Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 13:51

Dietrich Hilsdorf inszeniert am Wiesbadener Staatstheater Giuseppe Verdis ,,Simon Boccanegra"

05.02.2012

Am Ende: die Väter mit ihren Lebenslügen

Überall im Verdi Kosmos: die Väter. Manchmal nerven sie (wie in La Traviata, trotz arioser Doppelrahmstufen-Nobilität oder gerade deswegen), manchmal geben sie interessante psychologische Profile (wie König Philipp in Don Carlo), manchmal verschwinden sie nach der von ihnen ausgelösten Katastrophe erfreulich schnell aus dem Stück (bei La Forza del destino). In Simon Boccanegra, einem Schmerzenskind der Verdi’schen Opernmuse – die Erstfassung 1857 fiel durch; eine mithilfe seines letzten, ingeniösen Librettisten Arrigo Boito getätigte Umarbeitung war seit 1881 (mäßig) erfolgreich – stehen gleich zwei Patriarchen im Zentrum der Handlung: Simon Boccanegra, der zum Genueser Dogen avancierte Plebejer, ein ehemaliger Korsar, und Fiesco, der alteingesessene Patrizier, sein erbitterter Feind. Politisch und persönlich. Denn Simon hatte Fiescos Tochter Maria »entehrt« und ein Kind mit ihr. Dies die Vorgeschichte; die Haupthandlung spielt (in drei Akten) 25 Jahre später, in der letzten Phase der langen Herrschaft Boccanegras. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Es ist das Endspiel der Väter, das in Dietrich Hilsdorfs Wiesbadener Verdi-Inszenierung den Opernschluss markiert. Als Requisiten gibt es dabei auf der (vorher auch opulenteren) Bühne nur noch einen langen Tisch und ein paar Stühle (Bühnenbild: Dieter Richter). Die beiden alten Männer umschleichen sich oder sitzen einander gegenüber in elementarer, ja kreatürlicher Feindseligkeit. Zugleich denkt man an Ibsens berühmtes Stichwort »Lebenslüge«. An der Schwelle des Todes schleppen die Alten – Fiesco, der Greis an zwei Stöcken; Simon, der durch einen Gifttrank von Minute zu Minute Alternde, Vergreisende, Vergehende – ihre »Lebenslügen« mit sich und konfrontieren den Gegner damit: Ehre, Rache, Frieden, Vergebung.  Irrtümer und Gegensätze einer profund absurden conditio humana.

 

Doppelte Väter-Leiden, Väter-Illusionen ergeben hier gleichsam eine potenzierte Verdi-Emotionalität. In der düster grundierten Musik schwingt aber auch einige nihilistische Vanitas-Vorahnung aus der Jago-Sphäre des späteren Otello mit. Wenn Fiesco seinen altertümlichen Umhang ablegt und im »Zivil« des späten 19. Jahrhunderts (also der Entstehungszeit der Zweitfassung, die auch in Wiesbaden gewählt wurde) dasteht, wird die Gefühlspräsenz sozusagen um eine Stufe angehoben – und die Ibsen-Assoziation bekräftigt. Hilsdorf und seine Kostümbildnerin Renate Schmitzer handhaben solche dramaturgischen Hinweise unaufdringlich und souverän.

 

Das Kammerspiel der Väter gelingt in dieser Inszenierung besonders eindrucksvoll – auch dank zweier konzentrierter Sängerdarsteller mit fast überdimensionaler Vokalausstrahlung. Luciano Batinic – ein bassgewaltiger Fiesco, der mit knappen schauspielerischen Mitteln Autoritätsräume um sich schafft. Nicht minder respektgebietend setzt der Bariton Kiril Manolov in der Titelrolle seine Körpersprache und das Organ eines wahren Hünen ein, der freilich auch und gerade mit seinen Anwandlungen von Zärtlichkeit, seinen ständigen Bekundungen von Versöhnungsbereitschaft und Gewaltverzicht, Anteilnahme erregt.

 

Hilsdorf wäre nicht einer der großen Opernszeniker der deutschen Bühne, wenn er nicht alle weiteren Aspekte des komplexen Handlungsgefüges plausibel und psychologisch feinnervig realisierte – er tut das diesmal übrigens auf eher unspektakuläre, die konservative Opernoptik nicht allzu auffällig konterkarierende Weise. Allerdings ist die Sorgfalt der Personenregie eine den Aufführungsdurchschnitt weit überflügelnde Qualität. Das wird bereits in dem szenischen Prolog deutlich, den Hilsdorf vor geschlossenem Vorhang (nur eine kleine Tür nach hinten ist geöffnet und lässt die zeitgleichen Turbulenzen eines Todesfalles und einer Dogenwahl erahnen) mit präzis kalkulierten minimalistischen Aktionen spielen lässt. Während dieser 25 Minuten einer dramaturgisch im Grunde ziemlich »normalen« Werk-Initiation (mit einer besonders beredten, suggestiven, »entführenden« Musik) bleibt das Saallicht an – das und die anschließende allzu früh platzierte erste Pause erscheinen doch als ein wenig allzu kapriziöse Inszenierungs-Ingredienzien.

 

Beträchtliche sängerische Formate gab es auch beim Liebespaar:  mit der etwas kühl timbrierten, aber höhensicheren und im Ensemble alle überstrahlenden Sopranistin Tatjana Plotnikova und dem lebhaften, seine Hin- und Hergerissenheit glaubwürdig verkörpernden, zudem stimmlich ungemein evokativen und disziplinierten chilenischen Tenor Felipe Rojas Velozo. Am Dirigentenpult zeigte der Wiesbadener Generalmusikdirektor Marc Piollet (zusammen mit den hervorragenden Chor- und Orchester-Kollektiven), dass Verdis vielleicht abgründigste Oper am besten ohne forciertes Brio, mit Ruhe und Umsicht und dadurch nur umso größerer Steigerungfsfähigkeit, ihr dramatisches Potential ausschöpfen lässt. Eine sehens- und hörenswerte Verdi-Aufführung!

 

Foto: Kaufhold

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL