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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:56

Claudia Grehn: ERNTE (mit Texten von Lena Müller)

12.01.2011

Lustvoll konstruierter Leidenskosmos

Es ist eine der leichtesten Übungen des deutschen Theaters, soziales Elend auf der Bühne darzustellen. Aber eben nur darzustellen. Richtig weh tut das nur selten. Wie gelingt es aber den mit der Umsetzung des Stücks Befassten, dieses Elend herzustellen? So herzustellen, dass das Publikum nicht nur von diesem Elend betroffen, sondern daran beteiligt ist? Claudia Grehns Anmerkung zu ihrem Stück Ernte legt die Vermutung nahe, dass die Zuschauer im Sinne der Autorin neben der Eintrittskarte auch ein dem dargestellten Elend gegenüber faires Maß an Selbstgefährdung mitbringt sollten:

 

rauchen auf der bühne zwingt die schauspieler aktiv und passiv sowie das publikum in eine situation, in der sie schädliche substanzen einatmen müssen, wenn sie an diesem kulturellen ereignis teilhaben wollen ...

 

WILFRIED HAPPEL hat das Stück gelesen.

 

Neben dem Elend des Rauchens ist es das Elend polnischer Erntearbeiter, die Jahr für Jahr nach Deutschland kommen. Eine von ihnen ist Anna, deren russischer Mann wieder nach Russland zurückgegangen ist, nicht ohne ihr Pawel und Sascha hinterlassen zu haben. Anna tritt mit ihren inzwischen 17 und 19 Jahre alt gewordenen Söhnen die Reise nach Deutschland an. Sie haust hier mit Peter, einem Klempner, zusammen, der angeblich im Gegensatz zu Annas polnischen Verehrer Marek nicht trinkt. Was, wie sich später herausstellen wird, auch nur eine von vielen Illusionen ist.

 

(Beim Weiterlesen empfiehlt sich im Hintergrund faith no more: THERES SOMETHING STRONGER THAN ME ... siehe oben!)

 

Pawel lernt bei der Apfelernte die Deutsche Lena kennen, die im Selbstexperiment beim Bauern angeheuert hat. Sie lesen zusammen Äpfel auf im Akkord, aber nur die mit Farbe, was es ganz schön schwer macht, die Kisten voll zu kriegen. Pawels Studienpläne sind geplatzt wegen des Kindes, das er mit seiner Frau Magda hat. Die ist in Polen geblieben und lebt in einer Stadt, in der es offenbar nur Alkoholiker gibt. Es ist Magda wegen der Schwangerschaft keine böse Absicht zu unterstellen, aber sie hat gewusst, dass Pawel sie heiraten wird, wenn ein Kind kommt. In Deutschland würde das nicht gehen, weiß Lena, in Deutschland könnte eine Frau keinen Mann mit einem Kind erpressen.

 

Es kommt, wie es kommen muss. Nachdem Pawel und Lena es zunächst jeder mit dem Alleinschlafen versuchen, ist schließlich die kaputte Heizung in Lenas Container der Vorwand, der Versuchung nachzugeben. Während Magda, bei der sich auf polnischer Seite eine Liaison mit dem Nachbarn angebahnt hat, sich aus der Misere zu dichten versucht:

 

ein mann hält in seiner hand einen vogel

und es fliegt vorbei eine mücke

und dieser tierische instinkt drückt den mann zu fangen diese mücke

und irgendwann wird er sehen was er hat eine mücke und was er verloren hat einen vogel

aber ich bin nicht gemacht als ein vogel

in einer hand

 

Experiment Utopia

Während Claudia Grehn die Fäden ihrer Erzählung geschickt weiterwebt, tauchen tagebuchartige Texte von Lena Müller über eine selbstverwaltete Kommune auf, die das Zusammenleben jenseits der eingefahrenen Mechanismen von Ausbeuten und Ausgebeutetwerden ausprobiert. Vier mit Namen nicht genannte Personen renovieren ein baufälliges Haus auf einem Bauernhof. Einen Chef gibt es anfänglich nicht. Einzig die Jobangebote des Arbeitsamtes stören die Idylle und hängen wie Damoklesschwerter über den Köpfen. Es stellt sich heraus, dass hierarchiefreie Bastionen schwer zu errichten und noch schwerer zu halten sind. Natürlich hat sich schnell einer vorgedrängt, das Steuer in die Hand genommen und Herrschaftsanspruch gestellt. Das Experiment Utopia ist gescheitert, ehe es richtig begonnen hat:

 

es kann Selbstverwaltung nicht geben, wenn es ungleiche Besitzverhältnisse und

Verantwortlichkeiten gibt

ich bin wütend, auf die Menschen, die das schon vorher wussten und nichts gesagt haben.

 

Glaube, Liebe, Alkohol

Lydia, »ein mädchen das irgendwie zufällig in die geschichte gerät«, lebt auf der Straße, wenn sie nicht in der Bibliothek ist. Aber immer nur findet sie Zeichen des Untergangs, und sei es in Gestalt einer Studentin, die ihr Hilfe anbietet, weil sie merkt, dass Lydia augenscheinlich nicht in die hehren Hallen der deutschen Universität gehört. Der Gedanke, dass die Katastrophe der alten Welt die Geburt einer neuen, vielleicht besseren Welt jenseits der Menschheit sein könnte, ist der giftige Urschleim, aus dem das Stück seine Monster gebärt. Und Lydia ist die Gefährdetste in diesem vielfach ineinander verflochtenen Stationendrama:

 

wenn ich lange schlafe werde ich müde und weiß ich nicht mehr ob ich in

meinem kopf rede

oder hinter einem schleier verschwommener flecke

 

Mit Hilfe kann sie nichts anfangen, denn ihr ist schon einmal geholfen worden, als sie ein Mädchen war; das grausige Resultat war ein Jahr lang Sexknechtschaft in der Wohnung eines Jugendtrainers, der ihr nichts zu essen gegeben hat, »weil er das lieber hat mit dünnen mädchen«. Kein Wunder, dass sie für ein weiteres Hilfsangebot, das als Bleistiftnotiz von Peters Hand in ihre Tasche geschmuggelt worden ist, nur ein lapidares »was soll das denn« übrig hat. Das Ende dieses Liedes von der gescheiterten Bildungspolitik ist Lydias Rausschmiss aus der Bibliothek, in der die Bücher stehen, die sie trotz ihres verständlichen Hangs zur Lektüre kulturpessimistischen Gedankengutes vielleicht retten könnten. Peter, der Klempner, hatte den Mut, Lydia im Stehcafé anzusprechen und ahnt nur langsam, in welches psychische Wespennest er mit seinem Hilfsangebot gestochen hat.

 

Wie alle anderen Figuren des Stücks - und es sind viele, die von ihrer Autorin alle einen ziemlich gut ausgeformten Charakter bekommen - geht auch er durch eine Welt voller idiotisch grinsender Fragezeichen, aber er hat sich immerhin eine - wenn auch schwächelnde - Menschlichkeit bewahrt, die vermutlich zu spät kommt, in einer potenziellen neuen Welt aber durchaus der Rückbesinnung wert sein könnte. Falls die Menschheit den Werteverfall-Supergau denn überhaupt überleben sollte, den Claudia Grehn hier vor Augen führt. Denn wie es aussieht, setzt eine neue Daseinsform die Zerstörung der vorherigen Daseinsform voraus:

 

es gab eine zeit da war die erde mit sauerstoff vergiftet so dass die lebewesen neue formen

entwickeln mussten um zu atmen

warum sollte es mit ozon und atom nicht genauso sein:

das worauf scheinbar alles hinausläuft – krebs als übergangsform die lunge muss erst zerstört

werden um den körper zu zwingen neue atemwege zu erfinden

 

Und am notwendig erscheinenden Destruktionsprozess beteiligen sich alle im Stück fleißig und werden gleichzeitig davon gnadenlos zermalmt.

 

Schmunzelnd in der Hölle

Wem es das Lachen bis dahin verschlagen haben sollte, der findet wenigstens hie und da Anlass zum Schmunzeln. Peters Existenz steht und fällt mit einem neuen Fettabscheidesystem, das jedenfalls den EU-Richtlinien entspricht und, wenn alles gut geht, von seiner Firma installiert werden soll. Was Aufträge und Brot bedeuten würde und insgesamt eine gewisse Entspannung der arg prekären Situation. Das Vorhaben scheitert jedoch vorerst am Widerstand der Fettabscheiderlobby,

 

die erreicht dass die bundesregierung den neuen fettabscheider als nicht zulässig erklärt.

 

Immerhin besteht noch Hoffnung, denn der Erfinder des Systems, ein gewisser Herr K., hat die Regierung verklagt und den internationalen Wissenschaftspreis bekommen. Jetzt wittert Peter Morgenluft:

 

dubai hat schon angefragt die brauchen unseren fettabscheider um das wasser

vor den moscheen zu säubern in dem sich die muftis die füße waschen

 

Gegen die Wand

Am Ende sind fast alle im Krankenhaus, da, wo die Welt im Grunde insgesamt hingehört. Zum Beispiel Sascha, Pawels jüngerer Bruder, der null Bock auf Erntearbeit hatte, ist lieber mit dem Wagen gegen die Wand gefahren. Oder Peter. Er ist inzwischen arbeitslos gewesen, den Mitarbeitern war gekündigt worden, einzig der Chef hatte – wie es eben so geht – Karriere gemacht. Als er die frisch entbundene Anna auf der Geburtsstation besucht, steht plötzlich Alkoholiker Marek aus Polen im Zimmer, der sich für den Vater des Kindes hält. Die beiden schlagen sich, sogar das Neugeborene gerät in Gefahr, überlebt aber. Fragt sich nur, in was für einer Welt.

 

Denn ob die Krankenhausinsassen ihre Aufenthalte überleben, spielt in dem von Claudia Grehn lustvoll konstruierten Leidenskosmos letztlich keine Rolle, da der Alltag, der nach der Genesung auf die Rekonvaleszenten wartet, ohnehin einem umgekippten See gleicht, in dem kein Menschenfisch mehr atmen kann.

 

Elend im Überfluss

Bleibt die Frage nach der Wahrhaftigkeit des Unternehmens: Steht es um die Gesellschaft und ihre Menschen wirklich so schlecht, oder versucht hier eine Autorin mit im Gegenwartstheater so angesagtem Sozialbewusstsein Bonuspunkte zu sammeln? Ernte wurde ausgezeichnet mit dem Förderpreis des Stückemarktes im Rahmen des Theatertreffens 2010, gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung. Man möchte wünschen, dass das Stück für seine irre Erzählwut und risikofrohe Konstruktion preisgekrönt wurde statt für seinen nicht immer glaubhaften Authentizitätsanspruch. Es ist im Dezember 2010 am Maxim Gorki Theater Berlin uraufgeführt worden. Noch zu sehen am 8. und am 13. Februar 2011. Ab der Spielzeit 2011/12 wird Grehn Hausautorin am Theaterhaus Jena. Elend gibt’s genug, über das sich schreiben lässt. Elend im Überfluss.


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