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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:51

Geldkrise als Kammertheater: eine Schauspiel-Uraufführung in Kassel

23.01.2012

Gruß von der Währungsreform

Im Sprung der toten Katze: Das neue Stück von Katja Hensel ist mit seinem enigmatischen Titel kein Tierdrama und kein Katzenkrimi. Börsen-Insider dürften gleich verstehen: Die Redensart »dead cat bounce« bezeichnet eine kurzzeitige Kurserholung unmittelbar nach drastischem Kursverfall, also so etwas wie eine löcherig-unzuverlässige und letztlich haltlose Erholungsinsel im reißenden Strom des Niedergangs. Das aktuelle Thema, bearbeitet als Auftragsstück des Kasseler Staatstheaters, lockte ein neugierig-animiertes Uraufführungspublikum in die Kellerräume des TIF, der Theater-Dependence im Friederizianum, das bereits einige Vorzeichen der kommenden documenta erkennen lässt (sie ist, passend zu den desaströsen Zeiten, die dreizehnte ihrer Art). Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Kein zeitdiagnostisch versierter Satiriker von der Wucht eines Erich Kästner stand zur Verfügung, eher so etwas wie eine spaßmacherische Junior-Version, also Zeitkritik light, ein launig-witziges Porträt der McFinanzkrise, bühnentraditionell abgesichert als heruntergeholte Allegorie mit personifizierten abstrakten Größen: den als Liebespaar zwischen Festanlegung und freiem Flottieren flatternden Zwanzigeuroscheinen, dem Glitzergirl Goldie und den ähnlich symbolfähig verkörperten Richie und Mark. Am plastischsten und gelungensten wohl die Gestalt »Kapitalmarkt«: Christina Weiser verkörperte sie mit perfekter, gleichwohl lässiger Eleganz und in subtil asiatisch angetönter Alertheit. Kostüme und Masken – insbesondere die albern-bizarren Frisuren - unterstrichen im schlichten Bühnenbild (Ausstattung: Wiebke Meier) den karikaturistischen Zug der sketchartigen und comic-nahen Handlung.

 

In munteren (gelegentlich auch ledernen) Kurzszenen suchten hier sechs Personen zwar keinen Autor, wohl aber, in immer wieder abgewandelten Kombinationen, so etwas wie einen roten Faden durch die undurchschaubare, labyrinthische Thematik. Skepsis und Wissen angesichts der anonymen Finanzmacht (die sich auch allegorisch  nicht erklärt) haben zugenommen, ohne dass Beherrschbarkeit in Sicht käme. Die »unsichtbare Hand«, die alles noch richten könnte, gehört für die Autorin ebenso zum Scherzrepertoire wie die kurzschlüssigen Selbstreflexionen der zünftig-zynischen Kapitalmarkt-»Philosophie« (sie wären noch lächerlich ergänzbar gewesen durch Wolf Singers neueste Frohe Botschaft von den »sich selbst regulierenden Systemen«). Aber auch die Kapitalismuskritik eines Frank Schirrmacher (ihr entsprachen am ehesten die vernunftgeleiteten Auslassungen des von Thomas Sprekelsen besonnen-konservativ und als richtig kluger FAZ-Kopf imaginierten Richie) konnte sich kaum als kathartische Bekräftigung behaupten. So erzeugten denn auch die gegen Schluss ertönenden Rufe »Zu spät« (aus dem Munde der Disco- und Partyflair ausstrahlenden Goldie alias Alina Rank sowieso sehr milde Kassandrasprüche) keine sonderliche Aufregung. Nun ja, leicht vermotzt packt Mark (Peter Elter) sein Keyboard dann doch schon ein und schleicht davon, weil zwar die Apokalypse »Währungsreform« grüßen lässt, die Wiederkehr der D-Mark aber dennoch ausgeschlossen bleibt. Ein wenig unklar verabschiedete sich auch die Lovestory der leise tumb markierten Geldscheine (Eva Maria Sommersberg, Franz Josef Strohmeier).

 

Heitere, gelassene Ratlosigkeit – vielleicht kein unangemessenes aktuelles Gefühl, in das der Zuschauer von Katja Hensels mäandernden Katzensprüngen entlassen wird. Im Kleinklein dieser szenischen Variationen bleibt die sicherlich ebenfalls berechtigte große Empörung auf der Strecke – keine schwungvoll-mitreißende Welt- und Geldende-Revue ist das, um die Theater- oder gar Finanzwelt aufzumischen. Keine umstürzende Genialität orgelte in Kassel. Anders ausgedrückt: Den Katzensprüngen der derzeitigen Finanzrealität entspricht nicht die lautstarke Tragödie, sondern die stillvergnügt vor sich hindümpelnde Farce. Und so war denn im Kasseler TIF neubiedermeierlich-genial schließlich alles in bester Ordnung. Man amüsierte sich. Auch über Nicole Oders pfiffige, manchmal auf Tempo drückende, nach und nach aber auch im (schwächer werdenden) Text sich verheddernde Regie und die ebenso regelmäßig wie hilflos eingestreuten (und von Fragmenten der Bach’schen Violinpartita d-moll konterkarierten) Songs, die noch etwas weniger routiniert hätten klingen müssen, um den vertrottelten Charme Kaurismäki’scher Musikeinlagen zu bekommen.

 

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