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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:57

Yaron Edelstein: "Berg" - ein israelisches Kriegsstück am Heidelberger Theater (deutsch erstaufgeführt)

01.02.2011

Unsere Helden

In Israel und fürs israelische Publikum ein Kriegsstück schreiben – keine leichte Sache. Im aufgeheizten politischen Klima des Landes könnte so etwas – wenn es keine Hurrapropaganda sein will - als Defätismus verstanden werden. Die beiden Autoren Yaron Edelstein und Dalit Milshtein ergreifen indes keine Partei im israelisch-palästinensischen Konflikt, der als immerwährender Wundbrand die jüngere Geschichte jener Region bestimmt. In ihrer Trilogie Berg bringen sie das Kunststück fertig, auf israelische »Helden« (einiges Biographische aus der Laufbahn Ariel Sharons schimmert durch) anzuspielen und sie gleichsam zu demontieren, ohne dabei den  Krieg als einen Generalmodus menschlicher (oder soll man sagen: männlicher) Befindlichkeit entscheidend in Frage zu stellen. Von HANS-KLAUS JUNGHEINRICH

 

Das ist die gute, alte Tradition der Landserdramatik. Sie zeigt die täglichen kleinen Narreteien, Absurditäten, Entwürdigungen, Schurkereien des militärischen Handwerks, zeigt infantile, halbdebile, geltungs- oder großmannssüchtige  Charaktere, zeigt unübersichtliche, verzweifelte, aussichtslose Situationen, zeigt aggressive, depressive, gleichgültige oder tollkühne Stimmungen – und aus dem Sammelsurium des Aberwitzes steigt dann doch so etwas wie der Phönix eines höheren Sinnes hervor. Und sei’s am Ende nur die banale Einsicht: Es ist eben so, wie es ist. Der Landser, immer persönlich ein Verlierer. Aber das Vaterland gewinnt durch ihn. Nun ja, Vaterland. Nun ja, gewinnt.

 

Landserstücke, ein ewiges Genre. Obwohl, die Landsererzählungen waren auch schon mal gemütlicher gewesen. Insofern hat sich die Arbeit von Edelstein durchaus modern herausgemausert. Sie wurde beim vorjährigen »Heidelberger Stückemarkt« in einer szenischen Lesung vorgeführt und fand dabei lebhafte Aufmerksamkeit. Nun präsentierte das Heidelberger Schauspielensemble in eigener Inszenierung die deutsche Erstaufführung (Übersetzung: Sharon Nuni).

 

Die Stückeschreiber machten sich vorab Sorgen, dass ihre Arbeit  angesichts einer aktuellen »Delegitimierungskampagne gegen Israel« in Deutschland (womit sie wohl die hier und da auftretende Kritik an der offiziellen israelischen Politik  verstehen) als ein Votum gegen die israelische Armee wahrgenommen werden könnte. Solche Befürchtungen konnte die Heidelberger Regie von Timo Krstin sofort zerstreuen. Parteilichkeit und Naturalismus waren verbannt. Es bewährte sich die schon häufig gemachte Erfahrung, dass avantgardistisch-deskonstruktivistische Dramaturgie einer ins Allgemeine, Parabelhafte zielenden Stücktendenz kräftig auf die Beine zu helfen vermag.

 

Die gleichsam landsernotorische Befindlichkeits-Protokollierung also verknüpfte sich auf der praktisch hergerichteten Werkstattbühne des Heidelberger Zwinger 1-Theaters (einer der Ausweichspielstätten während des Theaterumbaus) mit Kunstanspruch und erklecklicher Unterhaltungsqualität. Deftiger Jargon, aber auch dessen kunstvolle Stilisierung und permutative Entrealisierung. Kernige Personendarstellung, aber doch spürbar eine der facettierten, in sich gebrochenen, lädierten, gleichsam probeweise immer wieder neu zusammengesetzten Figuren.

 

Keine strahlende Heldenfigur

Auf der von einem provozierend provisorisch-sperrholzartig anmutenden Kommandostand im »Razzle Sazzle Look« beherrschten Szene (Ausstattung: Flurin Berg Madsen) agieren fünf männliche Darsteller -  gewissermaßen ein beliebig-repräsentativer Ausschnitt der Soldatenfauna. Der sensibel-verletzliche »Augen« (Natanael Lienhard), der robust-sportive »Ausbrüche« (Matthias Rott), der phlegmatisch-proletenhafte »Fleisch« (Klaus Cofalka-Adami), der hager-sexfrustrierte »Schmunzeln« (Simon Bauer), schließlich die anfangs charismatische, schließlich ins Wahnhafte abdrehende, irgendwie auch  sich der Wirklichkeit entziehende und aus dem Stück fast verschwindende »sharonseke« Titelfigur (Paul Grill). Nein, eine strahlende Helden- und Legendenfigur ist das nicht. Nicht wirklich. Wirklich nicht.

 

Viele durchdachte Einzelheiten machten den pausenlosen 2-Stunden-Abend als Aufführung spannend. Waffen wurden zum Beispiel apart »symbolisiert« von Golfschlägern. Natürlich gab es landsermäßig genug Gelegenheit zum Lachen und Grölen. Kindlich genüssliches Amüsement auch die per schlichten Knopfdruck erzeugten Detonationsgeräusche. Die Irritationen folgten auf dem Fuß. Chronologie und Logik purzelten übereinander wie die von Einschlägen aufgewirbelten Gesteinsmassen. Der »Feind« als Person kam überhaupt nie vor. Als Epilog eine verfremdet-makabre Helden-Hommage: Verlesung einer fiktiven indianischen Grußadresse an einen offenbar in Honduras seiner soldatischen Profession nachgehenden israelischen Söldner. So ist es eben, das Landserleben.


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