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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:57

Rainer Maria Rilkes »Die weiße Fürstin« feiert nach über 100 Jahren Uraufführung

26.01.2011

»Nicht um Worte handelt sichs«

Eine Rilke-Uraufführung im Winter 2011 – das klingt nach einem vorwitzigen Unternehmen. Dem Anschein nach ist »Die weiße Fürstin«, 1909 in überarbeiteter Fassung erschienen, ein Drama: Regieanweisungen und Figurenrede verweisen rein formal auf die Gattung. Aber Rainer Maria Rilke ist uns nicht zufällig vor allem als Lyriker in Erinnerung, tatsächlich handelt es sich bei dem Text um ein dramatisches Gedicht. Eine Inszenierung für die Bühne dürfte Rilke dereinst eher nicht in den Sinn gekommen sein, und so konnten bis zur Uraufführung 102 Jahre vergehen. Von STEFAN ANDRES

 

Ein schwieriges, gleichwohl spannendes Projekt, das am vergangenen Samstag unter der Regie von Hanfried Schüttler seinen Weg ins Bühnenlicht fand und einem gespannten Publikum im Erholungshaus, Bühne der Kulturabteilung der Bayer AG in Leverkusen, vorbehalten war. Dort fügt sich die Inszenierung nicht nur glänzend in das aktuelle Spielzeit-Motto »Mythos und Gegenwart«: Leiter Dr. Volker Mattern freut sich überdies, seine Bühne bisweilen für Uraufführungen freihalten zu dürfen.

 

Das Bühnenbild erzeugt mit einfachen Mitteln – einem Kronleuchter, wenigen Stühlen sowie einem langen Seidentuch, das die Bühne mit Studiocharakter nach hinten begrenzt – das Bild einer »fürstlichen Villa« am Meer, an die Rilke die Handlung setzt. Dort erwartet die weiße Fürstin, immer wieder sehnlich auf das Meer hinaus blickend, ihren Gemahl, mit dem sie vor elf Jahren als Kind verheiratet wurde, während eine Seuche nun das Land verheert.

 

Die Darsteller schaffen es, Rilkes verdichtete Prosa auf die Bühne zu bringen, ohne dabei ungewollt ein Feuerwerk an Kitsch oder schauderhaftem Pathos abzubrennen: Christa Strobel spielt den alten Haushofmeister Amadeo mit Lakonik und androgynem Charme. Fiona Metscher gibt der Figur der Monna Lara, der jüngeren Schwester der Fürstin, eine kindliche Naivität, die an der Schwelle zum Erwachsensein (»zu feierlich für Kinder – und doch Kind«) in der Konfrontation mit Unglück und Tod jäh zerspringt: »Nicht um Worte handelt sichs: sie sterben!«, erkennt sie das Grauen, das sich hinter der Nachricht des Boten verbirgt.

 

Fiona Metscher (als Monna Lara) und Marie Simone Bascoul (als Weiße Fürstin) Fiona Metscher (als Monna Lara) und Marie Simone Bascoul (als Weiße Fürstin)

Verschmelzen von Text und Musik

Das besondere Potenzial der Inszenierung liegt in der Musik: Sie dient als Amalgam, das den Kontrast zwischen der lyrischen Prosa und ihrer szenischen Inszenierung ausbalanciert. Jörg Schnabel hat eine Musik komponiert, die sich mithin dezent im Hintergrund hält, um an den entscheidenden Stellen in den Vordergrund zu treten und sich zum tragenden Element zu entwickeln. Die Musik des Signum Quartetts, das wie die Darsteller auf der Bühne Platz nimmt, verleiht der Inszenierung Struktur.

 

Besonders eindrucksvoll gelingt das Verschmelzen von Text und Musik in der Nachricht des Boten: Stefan Bockelmann interpretiert die mythologische Gestalt des Mahners und Warners, der der Fürstin außer der Nachricht des Geliebten auch furchtbare Eindrücke der um sich greifenden, todbringenden Seuche überbringen muss, in gut einstudiertem Zusammenspiel mit den Musikern. Sein Bericht fügt sich glänzend in das Spiel der Streicher, die mit düsteren Klangfarben dunkle Ahnung und schieres Entsetzen markieren. Der »Aufschrei ihrer Not« in den Dörfern findet in Schnabels Musik Widerhall, und wo sich eine Kathedrale in der Darstellung des Boten hebt und senkt »wie ein Atemholen«, hebt und senkt sich das Spiel der Streicher.

 

Der Gestalt der weißen Fürstin verleiht Marie Simone Bascoul Würde, Sehnsucht und Furcht, wie sie Rilke beim Verfassen des Gedichts eindrucksvoller kaum vor Augen gehabt haben dürfte: beeindruckend die Präsenz, mit der ihre sehnsuchtsvollen Blicke suchend über das Meer schweifen. Mit aristokratischem Stolz, gleichwohl von Ungewissheit bedrückt stellt sie sich angesichts der Bedrohung schützend vor ihre jüngere Schwester, fest in dem Glauben an die bevorstehende Rückkehr ihres lang vermissten Gemahls: »Habsucht war es, womit ich alle Gluten jedes Jahres aufsparte für den späten Hochzeitstag.«

 

Von der Vorsprechrolle zur Uraufführung

Bascoul verkörpert die Fürstin nicht nur großartig. Sie war es auch, die den ersten Anstoß zu dem Projekt gab: Einen Monolog der Fürstin entdeckte sie als Vorsprechrolle für sich. Sie zeigte das Manuskript Komponist Schnabel, der verstand, dass dieser Text mit Musik auf die Bühne gebracht werden müsse. Über die Musiker des Signum Quartetts, die derzeit von der Bayer-Kulturabteilung gefördert werden, führte der Weg dann nach Leverkusen, nachdem man Schüttler als Regisseur und Anna Bott als Dramaturgin für die Produktion gewinnen konnte.

 

Der Musik überlassen ist die Darstellung der Liebe zwischen der Fürstin und ihrem Gemahl. Doch unheilvoll-bedrohlich variiert kehren diese zuvor noch harmonischen Klänge zurück, die beiden Geigerinnen Kerstin Dill und Annette Walther haben sich nun von ihren Plätzen erhoben und rücken der Fürstin in den Gestalten der schwarzen Mönche, Sinnbild für den Tod, zum tragischen Finale unmittelbar zu Leibe.

 

Ein bemerkenswertes Resultat aus dem Leverkusener Theater-Labor: Das zu Leben erweckte Rilke-Gedicht fesselte das Publikum in 60 intensiven Minuten. Einige »Bravo«, Rosen und langer Applaus für Musiker, Darsteller, Komponist und Regie.

 

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