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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:55

René Pollesch: XY Beat an den Münchener Kammerspielen

06.12.2010

Kein Abend unter vielen

 

Der Bühne von Bert Neumann gebührt der erste Auftritt: Lila ist die Farbe von XY Beat. Der Werkraum der Münchener Kammerspiele inklusive aller Bühnenelemente und sogar der Zuschauerplätze ist für Pollesch mit lila Stoff verkleidet worden. Ein Podest in der Mitte des Raums, auf dem eine Stange installiert ist wie sie Tänzerinnen in Nachtclubs benutzen, lässt Entsprechendes erwarten. Ein daneben positioniertes Schlagzeug verspricht außerdem Live-Musik. Aber Pollesch wäre nicht Pollesch, wenn er Erwartungen erfüllen würde. Genau diese genannten Requisiten bringt XY Beat nämlich gar nicht zum Einsatz. Von STEPHANIE LEHMANN

 

Fabian Hinrichs, Silja Bächli, Katja Bürkle und Benny Claessens sind die Akteure, wobei Hinrichs größtenteils alleine auf der Bühne ist. In seiner unvergleichlichen Sprechweise, die mehr einem Sing-Sang als dem von Polleschs Schauspielern sonst gewohnten Sprechstakkato entspricht, erörtert er, warum dieser Abend keiner unter vielen sein soll und sein wird: Dieser Abend sei nämlich keine Meinung und wolle auch keine sein. Denn wäre er eine, dann wäre er nur eine (Meinung) von vielen. Dieser Abend wolle auch nicht meinungsbildend sein, so Hinrichs weiter, denn: Würde er den Zuschauer mit einer klaren Haltung nach Hause schicken, dann wäre er (der Zuschauer) an einer Endstation angelangt. Prompt sind wir mitten im Stoff: dem Meinungsterror in der pluralistischen Gesellschaft.

 

Meinungsfreiheit - Freiheit von der Meinung

 

Als theoretische Grundlage dient »Sexbeat«, worin Diedrich Diedrichsens die Meinung zum Feind erklärt, denn weil die Meinung immer nur eine unter vielen sei, sichere sie sich gegen jegliche Verbindlichkeit ab und bleibe somit ohne weitere Konsequenz. Dennoch sei sie allgegenwärtig, und eben diesem Terror der Meinungsallgegenwart will Pollesch sich entziehen und erklärt sein Stück kurzerhand zu einem meinungsfreien.

 

Als Alternative zur Meinung bietet Diedrichsen Klatsch und Tratsch an und Pollesch geht auf das Angebot ein. Er zelebriert in seinem Text denunzierende Treppenhausgespräche in all ihrer verwirrenden Komplexität - Tratsch als spielerische Form des Geschichtenerzählens - und findet so zu einer Frage zurück, die immer wieder in seinen Texten auftaucht: Warum können wir uns unser Leben nur als lineare und kausallogische Geschichte erzählen?

 

Sind nicht, fragt Diedrichsen alias Pollesch alias Diedrichsen, Tratsch und Klatsch mit all ihren Ungereimtheiten, Unstimmigkeiten und Lücken viel besser geeignet, etwas von unserem Leben abzubilden als die dramaturgisch geschickt verflochtenen Erzählstränge, die wir uns von unserem Leben zurechtlegen? Denn auch wenn uns die von Pollesch so gern zitierten Melodramen, die täglich in den Medien aufgeführt werden, etwas anderes vermitteln wollen: Das Leben schreibt eben keine Geschichten, wie sie im Buche stehen.

 

Typischer Pollesch-Abend

Aber XY Beat ist nicht nur Theorie, sondern auch Bühnen-Praxis. Diverse Requisiten werden lose bespielt, Fabian Hinrichs trägt einige zum Thema passende Lieder vor, es werden kurze amüsante Ausflüge auf die Metaebene unternommen, um das Theater selbst infrage zu stellen - vor allem das sogenannte  Verkörperungstheater à la Bruno Ganz mal wieder, wenn Benny Claessens zu verstehen versucht, wie denn das überhaupt gehen solle, eine Rolle anzunehmen und warum man die denn auch noch leben müsse. Ein typischer Pollesch-Abend eben. Und auch wieder nicht.

 

Weil es Pollesch zum Glück gelingt, sich ein Stück weit neu zu erfinden und mit Fabian Hinrichs als Protagonisten eine neue Form von Diskurs auf der Bühne zu etablieren: Im Gegensatz zu früheren Pollesch-Texten ist es hier nicht mehr der rasante Schlagabtausch, der das Problem abhandelt, sondern die mehr oder minder als Monolog vorgetragene, scheinbar assoziative Gedankenfolge zum Thema.

 

Und wie schon in Polleschs »Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang«, zeigt Fabian Hinrichs auch in XY Beat, wie virtuos er dieser Art Bühnenaufgabe gerecht wird. Wie gesagt: Dieser Abend ist keine Meinung, will nicht meinungsbildend und vor allem nicht einer von vielen sein. Zumindest letztere Rechnung geht voll und ganz auf. Und wer sich ohnehin mit der Vorstellung unwohl fühlte, dass im Leben alles einen Sinn ergeben muss, ging gut unterhalten nach Hause.


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