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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:53

Theaterpremiere: Shockheaded Peter

07.11.2010

Brave Biedermeier-Burleske

„Manchmal muss man grausam sein, um gut zu sein.“ Grausam wie Kinderbücher und Kindheiten, wie Kinderfantasien und Kinderspiele. Grausam spöttisch und spaßig. Grausam wirklich und wunderbar. Grausam, aber wahr - das sind die Worte des Struwwelkindes auf der Bühne. Im Berliner Maxim-Gorki-Theater feiert die Junk-Opera Shockheaded Peter der Tiger Lillies ihre Premiere. Von LIDA BACH

 

Brutal, biedermeierlich und belehrend war Heinrich Hoffmanns Struwwlepeter. Bitterböse, burlesk und bizarr ist Shockheaded Peter der Tiger Lillies. Shockheaded Peter am Maxim-Gorki-Theater besitzt keine der schillernden Eigenschaften. Bunt, aber brav ist das Singspiel auf der Bühne. Sänger Martyn Jaques, Phelim McDermott und Julian Crouch hingegen inszenieren sich mit kalkweißen Gesichtern als schaurige Moritaten-Sänger. Ihre in Gewalt, Schmutz und Perversion schwelgenden Bänkellieder vereinen ein tragisch-satirisches Horror-Kabcarett a la Brecht mit der sozialkritischen Doppelbödigkeit eines De Sade. Zwischen grausiger Persiflage und ironischer Hommage adaptierten die Tiger Lillies Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter als englischsprachige Junk-Opera Shockheaded Peter.

 

"Und das soll böse sein?"

Das Struwwelkind ist Schauspielerin Britta Hammelstein, ihre drei Spiel- und Spießgesellen Johann Jürgens, Anne Müller und Matti Krause. „Wenn der Regen niederbraust, wenn der Sturm das Feld durchsaust, bleiben Mädchen oder Buben hübsch daheim in ihren Stuben.“ Nicht so das Publikum und das vierköpfige Ensemble, das in Ronny Jakubaschks Inszenierung „die dunkelsten Nischen des menschlichen Vorstellungsvermögens hinter jenem ach so blutigroten Vorhang“ ankündigt. Die dunkelsten Nischen Jakubaschks sind ähnlich gut ausgeleuchtete wie das karge Bühnenbild. Die Schuluniformen der Darsteller sollen vermutlich blutrot sein, haben jedoch eher Feuerwehrfarbe. Richtig blutig ist auch der Vorhang nicht, bemerken die Struwwelkinder, sondern „after-eight-grün“. Die improvisierten Worte beschreiben die Note von Jakubschaks Inszenierung des Shockheaded Peter: süßlich, schwach erfrischend mit einem Hauch gezielter Dissonanz.

 

Besser als der die gewünschte Provokation indirekt beschwörende Originaltitel passt auf den Shockheaded Peter der Untertitel von Heinrich Hoffmanns Kinderbuch: Lustige Geschichten und drollige Bilder. Als gelte es, die „Gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug“ als Travestie – Can Can zu tanzen, schwingt Matti Krause einen roten Rüschenrock. Und Miez und Maunz, die Katzen, halten Federboas als Schwänze in den Tatzen. Das Feuerwehrrot passt zu der Moritat des Paulinchens. Sonst passt fast nichts, auch nicht die grüne (after-eight-grüne?) Waldkulisse, die das einschneidende Erlebnis des Daumenlutschers Konrad mit dem Schneider bebildert. Pünktlich zu der Geschichte vom wilden Jäger ist der Wald gerodet.

 

„Und das soll böse sein oder was?!“, platzt es schließlich aus Jürgens in einer der halb improvisierten Tiraden heraus, die typisch sind für die Bühne des Gorki. Eine unfreiwillig selbstironische Szene. Aus einer Ecke des Saals erschallt träger Applaus. Augenscheinlich vermissten nicht nur die, denen die Hauptdarsteller im Interview persönlich versprachen, es würde Blut geben, den roten Lebenssaft auf der Bühne. „Wahnsinnig böse!“, schimpft Jürgens unterdessen: „Wie alt seid ihr eigentlich?“ Potentiell unter vierzehn. Ab dieser Altersstufe ist Shockheaded Peter im Gorki freigegeben. Erschrecken oder gar verstören würde es auch jüngere Kinder nicht. Heinrich Hoffmanns Original von 1844 gelänge letztes besser. Doch die zahme Bühnenfassung zensiert skurrilerweise sowohl Struwwel- als auch Shockheaded Peter. Johann Jürgens ernüchterter Seufzer ist gut nachvollziehbar: „Schade, es hätte auch was Schönes daraus werden können.“ Wurde es leider nicht.

 

Nett ist der Abend, nett ist das böse blickende Musikantenstadl. Nett ist das Gegenteil von allem, was die Tiger Lillies und Hoffmanns Struwwelpeter verkörpern.„Darum bedenke, was du tust. Der Konrad starb an Blutverlust.“ Blutarm, blass, ohne erbleichen zu lassen ist dieser Shockheaded Peter, dem vielleicht nicht Haar und Nägel, aber Schrecken, Boshaftigkeit und Kompromisslosigkeit geschnitten wurden. Das menschliche Bewusstsein sei voller Ungeheuer, verheißt der erste Satz. Hoffmann und die Tiger Lillies befreiten sie jeder auf eigene faszinierende Weise. Jakubaschk legt die Ungeheuer an die Kette.

 

„Heut’ komm’ ich zum hundertsten Male

Herein in die lustige Welt;

Da find’ ich im festlichen Saale

Viel Kinder und Freunde gesellt.

(…)

Zwar ließ ich mich köstlich frisieren

Sie zausten mir böslich das Haar;

Das soll mir nicht wieder passieren,

Ich bleibe der Bursch’, der ich war.“

 

So heißt es in der Vorrede der Jubiläumsausgabe. Ein schwacher Trost nach einer schwachen Theateraufführung, welche die Dämonen der Kindheit exorziert, statt zu beschwören. Manchmal müssen wir eben grausam sein, um gut zu sein, wie das Struwwelkind lehrte, und „Manchmal müssen wir grausam sein – einfach nur so.“


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