Heinrich von Kleists "Penthesilea" am Münchner Residenztheater
12.01.2011
»Hier ward ein Mensch, so hab ich ihn gewollt!«
Die vermeintliche Aktualität Kleists und Hans-Joachim Ruckhäberle Inszenierung der Penthesilea in München. Von BJÖRN VEDDER
Kleist hat Konjunktur. So jedenfalls ist allenthalben zu lesen. Schaut man aber in die Liste der Aufführungen seiner Stücke, die das Kleist-Archiv in Heilbronn verzeichnet, kann man den Eindruck gewinnen, dass dieser Trend schon längst wieder vorbei ist. Für das Jahr 2005 etwa sind 22 Aufführungen verzeichnet und für 2006 eine knappe Verdopplung auf 40 Aufführungen. Ein Höhepunkt, von dem aus es gleich wieder bergab geht. 24 Aufführungen finden sich noch für das Jahr 2009 und 14 sind es nur noch im Jahr 2010. Zum 200. Todestag in diesem Jahr sollte einiges zu erwarten sein. Indes sind, so ist zumindest zu lesen, nur 6 Aufführungen annonciert.
Von einem Kleistboom an den deutschen Bühnen kann also keine Rede mehr sein, wenngleich er einmal bestanden haben mag, vor einigen Jahren und nicht gering war. Immerhin fanden 171 der 1340 Aufführungen der letzten 200 Jahre zwischen 2005 und 2010 statt.
Wider die zeitgenössische Aktualisierung
Die Frage nach der Aktualität Kleists ist also müßig. Es ließe sich allenfalls spekulieren, was ihn 2006 ungefähr acht Mal so interessant machte wie in seinem Todesjahr. Allerdings ist das eine Frage der Theatergeschichte und hier nicht am Platze. Das Schöne an Hans-Joachim Ruckhäberles Inszenierung von Kleists „Penthesilea“ im Münchener Residenztheater ist, dass es sich solchen Spekulationen über die Aktualität des Stückes nicht nur entzieht, sondern sie sogar ironisch zurückweist.
So ließe sich etwa über den Amazonenstaat manches wohlfeil fabulieren, das diesen in die Nähe von Frauenpower, selbst bestimmter Weiblichkeit und so weiter stellt. Das Stück gibt auch ein bisschen dafür her. Die coolen Posen von Penthesilea, Prothoe und Meroe etwa, in denen sie sich die Männer wie Beute erobern und am Rosenfest vernaschen wollen. Die feministischen Ideologien der 80er Jahre hätten hier manches Material der kulturtheoretischen Aktualisierung geboten. Aber das ist eben schon gut 20 Jahre her.
Wie diese Haltungen nicht nur passé sind, sondern auch am Stück vorbei gehen, zeigen schon die klugen Kostüme von Ann Poppel. Sie zitieren die Mode der Achtziger, Leggins und Stulpen, Netzoberteile in Neonrosé oder aus roten Lederstrings et cetera pp. Allerdings ist das Ganze so übersteigert, dass nicht einmal Jennifer Rush darin aufgetreten wäre und markiert damit eine ironische Distanz zur Epoche dieser Mode und ihren Theorien vom Weiblichen.
Den stärkeren Anteil freilich hat daran Kleists Stück selber, das so jedoch von falschen Vorannahmen und Aktualisierungsversuchen befreit wird und frei auftreten kann. Penthesilea etwa sagt in der Begeisterung, in die sich die Amazonen vor dem Kampf geredet haben:
Der Jungfrau'n keine, wer sie immer sei, Trifft den Peliden selbst! Dem ist ein Pfeil Geschärft des Todes, der sein Haupt, was sag' ich! Der seiner Locken eine mir berührt! Ich nur, ich weiß den Göttersohn zu fällen. Hier dieses Eisen soll, Gefährtinnen, Soll mit der sanftesten Umarmung ihn, (Weil ich mit Eisen ihn umarmen muß!) An meinen Busen schmerzlos niederziehn.
Liebe und Kriegertum
Da ist sehr stark und sexy, aber überhaupt nicht mehr cool und hat auch nichts mit Feminismus zu tun. Hier spricht die Liebe in den starken Worten einer Kriegerin. Gerade diese Akzente betont Ruckhäberles Inszenierung, die Liebe und das Kriegertum und wie sich das Lieben damit verträgt, ein kriegerischer Mensch zu sein. Nicht gut, leider. Das ist vielleicht die Tragik des Stücks, wie es hier in Szene gesetzt ist. Kleist Tragödien verändern nicht die Welt. An ihrem Ende ist die Welt so wie sie ist; nur diejenigen, die sie sichtbar machten, sind aus ihr verschwunden. Sie mussten aus ihr getilgt werden, weil dadurch der Aspekt der Welt, auf den das Stück zielt, hervortreten kann. In der Penthesilea sind es zwei, die fallen müssen: Archill, der Pelide und Penthesilea, die Amazonenkönigin, die sich schließlich, als sie erkennt, den Geliebten getötet zu haben, selbst entmannt.
Denn jetzt steig' ich in meinen Busen nieder, Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz, Mir ein vernichtendes Gefühl hervor. Dies Erz, dies läutr' ich in der Glut des Jammers Hart mir zu Stahl; tränk' es mit Gift sodann, Heißätzendem, der Reue, durch und durch; Trag' es der Hoffnung ew'gem Amboß zu, Und schärf' und spitz es mir zu einem Dolch; Und diesem Dolch jetzt reich' ich meine Brust: So! So! So! So! Und wieder! – Nun ist's gut.
Kleist hat diesem schönen Selbstmord zwei moralische Betrachtungen nachgestellt. Die Oberpriesterin der Amazonen ruft die grundsätzliche Vergeblichkeit alles menschlichen Strebens an:
Ach! Wie gebrechlich ist der Mensch, ihr Götter! Wie stolz, die hier geknickt liegt, noch vor Kurzem, Hoch auf des Lebens Gipfeln, rauschte sie!
Wogegen Penthesileas Freundin einwirft, dass diese gerade aufgrund ihrer großen Gefühle habe fallen müssen:
Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte! Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann.
Kampf des Eros und Thanatos
Diesen Schluss lässt Ruckhäberle weg – neben vielen Straffungen, vor allem am Anfang, vielleicht die auffälligste Bearbeitung am Text – und hebt so den ausweglosen Charakter des Stücks hervor, wobei andere notwendig zurücktreten müssen. Rückhäberle inszeniert Kleists Drama dadurch als Kampf der Liebe und des Begehrens, des Willens zur Macht und der Hingabe, des Eros und des Thanatos, die in den Figuren Achill und Penthesilea gegeneinander auftreten und doch wechselseitig auf einander bezogen sind. Eros und Thanatos, Hingabe und Herrschsucht sind – das verdeutlicht auch die Strukturgleichheit der Figuren, die Ruckhäberle betont – zwei Seiten einer Münze. Die Figuren werden damit zu Allegorien seelischer Kräfte ohne individuellen Charakter. Diese Kräfte wirken auf die Figuren wie die Gravitation auf Planeten. Ihr Tod legt dieses Gesetz der Bewegung offen.
Kleist in seinem Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden: »Alle ihre Schritte und Bewegungen scheinen nur die Wirkung eines unfühlbaren aber gewaltigen Stoßes zu sein, der sie unwiderstehlich mit sich fortreißt. Sie erscheinen mir wie Kometen, die in regellosen Kreisen das Weltall durchschweifen, bis sie endlich eine Bahn und ein Gesetz der Bewegung finden.«
Es ist das Verdienst der Inszenierung von Ruckhäberle, diesen Aspekt des Stücks konsequent zu verfolgen, ohne die Fragen, die es stellt, durch partikulare Aktualisierungen zu leichtfertig zu beantworten. Auf der Ebene, auf der Ruckhäberle das Stück ansiedelt, entzieht es sich der vorschnellen zeitgeistigen Deutung. Dafür tritt die archaische Zerrissenheit mit aller Gewalt hervor, in der ganzen Stärke und Schönheit der Sprache Kleists – und mit einer Lisa Wagner, die als Königin der Amazonen einfach sagenhaft ist.
Nächste Vorstellungen
Samstag 19. Februar 2011, 20:00 Uhr Donnerstag 03. März 2011, 20:00 Uhr


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