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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:56

Neu: Der Guckkasten

15.12.2010

Heute: Carl Ceiss mit GHOST

In schöner Regelmäßigkeit stellen wir für die Bühne geschriebene, noch nicht veröffentlichte Theatertexte aus: Minidramen, Szenen oder Ausschnitte aus Stücken. Wenn Sie Interesse daran haben, Ihre Arbeit auf dieser Seite zu präsentieren, mailen Sie Ihren Text (max. fünf Seiten) bitte inklusive einer Kurzbiografie mit Foto an die Redaktion. Keine Themenvorgabe, alle Rechte verbleiben beim Autor. Die Auswahl trifft DIE REDAKTION.

 

Auszug aus: OPHELIA GHOST BONUS TRACKS ELEKTROBRIEF IM FLUSS

Man nennt mich einen Mann namens Hamlet. Ich liege im Wachkoma. Genau im Grenzgebiet zwischen Leben und Tod. Mich hält ein Schwarzes Loch gefangen. Es zerreißt mich in Zeitlupe. Millimeter um Millimeter, Zelle um Zelle, Atom um Atom. Man hat mich festgeschnallt auf einer Folterbank. Und ich werde von wei­ßen Marionetten zwangsernährt. Sie haben mir eine Plastiksonde durch die Magenwand gebohrt. Mit einer künstlichen Nabelschnur halten sie mich in ihrem Universum fest. Mein Körper muss ihren Ernährungsbrei schlucken gegen seinen Willen. Ich will nicht länger bleiben und darf nicht gehen. Mit Kameras beobachten sie mein Dämmern. Und messen meine schwache Atem- und Herzfrequenz auf der Isolierstation. Und die Computer schlagen selbstständig Alarm, wenn ich mich leise davon schleichen will. Meine totale Gefangenschaft preisen sie als wahre Freiheit.

 

Ich bin Hamlet, und soviel wie eine Mohrrübe. Wenn sie die Neonlampen zünden oder löschen, bemerkt der Körper den Lichtreiz. Wenn sie mich umbetten oder mir den Anus säubern, spüren die Zellwände den Druck, der auf mich ausgeübt wird.  Ansonsten genieße ich meine Empfindungslosigkeit. Die schläfrige Unbeweglichkeit. Meine unendliche Leblosigkeit. Mit keinem Gedanken oder Gefühl kann man mich künftig aus der Reserve locken. Ich bilde keine Wurzeln mehr aus in diesem Krankenbett. Ich zeige nicht den Ansatz eines grünen Keimblattes. Nur ein Sauer­stoffschlauch zwingt mich zum Atmen der verpesteten Luft. Was mich ausmacht, sind nur die niederen Reflexe. Jeder Spiegel ist eher zur Reflexion fähig als das Stück Fleisch, welches immer noch Hamlet genannt wird auf dem Zettel um mei­nen großen Zeh. Der Hirntote, den sie aus mir gemacht haben, schwor jeder kleinsten Kontemplation endgültig ab. Die Ignoranz ist meine größte Tugend.  

 

Hamlet bin ich, der ewige Prinz. Der letzte Narr des kapitalistischen Herbstes. ICH SCHLEPPE WIE EINEN BUCKEL MEIN SCHWERES GEHIRN durch diese Welt. Eine Demokratie für eine Guillotine. Man schneidet mir meine graue Masse in feine Scheiben zu je hundert Gramm. Ohne die schöne Maske und den Skalp dabei einzuritzen. Damit ich artig dem hohlen Treiben Beifall spende. Ich will nicht länger ein Krüppel sein und denken müssen. Man fesselt mich vor einer Wand voll Monitore und zeigt mir alle Fernsehprogramme zugleich. Verwehrt mir die Möglichkeit, ein einzelnes mit der Fernbedienung weg zu zappen. Ich will zu­rück auf den infantilen Level der paralysierten Gehirne. UND IST ES STUMPF­SINN, HAT ES DOCH METHODE. Ich will den medialen Overkill erfahren. WAS IST EINE ATOMBOMBE GEGEN DIE MEDIALE TABULA RASA. Auf allen Kanälen tummeln sich meine Klons. Sie plappern meine abgezir­kelten Lügen nach seit fünfhundert Jahren. Sie fuchteln mit ihren Spielzeugdegen und drohen, dass sie nie handeln werden. Genau nach Regieanweisung, wie es von ihnen erwartet wird. Und meine Doppelgänger sitzen zu Hunderten in den Parla­menten. Sie heben brav die Hand und murren kaum. Sie stimmen allem zu, was von ihnen gefordert wird. Und dem Kapital die Macht erhält. Sie halten ihre Taschen auf und lassen sich saftige Diäten auf ihre Konten überweisen. Und spie­len erbärmlicher als eine taubstumme und blinde Laientruppe Volksherrschaft. Frei von jedem Talent und jeder Intention. Sie murmeln fremde Gesetzestexte oder werfen sich mit Pathos in fremde Attitüde. Wer einen Tropfen Blut durch seine Adern fließen lässt oder einen eigenen Gedanken durch den Kopf, der wird sofort um selbigen gekürzt. Wie ein heller Champignon in einem dunklen Luftschutz­keller, der unvorsichtig aus der Erde blickt.

 

Ich heiße nicht Hamlet, aber spiele hier den irren Prinzen von Dänemark. Mein Name und mein Zustand haben eine Inflation erfahren. Der Globus dreht sich schneller als ein Kinderkarussell und nirgends ist ein Hebel, die beschleunigte Fahrt abzu­bremsen. Oder wieder auszusteigen. Unter den Sternen drehen wir uns im Kreis. 

 

Wenn ich nach Hamlet rufe, stehen alle stramm. Wer sind die Zombies, welche ich nicht rief. Willkommen, Genossen, in meinem Alptraum. Sie sind das Team, welches seine eigene Arbeit nicht erkennt. Glotzen regungslos auf jede meiner Gesten. Hören stumm, was mein Maul sabbert. Und spielen die Zu­schauer, als ob sie in einem Theater wären. Und für das Vergnügen eine Eintrittskarte bezahlt hätten. Ich bin keinem klassischen Drama entsprungen. Nicht die entlaufene Kunstfigur eines alten Briten. Ich bin kein Schauspieler, der hier seine Rolle probt. Ich sehe, dass sie ihrem Leben nur zuschauen. Sie wollen nicht eingreifen in ihre eigene Geschichte. Das blutige Werk der fremden Fiktion über­lassen. MEIN HOLLYWOOD GIB MIR HEUTE UND JEDEN VERDAMM­TEN TAG LANG. Sie gruseln sich behaglich bei den digitalen Effekten der Ge­walt. Und schieben mit krummen Rücken süße Popcorns in ihre Bäuche. Die im Mund wie geröstete Schaben knacken, synchron zu dem Tod auf der Leinwand. Sie pinseln sich Schminke auf die Haut, ziehen bunte Fummel an und halten sich für Stars. Sie tanzen als Exhibitionisten durch ihren Alltag oder geben den erbärmli­chen Voyeur. Ich sitze im Parkett und sehe alle ganz genau. Jeden Einzelnen in seiner endlosen Langeweile beim Nase popeln. Sie stehen vor mir auf der Bühne und schweigen mich an. Sie haben keinen Text abbekommen. Ihnen hat kein Re­gisseur gesagt, was zu tun ist. Wenn jetzt alle Lichter ausgehen, sitzen sie im Dun­keln. Und wenn der Platz in Feuer aufgeht, bricht unter ihnen blanke Panik aus. Willkommen im Club der Verlierer. Wenn alle Lichter angehen und die Türen sich öffnen, gehen sie brav wie Automaten nach Hause in ihr Zombieland. In ihren Au­gen spiegelt sich nicht der Horror. Er sitzt fest in ihrem eigenen Fleisch. Mich Mohrrübe ha­ben sie umgetopft in ein fremdes Land, ohne um Einverständnis zu fragen. Statt in ihrer Erde neu zu wurzeln, verweigere ich jede Nahrung und jeden Sonnenstrahl. Ich treibe kein Blatt mehr aus und vergifte meinen Organismus selbst. Mein Ver­welken wird meine subtile Rache sein.

 

Carl Ceiss - Kurzbiografie

Aus einer deutsch - österreichischen Theaterfamilie stammend, 1959 in Leipzig geboren. Nach Schule und Studium in Berlin ab 1982 als Dramaturgie- & Regieassistent an der Volksbühne Berlin, Dramaturg und Regisseur am Stadttheater Quedlinburg, am Institut für Schauspielregie BAT in Berlin, Leiter der Dramaturgie am Theater der Altmark in Stendal, Dramaturg und Regisseur am Landestheater Detmold sowie am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster. 1989-1993 Mitbegründer, Gesellschafter und Mitarbeiter des Theaterverlages AUTOREN - KOLLEGIUM in Berlin.


Schrieb rund 40 Theaterstücke, Bearbeitungen, Hörspiele und Librettos, eine Novelle, mehrere Drehbücher für Spielfilmkomödien, ferner mehrere Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterkritiken. Betreibt seit dem Jahr 2000 den Theaterverlag SEISMOCORDER VERLAG in Berlin.


Erhielt 1991 ein Literaturstipendium der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und war 1997 Jurymitglied des Christian-Dietrich-Grabbe-Dramatiker-Preises in Detmold. Seit 2009 Beiratsmitglied des Vorstandes der Dramatiker Union. Lebt als selbstständiger Autor in Berlin und Wien.


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