Ein Report-Puzzle
Anne Rabe transportiert gewissermaßen einen sozio-psychologischen Zustandsbericht, schimmelpfennigweise ausgezahlt in überwiegend monologischen Textpassagen, die sich dem Zuhörer/Zuschauer allmählich zu einem – immer noch viele Leerstellen enthaltenen – Report-Puzzle zusammensetzen. In der verwirbelten Chronologie gleiten Rück- und Vorblenden unmerklich ineinander.
Die Regie von Anna-Lena Kühner ist in die Stücksphäre sozusagen aktuell involviert mit einer modisch-ruppigen Art der Bühnenerzählung, die auf betont zurückhaltende gesprochene Partien Momente der plötzlichen Aggressivität folgen lässt (Hannes und Marco im rüden Zweikampf, dann aber auch sich selbstverletzend und an den Wänden die Köpfe einschlagend; wie mit Revolverschüssen zum Platzen gebrachte Luftballons), auch einzelne Filmeinstellungen integriert und Katja einmal einen fünfminütigen einsamen Geschwindmarsch entlang der Spielfläche vollführen lässt. Das zeigt sich als informierte Szenographie, aber noch nicht unbedingt als persönliche Handschrift.
Auf eine sympathische und zutreffende Art von »armem Theater« hebt die Bühnengestaltung von Kathrin Younes ab – Motto: Null Etat. Das reichliche Mannheimer Schülermaterial, das in diese Aufführungen abgeordnet wird, steht den gezeigten Problemen der Unterschichtler von der ostdeutschen Waterkant vielleicht etwas fremd gegenüber, doch wird ihm die ausgenüchtert schäbige Klassenzimmer-Atmosphäre des Studiokellers umso vertrauter vorkommen.
Zu Anne Rabe:
2008 Kleistförderpreis für junge Dramatiker für "Achtzehn Einhundertneun-Lichtenhagen"
2008/09 Fördergabe des Friedrich-Schiller-Gedächtnispreises 2010

