Der Komponist Peter Eötvös hat im Auftrag der Bayrischen Staatsoper und in Zusammenarbeit mit dem Dichter Albert Ostermaier eine Oper geschaffen, die am 7. Januar unter dem Dirigat des Komponisten und Christopher Wards in München erneut zur Aufführung kam – Die Tragödie des Teufels. Das gab Gelegenheit, das Werk noch einmal zu hören und zu sehen, abseits der Enttäuschungen, die seine Premiere am 22. Februar 2010 bereitet hatte.
Vor knapp einem Jahr nämlich betrauerten verschiedene Stimmen, Eötvös habe die gute Chance vertan, die sich mit der Auftragsarbeit für einen zeitgenössischen Komponisten ergeben hätte. Erschien doch seine Komposition als belanglose Akkordkette, die allzu einheitlich und motivlos die Handlung filmmusikalisch hinterlege, kaum jedoch anzeigen könne, wie es um eben diese Handlung stehe. Dem Librettisten Ostermaier hingegen wurde die gesamte verquaste Dramaturgie der Oper vorgehalten, die manchen Zuschauer ratlos zurücklies, und eine oft sehr bemüht wirkende Aktualisierung der Vorlage (Imre Madáchas Tragödie vom Menschen, einer Art ungarischem Faust aus dem 19. Jahrhundert) durch Zitate aus Science Fiction und anderem, was üblicherweise nicht zur etablierten Kultur gezählt wird.
Dass Ostermaier nicht immer das glücklichste Händchen bei der Aktualisierung klassischer Vorlagen hat, zeigte auch seine Bearbeitung des persischen Nationalepos´ Madschn?n Lail? von Nezami, das er mit dem Komponisten Samir Odeh-Tamini für die Ruhrtriennale 2009-2011 zur Oper Leila und Madschnun verarbeitete.
Im Falle der Tragödie des Teufels ist aber zunächst festzuhalten, dass ihm dramaturgische Mängel nicht allein angerechnet werden können, weil er die Oper auch inhaltlich mit dem Komponisten zusammen entwickelt hat. Dabei hatten beide keine freie Hand, sondern mit einer Vorlage zu kämpfen, die als philosophisches Ideendrama vielleicht nicht der beste Stoff für eine Kunstform wie die Oper ist, die ihren musikalischen Zauber und inszenatorischen Reiz eher in der sinnlich schönen Vielheit entfalten kann als in der Argumentation.
Diese Vorlage haben sich beide nicht wirklich ausgesucht. Eötvös war von Kent Nagano mit einer Oper beauftragt worden, die einen starken Chor haben sollte und da war ihm als Stoff Madáchs Drama eingefallen. Der Intendant Nikolaus Bachler wollte dann von einer Choroper nichts wissen, schlug aber, noch ehe Eötvös seinen Stoff für die Choroper preisgab, Madáchs Drama als Vorlage vor. Eötvös wünschte sich Ostermaier als Librettisten, weil dieser ihm als Lyriker bekannt war. Und Ostermaier war als Bachlers Angestellter zur Mitarbeit genötigt. Die Voraussetzungen waren also bescheiden, aber nicht alles, was daraus gemacht worden ist, ist so ein Quatsch, wie zu lesen gewesen war. Vielmehr forderte die neuerliche Aufführung dazu heraus, verschiedene Aspekte auch der Bearbeitung zu unterscheiden.
Die Zuspitzung des Dramas zu einer Wette zwischen Adam und dem Teufel, ob dieser jenen nicht in verschiedenen Stationen von der Schlechtigkeit der Welt überzeugen könne, öffnet den sperrigen Stoff des ungarischen Ideendramas für die Oper, die sich so in ihren verschiedenen Bildern auch emotionalen Inhalten widmen, aber zum Beispiel demokratietheoretische Diskurse ersparen konnte.
Der Preis für diese Öffnung ist allerdings hoch. Die Einheit der faustischen Handlung, wie sie Madách vorgegeben hat, wird aufgebrochen und taumelt über dem Abgrund des Sinnlosen.
Das macht vor allem die Neuinterpretation der biblischen Figur Lilith deutlich, Adams erster Frau. Aus dem Alten Testament ist sie getilgt worden und taucht dort nur noch als Dämon auf (Jesaja 34, 14). Der Talmud (Eruvin 18b, Pesachim 12b, Schabbat 151b) schildert sie hingegen als eine Frau von berückender Schönheit, die sich Adam nicht unterordnet, sondern als gleich Geschaffene auf gleichen Rechten beharrt, weshalb Adam sie aus dem Paradies wirft und sich von Gott eine fügsamere Frau wünscht, die er mit der minder reizvollen, aber braveren Eva dann auch erhält. Und doch locken Liliths Reize ihn noch einmal zu ihr, verleiten ihn, das Paradies zu verlassen und sie zu suchen. Er findet sie den Männern nachstellend und diese tötend. Unter Adams Knute will sie freilich nicht zurück.