Und es funktioniert
Versatzstücke und Kommentare reichen, um neue Personen und Orte anzudeuten. Regieanweisungen werden gesprochen. Die Zuschauer werden immer wieder aus der Illusion gerissen. Und doch verfolgen sie gespannt und konzentriert das Geschehen, lauschen den Worten und der literarischen Sprache, verfolgen die Taten auf der Bühne. Das Ergebnis ist eine distanzierte Vertrautheit. Eine ungewohnten Distanz und Brechung aus der ein neuer Blick auf das vertraute Drama entsteht. Denn Johanna (grandios verkörpert von Liza Sarah Riemann) ist in Eggenfelden keine einfach von Gott Berufene, keine Unbeirrbare. Sie ist eine junge Frau, die eine Berufung verspürt, die sich das unmenschliche Gelübde der Keuschheit auferlegt und durch die Liebe an ihrer Mission, an sich selber verzweifelt.
Diese Johanna ist keine Allwissende, in ihrer Mission Unerschütterliche. Sie ist eine junge, suchende Frau, die im Glauben und in ihrer Berufung scheinbar einen Halt hat, aber doch in der Welt und in sich selber verloren ist. Nur der Kampf gegen die Engländer, das Rasen und das Wüten verschafft ihr eine brüchige Sicherheit. Sobald sie mit ihrer eigenen Menschlichkeit in Form der Liebe konfrontiert ist, ist sie haltlos, unsicher, verloren - am Ende ist der Tod für sie die Erlösung.
Ihr zu Seite stehen die restlichen Personen des Tableaus, die sich teils aus Glauben, teils aus kalter Berechnung der Johanna anschließen und sie benutzen. Für sie gibt es nur die Kunst- und Symbolfigur. Der Mensch ist ihnen nicht zugänglich, ist für sie auch nicht von Interesse. Und diejenigen, die sich Johanna mit menschlichen Gefühlen, mit Liebe nähern, auch sie scheitern an ihr, weil Johanna diese Nähe nicht zulassen kann.
Am Premierenabend präsentierte sich das gesamte Ensemble des Theaters an der Rott durch die Bank in bester Schauspiel-Laune. Sie genossen diese gewaltige Herausforderung und nahmen sie mit Bravour an. Sie nutzten das Drama als Steinbruch, um reihenweise hervorragende Arbeit abzuliefern. Allen voran Liza Sarah Riemann in der Gewaltrolle der Johanna. Gefolgt von dem jungen Florian Federl, der sich wandlungsfähig und in den verschiedensten Charakteren (König Karl, Montgomery oder liebender Raimond) differenziert und überzeugend präsentierte. Ihnen zur Seite standen in ihren unterschiedlichsten Rollen die bewährten Ensemble-Mitglieder Christine Reitmeier, Sebastian Goller, Boris Schumm, Erich Maier und Christopher Luber. Auch sie nutzten ihre äußerst unterschiedlichen Parts, um dem Drama und den Rollen menschliche Tiefe zu verleihen. Insgesamt ist die Jungfrau von Orleans eine geschlossene Ensemble-Leistung, in der alle vor, auf und hinter der Bühne ihre Fähigkeiten bestens einbrachten und zeigten, was möglich ist, wenn dieses Ensemble im Theater an der Rott gefordert wird.