Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 13:55

 

Märchenhütte des Hexenkessel Hoftheaters. Monbijoupark auf dem Bunkerdach

13.12.2010

Horror-Hüttenzauber

»Knusper, knusper, knäuschen« lockt das finstere Häuschen. Vom 28. November bis zum 28. Februar zeigt die Märchenhütte im Berliner Monbijoupark Grimms Märchen für Erwachsene und Gruselmärchen. Zwei halbstündige Stücke pro Vorstellung führt das Hexenkessel Hoftheater dort vor. LIDA BACH war eine, die auszog, das Fürchten zu lernen.

 

Der Mond scheint so hell

Meine Pferdchen laufen schnell

Süß Lieb´ reut´s Dich auch nicht?

 

Nein, nichts reut, wärmt man sich erst im Hexenkessel. Hier brodelt die Kreativität des Ensembles der Märchenhütte auf dem Bunkerdach. Sind die Besucher der klirrenden Winterkälte entronnen, lassen die unheimlichen Vorführungen sie vor Angst erzittern. Unschuldig schleicht sie sich zwischen den Reihen heran als eines der schönen Mädchen, die der Hexenmeister Fitze Fitcher im ersten Gruselmärchen einfängt. Die wilde Rose wird sie genannt, singt die Maid, doch ihr Name ist Eliza Day. Ein Mauerblümchen, das Nachthemd zugeknöpft bis zum Hals, an den ihr der blaubartgleiche Fitcher will. Lüstern schielt die Maid über ihre Brillenränder. Halb gleicht ihr mordlüsterner Gatte Dracula, halb Nick Cave. Warum soll nur das Publikum sich an seiner Verführungskraft ergötzen?

 

Mit Hexerei geht es zu, wie viele Menschen in die winzige Theaterhütte passen. Das kleine bisschen Horrorshow ist regelmäßig ausverkauft. Durch den Schnee geht es »In einen finstern Wald zu einem Haus, das mitten darin stand.« Genau, wie es die Gebrüder Grimm in Fitchers Vogel niederschrieben. Jeder Schritt führt tiefer in das düster-phantastische Märchenreich der grimmigen Bühnenstücke. Zuvor lädt die Weihnachtskrippe aus Neapel sich ein letztes mal zu besinnen. Ein malerisches, kunsthandwerkliches Kuriosum stellt die historischen Figuren einer burleske Straßenszene einem Krippenspiel vor dem Vesuv gegenüber. Drinnen knarrt das Gebälk, es ächzen die Bänke; die Hütte ist aus Holz. 

 

Grand Guignol der Gebrüder Grimm

Ab 18 sind die Gruselmärchen, die zur Geisterstunde enden. Glühwein brodelt hinter der Holztheke neben der Eingangspforte. Auf der Bühne kocht im Märchen Vom Machandelbaum eine emsige Hausfrau Schwarzsauer. »Ein traditionelles Gericht, das mit Blut zubereitet wird.« Plattdeutsch sprechenden Stiefmüttern ist nicht zu trauen, wenn sie locken, den Kopf in eine Truhe zu stecken. Deckel zu, Brüderchen tot. Sein Liedchen muss es aus dem Jenseits singen:

 

Mein Mutter, die mich schlacht’,

mein Vater, der mich aß,

mein Schwester, das Marlenichen,

sucht alle meine Benichen

 

Die grimmschen Mühlen mahlen langsam, bis der Mühlstein rächend nieder kracht. Der Köchin wird das Schwarzsauer sauer. Der wiedervereinten Familie schmeckt´s umso besser. Auch zu Gruselmärchen gehört ein Happy End.

 

Das blutige Biedermeier zelebriert keine Berliner Bühne vergnüglicher. Hänsel und Gretel, Machandelbaum und Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen finden sich in der dritten Spielzeit im Kanon der Horror-Hausmärchen. Der Band Kinder- und Hausmärchen fliegt schon zu Beginn der Vorstellung gen Himmel. Doch die bitterböse Bühnenkunst ist der Vorlage näher, als mancher verstörte Gast ahnt. Das Grausame, das so unvermittelt, wie es erscheint, in burleske Komik umschlagen kann, ist tief im Volksmärchen verwurzelt. Das Blaubart-Motiv aus Fitchers Vogel ist verwendet auch die grimmsche Erzählung. Das Mordschloss, welcher der Einleitungsspruch entnommen ist.

 

»Alles so schön, dass sie völlig damit zufrieden war«, findet darin die Maid im Haus des Gatten, bis sie endlich an einen Keller kam, wo eine alte Frau saß und Därme schrappte. »Ei Mütterchen, was macht sie da?« - »Ich schrapp Därme, mein Kind. Morgen schrapp ich eure auch!« In der Märchenhütte wird man dergleichen beim nächsten Besuch genießen.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL