Wie kam das Projekt ins Maxim-Gorki-Theater?
Hammelstein: Wir wollten etwas Musikalisches machen, wo Schauspieler singen. Man hat ganz viele Möglichkeiten, ein Haus dramaturgisch anzufüllen. Es ist wichtig, dass man nicht nur in eine Richtung schaut. Wir wussten, dass es keine Arbeit ist wie sonst. Das war das Interessante an diesem Abend.
Wir vertraut waren Sie vorab mit dem Werk der Tiger Lillies?
Hammelstein: Im Burgtheater wurde das auch aufgeführt. Da hatte ich von der Inszenierung etwas mitbekommen. Aber ich kannte die Tiger Lillies vorher nicht im Zusammenhang mit Shockheaded Peter.
Jürgens: Ich kannte die Musik der Tiger Lillies, aber nicht die von diesem Projekt und habe das nie in Verbindung gebracht. Ich habe aufgehorcht, als ich hörte, die wollen das hier machen. Als ich erfuhr, dass die Musik von den Tiger Lillies ist, wollte ich auf jeden Fall dabei sein.
Gab es persönlichen Kontakt zu den Tiger Lillies?
Hammelstein: Nein. Unser musikalischer Leiter kennt sie und hat uns manchmal von denen etwas erzählt.
Haben Sie experimentiert bei der Aufführung eines so modernen, innovativen Stücks?
Jürgens: Dafür sind wir hier im Gorki bekannt: Wir stürzen uns in Sachen rein, machen Projekte, gehen einfach drauflos. Für uns war das Erste, dass wir uns mit den Musikern – die übrigens drei fantastische Musiker sind – auf musikalischer Ebene angeglichen und mit professioneller Unterstützung dort experimentiert haben. Danach haben wir uns die Bilder gebaut.
Haben Sie als Kinder den Struwwelpeter vorgelesen bekommen oder angeschaut?
Jürgens: Ich kannte den Struwwelpeter. Gerade in dieser Phase geht es um kaputt machen, um tot machen. Ich glaube, dass das ganze heute nur anders betrachtete wird. Damals war es einfach nur ein Kinderbuch. Genauso grausam ist Hase und Igel, wo es um Mobbing geht. „Von einem, der auszog, das fürchten zu lernen“, „Max und Moritz“, wo die Hühner am Hals aufgehängt und ersticken. Es ist alles wahnsinnig brutal. Das ist die Kinderfantasie, die damals ganz anders aufgenommen wurde.
Hammelstein: Nein, ich habe ihn nicht gehabt, soweit ich mich erinnere. Ich glaube, ich kannte diese Geschichten mehr vom Arzt, aus Wartezimmern. Aber ich glaube, dass es auch sehr durch den Volksmund aufgenommen wurde.
Würden sie den Struwwelpeter heute Kindern vorlesen?
Hammelstein: Würde ich. Auch meinem eigenen Kind.
Jürgens: Auf jeden Fall.
Horror-Cabaret, Junk-Opera, Freak Show – befremdet oder fasziniert Sie diese Welt?
Hammelstein: Mich hat es interessiert, ein Kinderbuch zu verarbeiten und in die Richtung Junk, Punk, Trash zu gehen und dass die Tiger Lillies daraus so etwas gemacht haben. Diese Buch bietet eine Steilvorlage, weil es darin so brutal zugeht wie in der ganzen Welt.