Wer „kotzen“ sagt, sagt auch bald „ficken“ - schließlich sind wir im Worldwideweb-Theater. Und wer schon lange, zumindest auf der richtigen Bühne, an gar nichts mehr glaubt, natürlich auch nicht ans Theater, der greift sich die nächstbeste Muttergottesstatue und lässt eine Lichtjahre entfernte Gretchen-Gebetsreminiszenz zwischen einem stummen Mädchen und der Schmerzensreichen zu, aber bloß nicht vergessen, diese Reminiszenz wieder auszuknipsen, indem man dann die ganze Marienstatue auf einmal, zack, in die Mülltonne schmeißt. Und einer will natürlich gleich die Welt ausrotten in seinem Hass – oder ist es dann doch nur die Autorin, die es am Ende tut? Und beim Reden übers Sterben wird der Erwartung gemäß gekichert - besser können wir unsere Figuren auf der Bühne nicht fertig machen.
Bei all dem wird dennoch geredet, als hätten die Worldwideweb-Geschädigten unter der Hand doch wieder zur Theaterbühnen-Verkündigung gefunden.
Hunger hab ich noch nie gehabt, ich ess sowieso nicht mehr, ich probier
nur noch so rum, und selbst das Probieren würd ich meinem Appetit
am liebsten verbieten, wenn ich das nur könnte, alles wieder auskotzen,
oder mich magersüchtigen, damit ich weiss, wovon die anderen reden,
wenn die Hunger haben ...
Es ist eine öde Zeit, die man durch dieses Stück Supernova muss, und das Beste daran ist: Bettina Erasmy hat dieses Stück wirklich sehr gut "gemacht". Stimmig im Zusammenhang, ausgewogen, wie zitiert sie es selbst im Stück: „Am Schönsten ist das Gleichgewicht, bevor es zusammenbricht.“ Und genau so ist das Stück: eine schöne gefährdete Balance kurz vor dem Zusammenbruch, der Sohn, die stumme Tochter, die Fick-Frau, die Mutter, der Vater, sie stehen wie Theater-Mensch-ärgere-dich-Familien-Figuren auf den Brettern, von denen hier behauptet wird, dass sie nicht die Welt, sondern, irgendwie, das Internet-Fernseh-Zeitalter, bedeuten – jedoch! - sie halten die Balance, ein Sprech-Gleichgewicht, und dann auch im richtigen Moment angedeutet oder durchgeführt - der große Knall!
... dann kann ich mir das Einkaufen sparen endlich endlich
und gleich Pillen fressen, dann läuft mir endlich mal wieder das Wasser im
Mund zusammen, wenn im Fernsehen die Werbung für Beef Stroganoff
läuft.