigung zur »tonalen« Musik, ja, zum Phänomen musikalischer Schönheit, wird immer wieder beschworen, aber niemals banal, vielmehr eher in der Art einer utopischen Suchbewegung. Fast könnte die Perspektive entstehen, Trojahns satztechnisch komplexer, dissonanzengespickter »Konversationston« sei die prosaische Realität, die sich nach einer  unerreichbaren Zukunftsharmonie ausstreckt.

 

Mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest und dem Koor van De Nederlandse Opera erreichte der Dirigent Marc Albrecht eine bis ins kleinste Detail stimmige, wunderbar ausgearbeitete und zugleich dramatisch ungemein packende Wiedergabe. Charakteristisch die dunklen Bläserfarben (Heckelphon, Kontrabassklarinette, Bassposaune) des mittelgroß besetzten Orchesters. Sie dienen nicht zuletzt der präzisen Personenkennzeichnung. Trojahns Vokalstil ist ausgreifend-expressiv, aber nicht allzu sehr  ins »Künstliche« verfremdet. Bis zuletzt tüftelten der Komponist und der Dirigent an der raumakustischen Klangwirkung. Das Ergebnis lohnte die Mühe. Eine musikdramatische Novität kam zutage, der man andernorts (offenbar plant Hannover eine Zweitinszenierung) bald wiederbegegnen möchte.

 

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