Prozess des Entgleitens und Zerfallens
Aus einem Nebenraum stürzt ihnen eine Unmenge an Unrat entgegen: Katzenkadaver ohne Zahl, vollgekackte Windeln, Müllsäcke, Essensreste, verdorbene Lebensmittel, Papier etc. etc. So haben sie sich das Leben ihres Vaters nicht vorgestellt. Sie stolpern über Gedichte und Essays zur Vergänglichkeit des Sein und zur vergeblichen Mühe des Seienden. Der Tenor dieser Oden und Episteln ist immer der gleiche: alles zerfällt. Ob »alles stirbt«, wie beim »metonymischen Ballett«, ob »der Kreis niemals ein Kreis ist«, ob nur noch »Wörter ohne Entsprechung« sind oder ob »Welt zur Angst wird«, alles unterliegt einem Prozess des Entgleitens und Zerfallens.
Er breitet sich, vom Vater ausgehend, wie eine infektiöse Krankheit über Stück und Figuren aus. Am Ende sagt Berg, der zuvor seinen Bruder brutal zusammengeschlagen und neben den toten Vater gelegt hat:
Unsere Sätze sind zerfallen.
Und der ganze Sinn, den wir haben, ist zerfallen.
Und sogar unsere Verwirrung ist zerfallen.
Und ich denke:
Keiner weiß mehr, warum wir überhaupt machen, was wir machen.
Oder ja – (lacht): Wir wissen noch nicht mal, was wir machen.
Wir stehen einfach nur da und sind.
Und keiner von uns weiß noch warum.
Der Reiz der väterlichen Notizen besteht wohl darin, dass sie heutzutage tausendfach als schwere Gedanken von Hinz und Kunz im Internet verbreitet werden. Im Stück stehen sie auf Zetteln, die naturgemäß verlesen werden müssen. In Frankfurt beginnt der Abend sogar damit. Zwei Gestalten, die das Programmheft nicht eigens benennt und die aus der nächsten Kneipe oder aus dem Publikum stammen könnten, treten in einen Lichtkegel direkt vor den Vorhang und verlesen die Notiz zum »Kreis, der niemals ein Kreis ist«. Nach diesem Vortrag geht der Vorhang auf, was eine einzige Wohltat ist, denn jetzt stehen mit Sebastien Jacobi als Berg und Thomas Huber als Eirik zwei ausgezeichnete Schauspieler auf der Bühne. Sie können freilich am Text nichts ändern.