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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:55

Simona Sabato: super lucky dog

07.12.2010

What what what ...

Auf die Frage, ob ihr Stück Gotland nicht eigentlich ein »Who has done it / what?« ist, antwortete Simona Sabato in einem Spectaculum-Interview: »Es ist eigentlich ein What what what.« In super lucky dog, wie Gotland 2004 erschienen, beschäftigt sich die Autorin unter anderem mit der Züchtung von Rhodesian Ridgebacks ... Von VERENA MEIS

 

So also geht’s zu in der Hundezucht, wenn die Züchter nicht deutlichste innere Distanz zum Zuchtrudel halten: »Ich fass jetzt zusammen, Abbalisa kommt bald nieder, Wulf geht nicht mehr weg, nie mehr, weil er gar nicht weiß, wohin. Tracey hungert sich zu Tode und hat irgendwas im Computer entdeckt, das wir nicht kennen. Ich habe meine Rudelposition verloren, weil ich einmal getrunken habe und in den Zwinger gefallen bin, und die einzige, die das jetzt hier noch alles hinkriegt, ist Kate.«

 

Kate, die Alphahündin, also? Wie heimtückisch, Mensch und Hund reihen sich in ein und dieselbe Hierarchie ein. Aber können Kate (40), Pete (40), Sabine (30), Wulf (über 70) und Trace (unter 20), die Protagonisten des Stücks super lucky dog von Simona Sabato, wirklich ihre Position im Rudel behaupten?

 

Im Stück (wie im Leben) sind sich Hund und Mensch jedenfalls näher als Mensch und Mensch. Sabatos hypochondrische Psychotiker leiden an der Realität, den täglichen Pflichten, den »familiären« Verhältnissen. Schon eine frustrierende weil erfolglose Shoppingtour ruft schlummernde Existenzängste wach: »Seit dem fünften Mal Nichtshopping habe ich so meine Zweifel, wenn es keine Hose gibt, die mir passt, dann ist vielleicht das Gegenteil der Fall, und es gibt die Hose, aber mich nicht.«

 

Schillers ästhetische Erziehung des Menschen mal pervertiert und seine Spieltheorie in die Gegenwart geholt? »Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt« verwandelt sich nun in: Kate ist nur da ganz Mensch, wo sie eine Hose findet? Könnte glatt auf die heutige Konsumentenwelt zutreffen.

 

Aus den Fugen

Eine Fetzchen rohes Fleisch verspricht Linderung der Angst, aus dem Identitätsrahmen gefallen zu sein: »Sabine lutscht das Fleisch wie einen Bonbon.« Ist die Geborgenheitssehnsucht der Menschen auf den Hund gekommen? Ohne Ovid jedenfalls, den Zuchtrüden, würde die Welt aus den Fugen geraten, sagt Sabine. Doch leider ist die Welt das längst – und somit auch die Protagonisten des Stücks, die sich so gar nicht korrekt zusammenfugen lassen. Aber nicht nur die Protagonisten, sondern auch das Stück als Antistück, die Handlung als Antihandlung lassen sich einfach auf einen Nenner bringen.

 

Wo ist der Zugang zum Verständnis, der Eingang in den Zwinger des Glücks? Hund müsste man sein, dann könnte man einfach seiner Schnuppernase trauen. Aber der natürliche Orientierungssinn ist den Menschen (nicht nur) in super lucky dog schon lange abhanden gekommen.

 

,,jazzhaft komponiert"

Das Stück, 2004 bei Suhrkamp erschienen, wartet auf seine Uraufführung. Im selben Jahr entfachte die Autorin Simona Sabato, 1964 in Berlin geboren, eine Kontroverse um ihren in Klagenfurt vorgetragenen Beginn eines Romans, in dem sie sich thematisch mit der Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen im Spiegel alltäglicher Begebenheiten beschäftigt.

 

Die Urteile der Klagenfurter Jury variierten zwischen »jazzhaft komponiert« über »gewaltig schöngeredet« bis »große Verarschung der Jury« und endeten damit, dass Sabato nach einer Stichwahl den Ernst-Willner-Preis verliehen bekam. Neben dem Urteil, das Mikro würde direkt in den Wahnsinn gehalten, wurde die paradigmatische Offenheit des Textes, der ein Verständnis des Lesers erschwere, kritisiert.

 

Auch super lucky dog entzieht sich eindeutigen Deutungen, bleibt offen und hinterlässt ein ambivalentes Gefühl zwischen Bedrücktheit, Lachen, das im Halse stecken bleibt, Verwirrtheit und Wut. 

 

Bevor Simona Sabato »Szenisches Schreiben« in Berlin studierte und nach zwei Jahren abbrach, um einen Roman zu schreiben, arbeitete sie zehn Jahre als Kamerafrau. 2002 wurde ihr Stück nicht in den Mund unter der Regie von Stefan Kimmig am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt. Es handelt von den bittersüßen Tücken des Tagesmutter-Daseins.

 

Vollkommene Orientierungslosigkeit

In super lucky dog sind es die Hundemütter und –väter, die den Leser mit in den pseudo-alltäglichen Wahnsinn der Hundezucht geraten lassen. Rhodesian Ridgebacks, südafrikanische Jagdhunde, wohl bemerkt, sind die tierischen Protagonisten des Stücks.

 

Kate, Pete und Sabine, die sich - nach tierischem Muster - untereinander den Platz der Alphafrau, des Alphamannes streitig machen, scheinen zusätzlich zeitweise an Gedächtnisverlust zu leiden, der sich meist in Verbindung mit vollkommener Orientierungslosigkeit paart: »Ich wollte doch noch was sagen. Ach Scheiße, jetzt ist es wieder weg.«

 

Im Schnelldurchlauf betreiben Sabatos Protagonisten eine Art Teichoskopie auf die Zukunft, und dies in einer unbeholfen schmunzelnden, irgendwie geschmacksverirrt  über den Dingen stehenden Gleichgültigkeit, die dem Text die Aura von Düsterheit und Ausweglosigkeit verleiht. 

 

Und auf die Zeit ist bei super lucky dog schon gar kein Verlass. Soeben noch schaute man in die schockierende Zukunft, und schon fühlt man sich in die Vergangenheit versetzt. Ohne Ankündigung verschwinden Figuren von der Bildfläche und erscheinen drei Dialoge später wieder putzmunter im  Bühnengarten. Wir ahnen aber: Sabatos Orientierungslosigkeit hat Methode.  

 

super lucky dog ist ein Spiel der Psychosen und austauschbaren Rollen, Schnitzlers Reigen in 3D: »Wir kommen mir vor wie eine Familie, ich weiß nur nicht genau, wer wer ist.«

 

,,Wir drehen uns hier miteinander"

Immerhin lassen sich durch die Vertierung des Menschen wunderbar Lebensträume verwirklichen: Sei es Petes und Sabines ersehnte Motorradtour nach Korsika, oder die »Altmännerschweiß« - Idylle, die Pete und Wulf miteinander vorhaben. Und Sabine scheint nur auf Kates spurloses Verschwinden gewartet zu haben, damit sie endlich die Funktion von Petes Lebensgefährtin einnehmen kann.

 

Also wo ist eigentlich das Problem, solange sich endlich jemand findet, der zu Dr. Meierlein eilt? Zum Beispiel Kate: »Und ich gehe zu Meierlein, ganz einfach. Ich gehe über die Felder, bis es dunkel wird, und dann frage ich mich, warum habe ich meine Alphahündin nicht mitgenommen. Aber ich bin allein ohne meine Alphahündin, und zurückgehen werde ich nicht. Ich glaube, nichts würde mich jemals hierher zurückbringen. Wenn ich weg wäre.«

 

Um alles in der Welt: Schreibt Sabato Theater für heute? Oder Theater für später? Welche Gegenwartsbühne hat schon den Mumm, solch rohes Fleisch zuzubereiten und den superleichten, superschwierigen, superschwerwiegenden super lucky dog auf den Speiseplan zu setzen.


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