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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:59

Richard Wagners "Lohengrin" in der Bayerischen Staatsoper

02.02.2011

Der Tränen sind dann viele ...

Für heutige Zuschauer ist das ein schwieriger Stoff, zumindest dann, wenn es nicht mit der gebotenen historischen Distanz genommen wird. Die Aufführung in der Bayrischen Staatsoper in der Inszenierung von Richard Jones und unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano wollte das Stück nicht in der Distanz zum völkischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts stehen lassen, sondern bemühte sich um eine Aktualisierung. Von BJÖRN VEDDER

 

Wagners Lohengrin verknüpft eine Nebenfigur aus dem Parzivalepos Wolfram von Eschenbachs, Parzivals Sohn Loherangrin, mit der für den deutschen Nationalismus des 19. Jahrhunderts wichtigen Figur König Heinrich I. Dieser strebt in der Oper eine (fiktive) Heeresaushebung an, um gegen Ungarn zu ziehen und versucht diese Mobilmachung zu motivieren, indem er sie als Einigung des deutschen Reiches erscheinen lässt: »Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich: was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen, dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich«, heißt es in Wagners Libretto ganz im Sinne des völkischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Das ist für heutige Zuschauer vielleicht ein schwieriger Stoff, zumindest dann, wenn es nicht mit der gebotenen historischen Distanz genommen wird. 

 

Die Aufführung in der Bayrischen Staatsoper in der Inszenierung von Richard Jones und unter der musikalischen Leitung von Kent Nagano wollte das Stück nicht in dieser Distanz stehen lassen, sondern bemühte sich um eine Aktualisierung. Dafür nutzte sie insbesondere den zweiten und auch bei Wagner zentraleren Handlungsstrang.

 

Sein Bestreben führt Heinrich nach Brabant, wo die Handlung einsetzt. Dort istman aber nicht ohne weiteres gewillt, Truppen in das ferne Ungarn zu senden, schließlich sitzt man im heutigen Antwerpen und außerdem hat man andere Probleme. Ein Streit um die Erbfolge des Herzogs ist entbrannt, bei dem der Graf Telramund vor dem Richterstuhl Heinrichs des Herzogs Tochter Elsa beschuldigt, ihren Bruder Gottfried ermordet zu haben. Elsa leugnet und in einem Gottesurteil soll entschieden werden, wer von beiden lügt. Elsa will sich im Kampf, von einem Ritter vertreten lassen, der ihr im Traum erschienen ist. Das ist Lohengrin und der kommt (im Boot von einem Schwan gezogen) und besiegt Telramund und beweist so dessen falsches Zeugnis vor Gericht und schenkt ihm doch sein Leben:

 

Lohengrin (das Schwert auf Friedrichs Hals setzend)

Durch Gottes Sieg ist dein Leben mein:

(Von ihm ablassend.)

Ich schenk‘ es dir, mögst du der Reu‘ es weihn!

 

Abstruse Inszenierung verdeckt den dramatischen Konflikt

So sind sie, die wagnerschen Heldentenöre; kleiner haben sie es nicht. Wenn solche Szenen nicht ins Parodistische abrutschen sollen, müssen sie in der Inszenierung eine gewisse Würde, mindestens aber einen tiefen Ernst haben. Und das verhinderte die Münchner Aufführung spätestens von hier an. Es mag eine unfreiwillige Komik gehabt haben, dass der Heldentenor Benn Heppner in der Kampfszene aussah wie Kung Fu Panda, zumal sein Gesang frei jeder Komik war. Jones Regie hingegen schien es auf die Demontage des Wagnerschen Ernstes und die Parodie seiner Oper angelegt zu haben. Lohengrin und Elsa heiraten, Lohengrin wird Herzog von Brabant und willigt ein, dem König ein Heer zu stellen und mit ihm gen Ungarn zu ziehen. Die nun anbrechende Regierung der beiden wird von der Inszenierung als staatsplanerische Umgestaltung verstanden, was ein Bühnenbild andeuten soll, in den allerorten gebaut wird.

 

Wagner geht es aber weniger um die Regierung der beiden als um ihre Liebe, deshalb rückt die Inszenierung den gemeinsamen Hausbau in den Mittelpunkt. So entsteht eine Inkongruenz innerhalb der Inszenierung, die einerseits die Verbindung von Lohengrin und Elsa als Staatsbauer stilisiert, diese Stilisierung anderseits wieder persifliert, in dem sie das Eigenheim in den Vorder- und den Staat in den Hintergrund rückt. Ganz zu schweigen davon, dass Parzivals Sohn Lohengrin, Schützer des Heiligen Grals, als Zimmermann des Kleinbürgerglücks lächerlich aussieht. Gleichwohl dies wenigstens als beabsichtigt angenommen werden darf.

 

Diese abstruse Dramaturgie verdeckt den Blick auf den dramatischen Konflikt innerhalb der Oper: das Verhältnis zwischen dem Rätsel der Liebe, das Wagner in das Zentrum seiner Komposition stellt. Lohengrin darf nur den Menschen dienen, die reinen Herzens sind und er muss dabei unerkannt blieben. Deshalb musste Elsa ihm ein Versprechen geben:

 

Nie sollst du mich befragen,

Noch Wissens Sorge tragen,

woher ich kam der Fahrt,

noch wie mein Nam‘ und Art!

 

Das willigt sie zunächst gern ein, doch die bösen Geister lassen ihr keine Ruh‘. Telramunds Frau Ortrud stachelt sie zu Misstrauen gegen ihren Gatten auf und bald schon keimen ihr Zweifel, ob er nicht etwas Schändliches zu verbergen habe. Sie will es wissen, als Unterpfand seiner Liebe dieses Geheimnis besitzen, um sicher zu gehen, dass er sie nicht irgendwann verlässt.

 

Ach dich an mich zu binden,

Wie sollt ich mächtig sein?

Voll Zauber ist dein Wesen,

Durch wunder kamst du her;

Wie sollt‘ ich da genesen,

Wo fänd ich dein Gewähr?

[…]

Nichts kann mir Ruhe geben,

Dem Wahn mich nichts entreißt,

Als –gelt es auch mein Leben –

Zu wissen, wer du seist!

 

Lohengrin sagt darauf allen, wer er sei, aus dem tollsten Geschlechte und unbesiegbar durch des heiligen Grales Macht (Kinderspiel deshalb auch, Telramund besiegt zu haben). Jetzt müsse er aber leider gehen, denn Elsa habe ihm nicht vertrauen können. Der Schwan holt ihn wieder ab. Es ist übrigens Elsas Bruder Gottfried, den Ortrud verzaubert hatte, aber das nur nebenbei. Denn was Wagner hier mit aller Deutlichkeit des (vielleicht zu Unrecht gescholtenen Librettos) und mit aller Macht der Musik erzählt, ist die schwierige Frage des Vertrauens in der Liebe. Auch das größte Glück, so führt Elsa vor, kann nicht dauerhaft genossen werden, wenn es fremdes Geschenk erscheint. Die Neugier und der Gedanke, es sich durch Kenntnis unterwerfen zu können, stehen dem entgegen. Zu Lieben birgt einen dunklen Drang den Geliebten zu entzaubern, um sich zu vergewissern – auch wenn er sich dann als Ungeheuer offenbart, wie es der schönen Psyche im Märchen des Apuleius geschieht, oder, wenn es dann heißt, ihn zu verlieren. 

 

Der Tränen sind dann viele. Aber das Glück der Liebe, es ist futsch. Denn dieses Glück verlangt unbedingtes Vertrauen. Und das hat nur ein reines Herz. Hier ist Wagner sehr romantisch, gewiss. Ob dieses Grundmotiv hingegen die Oper nicht auch jenseits bemühter Aktualisierungen hätte tragen können, wäre einen Versuch wert gewesen. Es scheint jedenfalls so stark zu sein, dass es sich auch in München trotz der anderen Inszenierung zeigte. Die tollen Sänger (neben Heppner Elas van den Heever, Christoph Fischesser, Evgeny Niktin, Janina Baechle und Markus Eiche) und ein gut aufgelegtes Orchester entfalteten diesen Konflikt ungeachtet der anderen Inszenierung und bewiesen so nicht nur ihre Qualität, sondern auch die subversive Kraft von Wagners Oper, die sich auch gegen diese Inszenierung erhalten konnte.

 

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