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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:54

 

Interview mit Britta Hammelstein und Johann Jürgens

08.11.2010

"Es ist alles wahnsinnig brutal."

Es wird Blut fließen im Maxim Gorki Theater Berlin. Menschenblut? Britta Hammelstein und Johann Jürgens, die Hauptdarsteller der Junk-Opera Shockheaded Peter aus der Feder der Tiger Lillies, verraten es nicht. Sie sprechen lieber über universelle und persönliche Ängste in Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Von LIDA BACH

 

Wie kam das Projekt ins Maxim-Gorki-Theater?

 

Hammelstein: Wir wollten etwas Musikalisches machen, wo Schauspieler singen. Man hat ganz viele Möglichkeiten, ein Haus dramaturgisch anzufüllen. Es ist wichtig, dass man nicht nur in eine Richtung schaut. Wir wussten, dass es keine Arbeit ist wie sonst. Das war das Interessante an diesem Abend.

 

Wir vertraut waren Sie vorab mit dem Werk der Tiger Lillies?

 

Hammelstein: Im Burgtheater wurde das auch aufgeführt. Da hatte ich von der Inszenierung etwas mitbekommen. Aber ich kannte die Tiger Lillies vorher nicht im Zusammenhang mit Shockheaded Peter.

 

Jürgens: Ich kannte die Musik der Tiger Lillies, aber nicht die von diesem Projekt und habe das nie in Verbindung gebracht. Ich habe aufgehorcht, als ich hörte, die wollen das hier machen. Als ich erfuhr, dass die Musik von den Tiger Lillies ist, wollte ich auf jeden Fall dabei sein.

 

Gab es persönlichen Kontakt zu den Tiger Lillies?

 

Hammelstein: Nein. Unser musikalischer Leiter kennt sie und hat uns manchmal von denen etwas erzählt.

 

Haben Sie experimentiert bei der Aufführung eines so modernen, innovativen Stücks?

 

Jürgens: Dafür sind wir hier im Gorki bekannt: Wir stürzen uns in Sachen rein, machen Projekte, gehen einfach drauflos. Für uns war das Erste, dass wir uns mit den Musikern – die übrigens drei fantastische Musiker sind – auf musikalischer Ebene angeglichen und mit professioneller Unterstützung dort experimentiert haben. Danach haben wir uns die Bilder gebaut.

 

Haben Sie als Kinder den Struwwelpeter vorgelesen bekommen oder angeschaut?

 

Jürgens: Ich kannte den Struwwelpeter. Gerade in dieser Phase geht es um kaputt machen, um tot machen. Ich glaube, dass das ganze heute nur anders betrachtete wird. Damals war es einfach nur ein Kinderbuch. Genauso grausam ist Hase und Igel, wo es um Mobbing geht. „Von einem, der auszog, das fürchten zu lernen“, „Max und Moritz“, wo die Hühner am Hals aufgehängt und ersticken. Es ist alles wahnsinnig brutal. Das ist die Kinderfantasie, die damals ganz anders aufgenommen wurde.

 

Hammelstein: Nein, ich habe ihn nicht gehabt, soweit ich mich erinnere. Ich glaube, ich kannte diese Geschichten mehr vom Arzt, aus Wartezimmern. Aber ich glaube, dass es auch sehr durch den Volksmund aufgenommen wurde.

 

Würden sie den Struwwelpeter heute Kindern vorlesen?

 

Hammelstein: Würde ich. Auch meinem eigenen Kind.

 

Jürgens: Auf jeden Fall.

 

Horror-Cabaret, Junk-Opera, Freak Show – befremdet oder fasziniert Sie diese Welt?

 

Hammelstein: Mich hat es interessiert, ein Kinderbuch zu verarbeiten und in die Richtung Junk, Punk, Trash zu gehen und dass die Tiger Lillies daraus so etwas gemacht haben. Diese Buch bietet eine Steilvorlage, weil es darin so brutal zugeht wie in der ganzen Welt.

 

Wen verkörpern Sie auf der Bühne?

 

Jürgens: Eines der Struwwelkinder. Wir haben vier Struwwelkinder. Jeder singt vier Moritaten und wir schaukeln uns mit den Geschichten hoch.

 

Wie fühlt sich die Inszenierung eines Kinderklassikers an, der statt konzipierter Charaktere symbolische Figuren enthält?

 

Jürgens: Für uns war es eine Suche, ein Erforschen. Jedes Stück ist ein unfertiges Bild.

 

Das Stück ist im Gorki ab 14 freigegeben. Hätten sie es vorgezogen, es für Kinder zu öffnen?

 

Hammelstein: Es war eher die Tendenz, mit der Altersvorgabe nach oben zu gehen. Es ist die Fantasie der Kinder, aber die greifen wir jetzt als Erwachsene auf. Die Theatermittel, die wir benutzen, sind sehr laut. Ich fände ich es etwas krass für ganz kleine Kinder.

 

Jürgens: Wir haben im Probenprozess selber gesehen, wie brutal das ganze ist. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es in einer Zeit geschrieben worden ist, wo das ganz anders gesehen wurde und ganz anders gemeint war. Dieser Autor hat das geschrieben, um seinen Sohn zu unterhalten und nie damit gerechnet, dass es solche Wellen schlägt.

 

Hammelstein: Ich denke, es ist eine Frage der Perspektive. Heutzutage, aus der Sicht von uns Erwachsenen klingt dieses Buch brutal. Aber wenn man sich in die Perspektive der Kinder hinein versetzt – und ich denke, dass hat der Vater damals gemacht – wird es sehr real. Deshalb sind wir auch in die Perspektive der Kinder gegangen in der Inszenierung. Die Idee war, von der Kindersicht, nicht der Elternsicht, aufzuschauen.

 

Fließt Blut?

 

Hammelstein: Ja

 

Wird Shockheaded Peter schockieren?

 

Hammelstein: Vielleicht schaffen wir es mit ein paar Bildern ... zumindest zu überraschen.

 

Haben die Geschichten aus dem Struwwelpeter Sie als Kinder geängstigt?

 

Jürgens: Mich auf jeden Fall. Ich hab mich schon gegruselt und die Bilder im Kopf gehabt.

 

Haben Sie Lieblingsgeschichten aus dem Struwwelpeter und sind das vielleicht die Blutigen?

 

Jürgens: Den Friederich finde ich gut.

 

Hammelstein: Weil er am brutalsten ist?

 

Jürgens: Ja. Und die Bösen Buben finde ich auch super.

 

Hammelstein: Klar. Die Brutalität macht immer am meisten Bock. Darin sind wir alle eben noch Kinder.

 

Vielen Dank für das Gespräch!


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