Abstruse Inszenierung verdeckt den dramatischen Konflikt
So sind sie, die wagnerschen Heldentenöre; kleiner haben sie es nicht. Wenn solche Szenen nicht ins Parodistische abrutschen sollen, müssen sie in der Inszenierung eine gewisse Würde, mindestens aber einen tiefen Ernst haben. Und das verhinderte die Münchner Aufführung spätestens von hier an. Es mag eine unfreiwillige Komik gehabt haben, dass der Heldentenor Benn Heppner in der Kampfszene aussah wie Kung Fu Panda, zumal sein Gesang frei jeder Komik war. Jones Regie hingegen schien es auf die Demontage des Wagnerschen Ernstes und die Parodie seiner Oper angelegt zu haben. Lohengrin und Elsa heiraten, Lohengrin wird Herzog von Brabant und willigt ein, dem König ein Heer zu stellen und mit ihm gen Ungarn zu ziehen. Die nun anbrechende Regierung der beiden wird von der Inszenierung als staatsplanerische Umgestaltung verstanden, was ein Bühnenbild andeuten soll, in den allerorten gebaut wird.
Wagner geht es aber weniger um die Regierung der beiden als um ihre Liebe, deshalb rückt die Inszenierung den gemeinsamen Hausbau in den Mittelpunkt. So entsteht eine Inkongruenz innerhalb der Inszenierung, die einerseits die Verbindung von Lohengrin und Elsa als Staatsbauer stilisiert, diese Stilisierung anderseits wieder persifliert, in dem sie das Eigenheim in den Vorder- und den Staat in den Hintergrund rückt. Ganz zu schweigen davon, dass Parzivals Sohn Lohengrin, Schützer des Heiligen Grals, als Zimmermann des Kleinbürgerglücks lächerlich aussieht. Gleichwohl dies wenigstens als beabsichtigt angenommen werden darf.
Diese abstruse Dramaturgie verdeckt den Blick auf den dramatischen Konflikt innerhalb der Oper: das Verhältnis zwischen dem Rätsel der Liebe, das Wagner in das Zentrum seiner Komposition stellt. Lohengrin darf nur den Menschen dienen, die reinen Herzens sind und er muss dabei unerkannt blieben. Deshalb musste Elsa ihm ein Versprechen geben:
Nie sollst du mich befragen,
Noch Wissens Sorge tragen,
woher ich kam der Fahrt,
noch wie mein Nam‘ und Art!
Das willigt sie zunächst gern ein, doch die bösen Geister lassen ihr keine Ruh‘. Telramunds Frau Ortrud stachelt sie zu Misstrauen gegen ihren Gatten auf und bald schon keimen ihr Zweifel, ob er nicht etwas Schändliches zu verbergen habe. Sie will es wissen, als Unterpfand seiner Liebe dieses Geheimnis besitzen, um sicher zu gehen, dass er sie nicht irgendwann verlässt.
Ach dich an mich zu binden,
Wie sollt ich mächtig sein?
Voll Zauber ist dein Wesen,
Durch wunder kamst du her;
Wie sollt‘ ich da genesen,
Wo fänd ich dein Gewähr?
[…]
Nichts kann mir Ruhe geben,
Dem Wahn mich nichts entreißt,
Als –gelt es auch mein Leben –
Zu wissen, wer du seist!
Lohengrin sagt darauf allen, wer er sei, aus dem tollsten Geschlechte und unbesiegbar durch des heiligen Grales Macht (Kinderspiel deshalb auch, Telramund besiegt zu haben). Jetzt müsse er aber leider gehen, denn Elsa habe ihm nicht vertrauen können. Der Schwan holt ihn wieder ab. Es ist übrigens Elsas Bruder Gottfried, den Ortrud verzaubert hatte, aber das nur nebenbei. Denn was Wagner hier mit aller Deutlichkeit des (vielleicht zu Unrecht gescholtenen Librettos) und mit aller Macht der Musik erzählt, ist die schwierige Frage des Vertrauens in der Liebe. Auch das größte Glück, so führt Elsa vor, kann nicht dauerhaft genossen werden, wenn es fremdes Geschenk erscheint. Die Neugier und der Gedanke, es sich durch Kenntnis unterwerfen zu können, stehen dem entgegen. Zu Lieben birgt einen dunklen Drang den Geliebten zu entzaubern, um sich zu vergewissern – auch wenn er sich dann als Ungeheuer offenbart, wie es der schönen Psyche im Märchen des Apuleius geschieht, oder, wenn es dann heißt, ihn zu verlieren.
Der Tränen sind dann viele. Aber das Glück der Liebe, es ist futsch. Denn dieses Glück verlangt unbedingtes Vertrauen. Und das hat nur ein reines Herz. Hier ist Wagner sehr romantisch, gewiss. Ob dieses Grundmotiv hingegen die Oper nicht auch jenseits bemühter Aktualisierungen hätte tragen können, wäre einen Versuch wert gewesen. Es scheint jedenfalls so stark zu sein, dass es sich auch in München trotz der anderen Inszenierung zeigte. Die tollen Sänger (neben Heppner Elas van den Heever, Christoph Fischesser, Evgeny Niktin, Janina Baechle und Markus Eiche) und ein gut aufgelegtes Orchester entfalteten diesen Konflikt ungeachtet der anderen Inszenierung und bewiesen so nicht nur ihre Qualität, sondern auch die subversive Kraft von Wagners Oper, die sich auch gegen diese Inszenierung erhalten konnte.
