Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 13:56

 

Kolumne

15.12.2010

Das Theater ist/war dem Dramatiker sein Genuss

Wie oft ist die Frage gestellt worden, ob Theater sein muss? Wie oft schönklingend beantwortet? Dabei stellt sich die Frage so gar nicht. Genau wie die Frage, ob Champagner sein muss, sich so nicht stellt. Die Frage müsste nämlich eigentlich lauten: Warum muss das Theater eigentlich sein müssen? Oder warum trinken wir dann und wann gerne Champagner? Oder will jemand ernsthaft behaupten, dass ein Genuss notwendig sein muss, um für legitim erklärt zu werden? Von FRANZ KIESEL

 

Wenn es keinen Champagner gäbe, müsste man ihn erfinden. Das steht fest. Im Fall des Champagners ist das nicht mehr nötig. Er ist schon erfunden worden. Das Theater übrigens auch. Mindestens vor Hunderten wenn nicht Tausenden von Jahren. Theater hat es schon gegeben, da war Deutschland noch ein Unland. Oder schon. Nach einem Augsburger Stadttheater, einem Staatstheater Hannover, einem Schauspiel Köln hätte man in der Frühzeit umsonst gesucht. Immerhin der Stein, aus dem eine Berliner Volksbühne Hunderte wenn nicht Tausende Jahre später errichtet werden sollte, dürfte damals schon unter irgendwelchen Erdschichten geschlummert haben.

 

Vom deutschen Theater in der heutigen Ausprägung war jedenfalls noch wenig zu sehen. Mittlerweile hat sich das drastisch geändert. Insofern ist es schon ein Rätsel, wie man die Frage überhaupt stellen kann, ob ein Genuss wie das Theater sein muss? Die Beantwortung der Frage bereitet Genusssüchtigen jedenfalls nicht das geringste Problem. Natürlich muss Theater sein, weil wir nicht mehr darauf verzichten wollen, wir Intendanten, Regisseure, Dramaturgen ... - habe ich jemanden vergessen?

 

Ach ja, zum Beispiel die Theaterautoren. Wurden auch Dramatiker genannt bis vor kurzem, jedenfalls solange noch Dramen geschrieben wurden. Spätestens seit dem sogenannten Postdrama - eine Zeitenwende! - sind die Dramatiker aber obsolet geworden. Obsolet, das heißt altmodisch, veraltet, nicht in die Zeit passend. Hinfällig, überflüssig. Wie das Drama eben, das bekanntlich vom Postdrama abgelöst wurde. Was ein Postdrama ist, weiß keiner so genau, ist aber auch nicht so wichtig, Hauptsache kein Drama. Denn das Drama ist veraltet, wie gesagt: obsolet. Also: Kein Drama ist besser als Drama, das steht fest.

 

Es sei denn, es ist veraltetes Drama, von Goethe zum Beispiel, oder von Schiller, oder von Goethe. Oder zur Abwechslung mal von Schiller. Das ist nämlich dann nicht obsolet, wenn ein junger Regisseur sich aufmacht, den Staub vom alten Schinken zu klopfen. Und der junge Regisseur wird dann wie ein Held gefeiert, der sich in die verstaubten, grusligen Dachkammern der Theatergeschichte gewagt hat und einen Schatz zutage fördert, und siehe da: Goethe ist gar nicht veraltet! Und Schiller auch nicht!

 

Überraschung! Die sind ja gar nicht verstaubt, diese Klassiker! Wow! War uns da irgendwas entgangen? Hat es da etwa schon im Bildungssektor irgendwelche Versäumnisse gegeben? Ist es etwa unseren alten Deutschlehrern nicht gelungen, die Nähe der Gegenwart zur literarischen Tradition herzustellen? Und vom nachgeholten Deutschunterricht nähren sich nun ganze Stadtregietheatergenerationen. Geht’s auch mit ein bisschen mehr Anspruch? Muss das sein, dass man immer nur die Löcher stopft, die andere hinterlassen haben? Soll das schon das Theater sein? Dann wäre ja die Frage berechtigt: Muss Theater sein?

 

Wenn das kein Genuss ist ...

Während die Wir-sind-Helden der Regie also durch den Triumphbogen des Theaterfeuilletons in die heiligen Hallen der gesellschaftlichen Anerkennung Einzug nehmen, sitzt der Dramatiker, sorry: der Postdramatiker, sorry: der Nicht-Dramatiker zu Hause und wundert sich, warum er seine Miete nicht bezahlen kann. Ist irgendetwas schief gelaufen in seinem Lebenslauf? Hat er sich Begabung nur eingeredet? Warum ist er verstoßen worden aus der Gesellschaft derer, die das Theater noch in vollen Zügen genießen können? Was hat er falsch gemacht, dass man ihn am Champagnerglas nicht mal mehr nippen lässt?

 

Aber halt! So ist es nun auch wieder nicht. Das Theater ist schon auch dem Dramatiker noch sein Genuss ... Sich in aller Abgeschiedenheit in die Tiefen von noch nicht vorhandenen Figuren hineinzuschreiben. Sich in mögliche Gedankenwelten einzufühlen. Potenzielles Bühnengeschehen auf dem Papier in aller Finesse und Raffiniertheit antizipierend zu durchleben. Sich in Schichten und in tiefere Schichten bis hinab in etwaige tiefste Schichten zu wagen, um aus dem Abgrund dieses Noch-Nichts, abgekämpft aber glücklich, emporzusteigen mit dem treffenden Wort, das vielleicht die Figur, das Stück erschafft. Wenn das kein Genuss ist ...

 

Und wenn dann aus dem Rohmaterial, das zutage gefördert worden ist, spielbare Konstellationen sich ergeben, Inhalt und Form zueinander finden, sich aneinander abkämpfen, bis das gefährlich heiße Eisen geschmiedet ist zum realisierbaren Drama - wer würde nicht den Dramatiker um solch eine Arbeit, um solch ein Glück beneiden? Ja, der Neid ist so groß, dass der Dramatiker, sorry: der Nicht-Dramatiker zur Strafe von allen Theaterbeteiligten gleich das wenigste Geld für seine Arbeit bekommt. Wenn er überhaupt was abkriegt.

 

Und während der Dramatiker, sorry: der Nicht-Dramatiker unflätig zuhause vor dem Fernseher hockt, wenn er gerade mal keinen neuen Theatertext in Arbeit hat und weil er sich die Eintrittskarte ins Theater nicht leisten kann, fließen irgendwo die Subventionen. Sie fließen überall hin, nur nicht auf das Konto des Dramatikers. Sagen wir: Des Null-Dramatikers, den es ja gar nicht mehr gibt, seit das Drama für obsolet erklärt worden ist. Ist doch logisch. Wo kein Drama, da auch kein Dramatiker.

 

Der Null-Dramatiker muss also durch einen Nebenerwerb, sagen wir hinterm Tresen in der Kneipe, das Geld heranschaffen, das er zur Weiterarbeit am obsoleten Drama, sagen wir: Null-Drama benötigt. Abzuziehen sind dann noch die Steuern, die er zu entrichten hat, nur damit weiterhin keine Subventionen auf sein Konto fließen. Aber wen stört das schon? Den Null-Dramatiker jedenfalls nicht, der ist ja ohnehin obsolet. Und wo null Dramatiker, da auch null Bettelarmut. Ist doch logisch.

 

Ist ja auch alles nicht so tragisch. Immerhin ist mittlerweile auch das Post-Drama obsolet.   Schadenfreude! Was nach dem Post-Drama kommt? Na das Post-Post-Drama natürlich, also jedenfalls: Das Nicht-Post-Drama, das jedenfalls, wegen der Legitimation, aber bitte etwas handfester zu sein hat als das obsolete Post-Drama. Nennen wir es das Neo-Drama? Mit sozialrealistischem Touch ... Von jungen, nicht unhübschen Nachwuchsautor/innen geschrieben ... Die das Szenische Schreiben mal endlich richtig von der Pieke auf gelernt haben? Einverstanden. Schon wieder eine Zeitenwende. Wurde ja auch Zeit, dass Goethe & Co. endlich mal ihren Abschluss machen.

 

Oder - vielleicht doch mal was GANZ NEUES gefällig? Kürzlich hat mir jemand gesagt, die Tendenz gehe nun auch im Theater, wie im doch so erfolgreichen - weil Sinn stiftenden? - Fernsehen weg vom autonomen Autor hin zu Autorenteams, die - unter Aufsicht eines Supervisors dann aber! - Stoffe für die Bühne gemeinsam bearbeiten. Die Teams müssten halt dann auch entsprechend bezahlt werden. Tja. Da mache ich mir jetzt ernsthaft Hoffnung. Ich bin schon drauf und dran, Kollegen anzurufen und sie zu fragen, ob sie nicht Lust hätten, ihren gedanklich-kreativen Teilbeitrag zum Beispiel zur Integrationsdebatte zu leisten. Oder zur Finanzkrise. Oder zur Frage, ob Thomas Gottschalk wegen der Einschaltquote zu hohe Risiken eingeht. Man könnte gleich eine ganze Serie konzipieren ... Na klar, warum nicht?

 

Schließlich gehört jetzt auch der Post-Dramatiker zum alten Eisen. Juhu! Auch das Post-Drama ist also out, Friede seiner Asche, schon das war mir nicht geheuer. Und ob ich es noch mal zum Neo-Dramatiker schaffe, ist zu bezweifeln. Apropos Champagner? Dann schule ich eben auf Serienkiller um. Oder zum Teamworker. Und das, was bis vor kurzem noch Dramatiker war, könnte sich endlich mal nützlich machen. Sich thematisch teileinbringen ... Dann steigt eben niemand mehr in den Abgrund des Noch-Nichts, um dieses Etwas zu befördern, das die Zuschauer bannt. Will ja auch niemand mehr wirklich sehen. Außer dem Publikum.


Flattr this

 

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL