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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:54

Bettina Erasmy: Supernova

26.11.2010

Der große Knall

Bettina Erasmys Lyrik-Debüt Wärmefaktor folgt am Staatstheater Darmstadt sogleich die Uraufführung ihres neuen Theaterstücks Supernova. MARIE HISCH hat den Text gelesen.

 

Also, wenn ich mir vorstelle, dass das immer mehr wird, das mit dem Konsum

und die vielen Arbeitslosen leider leider, und der Hunger immer mehr

wird, die Armut, die Wasserflüchtlinge, die Boat People, die Nachrichten,

die Menschen, also dann vergeht mir der Appetit ...

 

Wer „kotzen“ sagt, sagt auch bald „ficken“ - schließlich sind wir im Worldwideweb-Theater. Und wer schon lange, zumindest auf der richtigen Bühne, an gar nichts mehr glaubt, natürlich auch nicht ans Theater, der greift sich die nächstbeste Muttergottesstatue und lässt eine Lichtjahre entfernte Gretchen-Gebetsreminiszenz zwischen einem stummen Mädchen und der Schmerzensreichen zu, aber bloß nicht vergessen, diese Reminiszenz wieder auszuknipsen, indem man dann die ganze Marienstatue auf einmal, zack, in die Mülltonne schmeißt. Und einer will natürlich gleich die Welt ausrotten in seinem Hass – oder ist es dann doch nur die Autorin, die es am Ende tut? Und beim Reden übers Sterben wird der Erwartung gemäß gekichert - besser können wir unsere Figuren auf der Bühne nicht fertig machen.

 

Bei all dem wird dennoch geredet, als hätten die Worldwideweb-Geschädigten unter der Hand doch wieder zur Theaterbühnen-Verkündigung gefunden.

 

Hunger hab ich noch nie gehabt, ich ess sowieso nicht mehr, ich probier

nur noch so rum, und selbst das Probieren würd ich meinem Appetit

am liebsten verbieten, wenn ich das nur könnte, alles wieder auskotzen,

oder mich magersüchtigen, damit ich weiss, wovon die anderen reden,

wenn die Hunger haben ...

 

Es ist eine öde Zeit, die man durch dieses Stück Supernova muss, und das Beste daran ist: Bettina Erasmy hat dieses Stück wirklich sehr gut "gemacht". Stimmig im Zusammenhang, ausgewogen, wie zitiert sie es selbst im Stück: „Am Schönsten ist das Gleichgewicht, bevor es zusammenbricht.“ Und genau so ist das Stück: eine schöne gefährdete Balance kurz vor dem Zusammenbruch, der Sohn, die stumme Tochter, die Fick-Frau, die Mutter, der Vater, sie stehen wie Theater-Mensch-ärgere-dich-Familien-Figuren auf den Brettern, von denen hier behauptet wird, dass sie nicht die Welt, sondern, irgendwie, das Internet-Fernseh-Zeitalter, bedeuten – jedoch! - sie halten die Balance, ein Sprech-Gleichgewicht, und dann auch im richtigen Moment angedeutet oder durchgeführt - der große Knall!

 

... dann kann ich mir das Einkaufen sparen endlich endlich

und gleich Pillen fressen, dann läuft mir endlich mal wieder das Wasser im

Mund zusammen, wenn im Fernsehen die Werbung für Beef Stroganoff

läuft.

 

Bühnenselbstmordopern

Müde wird man bald beim Lesen/für sich Mit-Horchen, weil da ist kaum Distanz zu spüren zu den immergleichen idiotischen Sprechhaltungen, die angeblich aus ihrer aller Internet-Medien-Geist kommen. Ach, käme die Autorin dem von ihr aufgeführten Wahnsinn doch ein bisschen frecher oder, mir persönlich wär’s auch lieb, inniger bei.

 

Anders ausgedrückt: Wer sich durch so einen ausgeglichenen Text über den Abgrund unserer aller letzten Medien Tage hindurch quält, (die Fernseh-Show-Sprache wird natürlich auch noch auf die Bühne gebracht) der sollte doch bitte … ächz! - die Zunge hängt einem bald ausgedörrt aus dem Hals heraus … auf dem Weg durch die Wüste, von einem Quäntchen flirrender Fata-Morgana-Ironie oder hin und wieder von einem Spritzer echt boshafter Schwarzgalle belohnend getroffen werden! Hier aber eine dieser weiteren Bühnenselbstmordopern, bei denen sie alle so singen dürfen, wie es die ach so post- post-moderne, sich aus der Medienwelt rekrutierende, inzwischen beinahe barock anmutende, Fernsehzeitalter-Menschenbösewichter-Gefühlsnomenklatur vorschreibt.

 

Fazit:

Wer es ertragen kann, der ertrage die Normalität (alles, was Du vom Gegenwartstheater so erwarten kannst, trudelt brav in den Theater-Chatraum) dieses gut zusammengefügten Stücks Supernova. Es ist wirklich geschickt angelegt. Und eine wirklich verrückte Regisseurin oder ein wirklich innig verzückter Regisseur wird Gutes daraus schinden.

 

Die Uraufführung fand am 21. November 2010 am Staatstheater Darmstadt statt.


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