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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:55

Nis-Momme Stockmann: Das blaue, blaue Meer

24.11.2010

Ballade vom traurigen Wohnblock

Nis-Momme Stockmann passt gut nach Berlin-Neukölln. Er ist zur Zeit einer der gefragten jungen Dramatiker, Hausautor am Schauspiel Frankfurt und schreibt neben Theaterstücken auch Hörspiele, Lyrik und Prosa. Stefanie Aehnelts Inszenierung von Stockmanns Das blaue, blaue Meer am Neuköllner Heimathafen wurde vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall  quittiert ... Von WILFRIED HAPPEL

 

Sie heißen Darko, Motte und Elle. Sie sind Plattenbauexistenzen, und eins ist von Anfang an klar, eins werden sie mit Sicherheit nicht, vielleicht niemals zu Gesicht bekommen: Das blaue, blaue Meer. „Das blaue, blaue Meer“ von Nis-Momme Stockmann bekommt indessen der Zuschauer des Heimathafen zu Gesicht, wenn er denn den Weg in Deutschlands angeblich angesagteste Problemzone gefunden hat. Und das Seufzen über die Nichterfüllung der Träume, das schon im Titel mitschwingt, zieht sich konstant durch Stefanie Aehnelts Inszenierung.

 

,,...ohne Theater, ganz nüchtern, wie alles hier."

Svenja Kuhr hat sich für das Studio des Heimathafen Neukölln den typisch spartanischen Plattenbauspielplatz mit viereckiger Wippebank, ein blaurot lackiertes, von staatlich anerkannten Pädagogen erdachtes Sitzgeviert mit erhobenem Kommunikationszeigefinger ausgedacht - schöne, hilflose Pädagogen-Illusion, die da so hingestellt ist, als wäre Gemeinschaft durch eine Sitzgelegenheit machbar. Umgeben ist das Ganze von kniehohen Gartenpalisaden Marke Obi, aus denen das bisschen Phantasie der Problemkinder durchaus schon mal ein Wohnzimmermobiliar zurecht stellt, in dem es sich dann ganz wie ein richtiges Ehepaar halbwegs gemütlich sitzen lässt.

 

Der Abend beginnt mit dem Absturz, da liegt einer kopfunter im auf der Bühne nicht vorhandenen Sand, vermutlich in seiner eigenen Kotze. Sogleich wird klar: Die haben schon verloren, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat. Dabei wird - vermutlich bewusst - auf die Ironie verzichtet, die Stockmanns Textvorlage durchaus innewohnt. Und als das Spiel dann beginnt, ist alles schon zu spät, da hat „König Alkohol“ längst die Spielleitung übernommen, und Darko (Nico Ehl), der in der  Ballade vom traurigen Wohnblock die Rolle des sich selbst mimenden Erzählers übernimmt, rückt allzu hohe Zuschauererwartungen gleich zurecht: „Ich bin nicht besonders denkfit. Ich saufe.“ Und disputiert mit dem vielseitigen Paranoiker Elle (Roald Schramm) die Fragwürdigkeit der Sterne. Elle: „Ich glaube, hier gibt’ s keine Sterne.“

 

Natürlich nicht, hier gibt’ s nur verwahrloste Menschen, soziale Härte, ganz gewiss keine Sterne und schon gar kein blaues, blaues Meer. Nur Motte (Salome Dastmalchi), die Frau im Safariblazer, glaubt noch irgendwie an das Schöne, das Gute, die Zukunft. Aber es ist wohl nur die Erinnerung an den Glauben daran. Denn wenn Nis-Momme Stockmann seine verlorenen, dreckigen Figuren großprotzig von Sternen und vom blauen Meer palavern lässt, riecht es förmlich nach Alkoholatem, riecht es nach Kotze, nach Abschaum, dem nicht mehr zu helfen ist.

 

Brauchst du Hilfe?

Eins zumindest sollte klar sein, wenn man Stockmanns Sätze hört: Es gibt Menschen, die sind gescheitert. Die sind so gescheitert, dass wir, die vermeintlich nicht Gescheiterten, diese Menschen nur noch, wenn überhaupt, sehr schwer nachvollziehen können, und genau das macht dieses „wir“ so unsäglich dumm. Diese Peinlichkeit zu beschreiben und in Stückform zu fassen aber ist genau Stockmanns Stärke.

 

Irgendwann wird in Stefanie Aehnelts Inszenierung eine Banane geschält, brüderlich geteilt, dann weggeworfen. Lieber zaubern sie, die Verlorenen, zwei Bierflaschen aus den Jacken, trinken zitternd auf ex, und dann rülpst ES. Dann wieder einer von Stockmanns genialbösen Sätzen: Etwas ist „wohnsiedlungskonform – genau wie der Selbstmord.“ Motte kontert umso wunderschöner: „Brauchst du Hilfe?“

 

Wer ist sie, diese Motte? Gute Fee? Rettender Engel? Aber für das Gute ist es in dieser real existierenden Trainspotting-Welt zu spät. Und Rettung kann nur provisorisch sein, künstliches Koma Hoffnung: „Ich wollte immer nach Norwegen. (...) Weißt du, wo das Meer richtig blau ist? In Norwegen.“ Und dann zieht sie sich aus, Motte steht oberkörperentblößt, und zeigt ihre Narben. Ihr Gang in knöchelhohen Stiefeln ist Schwerstarbeit, mühsame Frauenbewegung, Motte ist eine „Wohnsiedlungsprostituierte“, aber sie „hat eine Mission.“

 

Darko (Nico Ehl) und Motte (Salome Dastmalchi) Darko (Nico Ehl) und Motte (Salome Dastmalchi)

In der Notaufnahme...

„Nicht lachen, kein Mitleid!“ gibt sie als Motto aus, und der Heimathafen nimmt sich das zu Herzen, und startet auch gar nicht den Versuch einer Erklärung. Und das ist nur konsequent. Denn warum sollte dem Theater gelingen, was den vermeintlich nicht Gescheiterten im verantwortlichen Amt nicht gelingt, die Erklärung des kaum noch Erklärbaren, die Integration der vielleicht nicht mehr Integrierbaren? „Wie viel trinken Sie so am Tag?“ wird Darko von Elle, der unter anderen erzählten Figuren auch den Arzt in der Notaufnahme gibt, gefragt, und dann: „Sie sind doch ein kluger Mensch. Warum machen Sie sich alles kaputt?“

 

 

Die Akteure des Abends gehen vorsichtig zu Werk, sie könnten sich tiefer hineinbegeben in die Haltungen, könnten diese rettungslos Verlorenen schmissiger geben, mit mehr Rotz, Blut und Spucke, aber sie wissen vermutlich zu genau um die Gefahren der Identifikation. Dabei sind sie in ihren Mitteln versiert, Nico Ehl gelingt die Gratwanderung zwischen Figur und Erzähler mühelos, Roald Schramm kann nicht nur leichtfüßig und unprätentiös die Rollen wechseln, sondern singt auch wunderschön, und Salome Dastmalchi gibt ihrer Figur genau das, was sie braucht: Kritische Distanz, „kein Lachen, kein Mitleid.“

 

Tiere spielen

Sie werden nicht nach Norwegen kommen, sie werden das blaue, blaue Meer nicht sehen, sie bringen es ja nicht mal bis in den Zoo: „Scheiße! Werden die uns nie irgendwo reinlassen!“ Aber man kann ja schließlich – wie das der Wohlstandsbürger sich vielleicht vorstellt – die Tiere spielen... - wieder so eine Pädagogen-Illusion. Darko versucht es, um Motte aufzuheitern, mit dem Affen, aber so richtig gelingen will ihm das nicht. Zu bitter ist die Enttäuschung der Enttäuschten, als dass sie auch noch frei aufspielen könnten. Es wäre auch zu rührselig. Es wäre, wie wenn in einem Bühnenstück über Hunger der Hungernde sich ein Brot phantasiert und davon satt wird. Diese Art Theater verweigert der Heimathafen. Und das ist auch gut so.


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