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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:57

Anne Rabes Jugendstück ,,Als ob es schon morgen wär"(UA) im Nationaltheater Mannheim

14.01.2011

Das tote Kind: abwesend

Ein Ensemble von Teddybären, ein paar Grablichter und drei Rosenstängel an einer Mauerecke – dieses bescheiden-konventionelle Erinnerungsmal verbindet sich als Plakatfoto mit der Uraufführungsproduktion von Anne Rabes Als ob es schon morgen wär im Studio des Mannheimer Nationaltheaters. Im Stück geht es um den Hungertod der neugeborenen Johanna. Diese tritt naturgemäß - post oder ante mortem - als Bühnenfigur nicht auf, ist aber gleichwohl ständig präsent in den Gesprächen und Handlungen, die, das Drama einer verbrecherischen Vernachlässigung umkreisend, die Geschichte von sieben beteiligten Personen in kargen und fragmentierten Sequenzen mitteilen. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Im 70minütigen Ablauf ist freilich kein Raum dafür, Leid und Verlassenheit eines unerwünscht in die Welt gesetzten Menschen empathisch miterlebbar zu machen; dramentechnisch ist der Mord (juristisch korrekt: die fahrlässige Tötung) eines Babys ein Handlung auslösendes Motiv wie irgend ein anderes - ein Lottogewinn oder ein Schiffsunglück etwa. Dass in der Aufführung das tote Kind sinnlich nicht anwesend ist (auch nicht als Trauermemorial wie auf dem Plakatfoto) bedeutet denn auch: Das Geschehen stellt sich mimetisch dar als ein Protokoll sozialer Kälte. Der Kindstod scheint nicht die Möglichkeit einer Katharsis zu enthalten. Die lebende Johanna war eine lästige Unbequemlichkeit, die tote ist gleichfalls (infolge der auch die Umgebung der Kindsmutter tangierenden  polizeilich-gerichtlichen Sanktionen) eine unbequeme Lästigkeit.

 

Glück ist anderswo

Als Leitlinie der 24-jährigen (seit ihrem Debüt mit Das erste Stück über Martin an der Berliner Schaubühne schon staunenswert erfolgreichen) Stückeschreiberin lässt sich hier die engagierte Neugier auf soziale Realität ausmachen. Ein mecklenburgisches Dorf heute: die langsam ausblutende Topographie unerfüllbarer Träume. Das Glück ist anderswo. Alle sind irgendwie Außenseiter.

 

Die Generation der Älteren: Ulf (Hans Fleischmann), der Mann, der wegsieht und doch über alles mitreden will; zwei hilflos-betroffene Mütter (Ragna Pitoll, Cornelia Kempers). Dann die Jüngeren: Köppi, ein aus aufmerksamer Lethargie heraus Ratloser (mit besonders dichter Ausstrahlung: Mats Reinhardt), dazu die beiden Machos – Marko (Taner Sahintürk), der Agilere, der Projektmacher – ständig an übermorgen denkend und das Naheliegende verfehlend, und Hannes (Sascha Tuxhorn), der immer schon Desillusionierte; zu brutalen Ausbrüchen sind beide fähig.

 

Schließlich Katja, als jugendliche ledige Mutter dem Kind Johanna am nächsten stehend und doch ganz weit weg von ihm. Jenny König spielt sie beileibe nicht als eine Mitleid erheischende Ikone der »Überforderung«. Eher unsentimental und auf eine proletarisch-dralle Art tough. Keine Spur schuldbeladene Madonna. Sie fickt sich so durch. Ist ihrem Kind gegenüber vielleicht nicht elementar grausam, aber von einer abgründigen Gedankenlosigkeit (verlässt es unversorgt für zwei »unverantwortliche« Honeymoonwochen).

 

Foto: Caroline Bofinger Foto: Caroline Bofinger

Ein Report-Puzzle

Anne Rabe transportiert gewissermaßen einen sozio-psychologischen Zustandsbericht, schimmelpfennigweise ausgezahlt in überwiegend monologischen Textpassagen, die sich dem Zuhörer/Zuschauer allmählich zu einem – immer noch viele Leerstellen enthaltenen – Report-Puzzle zusammensetzen. In der verwirbelten Chronologie gleiten Rück- und Vorblenden unmerklich ineinander.

 

Die Regie von Anna-Lena  Kühner ist in die Stücksphäre sozusagen aktuell involviert mit einer modisch-ruppigen Art der Bühnenerzählung, die auf betont zurückhaltende gesprochene Partien Momente der plötzlichen Aggressivität folgen lässt (Hannes und Marco im rüden Zweikampf, dann aber auch sich selbstverletzend und an den Wänden die Köpfe einschlagend; wie mit Revolverschüssen zum Platzen gebrachte Luftballons), auch einzelne Filmeinstellungen integriert und Katja einmal einen fünfminütigen einsamen Geschwindmarsch entlang der Spielfläche vollführen lässt. Das zeigt sich als informierte Szenographie, aber noch nicht unbedingt als persönliche Handschrift.

 

Auf eine sympathische und zutreffende Art von »armem Theater« hebt die Bühnengestaltung von Kathrin Younes ab – Motto: Null Etat. Das reichliche Mannheimer Schülermaterial, das in diese Aufführungen abgeordnet wird, steht den gezeigten Problemen der Unterschichtler von der ostdeutschen Waterkant vielleicht etwas fremd gegenüber, doch wird ihm die ausgenüchtert schäbige Klassenzimmer-Atmosphäre des Studiokellers umso vertrauter vorkommen.

 

 

Zu Anne Rabe:

2008 Kleistförderpreis für junge Dramatiker für "Achtzehn Einhundertneun-Lichtenhagen"

2008/09 Fördergabe des Friedrich-Schiller-Gedächtnispreises 2010


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