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Freitag, 25. Mai 2012 | 13:59

Schauspiel Frankfurt - Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns ,,Die Ängstlichen und die Butalen"

04.02.2011

Die totale Konsequenz des Todes

Seit der Spielzeit 2009/2010 ist der hochgelobte und gefeierte Jung-Dramatiker Nis-Momme Stockmann Hausautor am Schauspiel Frankfurt. Mit Die Ängstlichen und die Brutalen legte er im letzten November seine zweite Arbeit für Frankfurt vor. Ein 3-Personen Stück, das Stockmann um eine Leiche herum konzipiert hat. Diese Leiche, die eine Person des Stücks und zugleich der tote Vater ist, hat die ganze Zeit auf der Bühne nichts weiter als tot zu sein. Doch alles, was passiert, was die beiden anderen Personen, die Söhne Eirik und Berg, denken, fühlen und handeln, hat mittelbar und unmittelbar seinen Ursprung im toten Vater. Von HARTFRIED KASCHMIEDER

 

Er ist der Grund, warum sie sich überhaupt wiedersehen und dass dieses Wiedersehen in seiner Wohnung vor seiner Leiche stattfindet. Wenige Stunden zuvor hatte er sie über seinen Zustand informiert und gebeten zu kommen. Da stehen sie nun am Anfang des Stücks ganz betroffen in seiner Wohnung nebeneinander und vor dem Stuhl, in dem der Vater bereits kalt und leichenstarr sitzt. Sein Anruf kam zu spät. Noch wurde, zumindest im Text, kein Wort gesprochen. Noch könnte aus dieser wahrhaft theatralen Situation wunderbares Theater werden. Aber leider wohnt diesem Anfang eine dramaturgische Fehlzündung inne. Sie wird perpetuiert und erweist sich als die einzige Antriebskraft des Stücks.

 

Die Fehlzündung besteht in einer Unterlassung. Eirik und Berg unterlassen es fortwährend mit viel Tamtam und Gezeter, den Bestatter anzurufen. Dadurch gerät ihnen die Leiche zu einem Problem, das sie lösen müssen. Sie ist einfach da und stinkt. Eirik und Berg können sie nicht übersehen. Wohin ihre Gedanken, Gespräche und Handlung sie auch führen, letztlich stehen sie wieder vor der Leiche. Das könnte immer noch wunderbares Theater sein, wenn Eirik und Berg Figuren auf dem Theater wären und folglich mit ihnen und durch sie das Stück voran ginge. Doch dazu gibt ihnen Stockmann zu wenig mit auf den Weg.

 

Alles hat ein Ende

Die Informationen sind dürftig und skizzenhaft. Eirik, der ältere, hat keinen Führerschein und wurde vor ungefähr einem Jahr von seiner Freundin verlassen. Berg, 33 Jahre alt, besuchte hin und wieder seinen Vater, wobei er nichts gehört und gesehen haben will. Außerdem verfolgt ihn sein Vater im Traum in Gestalt von langbeinigen Spinnen. Das Verhältnis der Brüder zueinander wird aufgeregt klischeehaft über die Stereotypen großer Bruder / kleiner Bruder beschrieben. Sie haben sich seit Jahren nicht gesehen. Beide sind schlaffe, permanent um sich selbst kreisende Bubies, deren geistiger und persönlicher Entwicklungsstand irgendwo in der Sturm-und-Drang-Zone zwischen postpubertär und präadult anzusiedeln ist.

 

Eirik ist dabei mehr die narzistische Nervensäge: Wir stecken jetzt erst mal in einer Situation. Das heißt: Ich steck in der Situation. Und du machst wie immer alles nur unerträglicher. Das ist das einzige, was du wirklich ausgezeichnet kannst. Danke Berg.


Berg ist ein nach banalem Tiefsinn schmachtender kleiner Bruder, hinter dessen Maske der Brutalo lauert: Zu wem der Tod kommt … Er kommt einfach und ist dann da – und das ist so eine absolute absolute Konsequenz – da kannst du machen, was du willst – scheißegal – setzt dich in eine totale Konsequenz … Das ist ja auch irgendwie schön. Wir sind alle – wir alle sind irgendwann … Alles hört irgendwann auf. Alles hat ein Ende.

 

Das Stück plätschert dahin. Hier eine Laune, dort eine autistische Sentenz, da eine

Aggressivität gegen den Bruder. Sie wuchten die Leiche vom Stuhl ins Bett, nicht ohne zuvor die reichlich gefüllte Seniorenwindel zu entfernen und das Hinterteil des Toten einer Reinigungsprozedur zu unterziehen. Finden in der Brusttasche des Vaters einen Zettel mit der Aufschrift »Letzter Wille« und der einzigen Anweisung »alles abbrennen«.

 

Prozess des Entgleitens und Zerfallens

Aus einem Nebenraum stürzt ihnen eine Unmenge an Unrat entgegen: Katzenkadaver ohne Zahl, vollgekackte Windeln, Müllsäcke, Essensreste, verdorbene Lebensmittel, Papier etc. etc. So haben sie sich das Leben ihres Vaters nicht vorgestellt. Sie stolpern über Gedichte und Essays zur Vergänglichkeit des Sein und zur vergeblichen Mühe des Seienden. Der Tenor dieser Oden und Episteln ist immer der gleiche: alles zerfällt. Ob »alles stirbt«, wie beim »metonymischen Ballett«, ob »der Kreis niemals ein Kreis ist«, ob nur noch »Wörter ohne Entsprechung« sind oder ob »Welt zur Angst wird«, alles unterliegt einem Prozess des Entgleitens und Zerfallens.

 

Er breitet sich, vom Vater ausgehend, wie eine infektiöse Krankheit über Stück und Figuren aus. Am Ende sagt Berg, der zuvor seinen Bruder brutal zusammengeschlagen und neben den toten Vater gelegt hat:

Unsere Sätze sind zerfallen.

Und der ganze Sinn, den wir haben, ist zerfallen.

Und sogar unsere Verwirrung ist zerfallen.

Und ich denke:

Keiner weiß mehr, warum wir überhaupt machen, was wir machen.

Oder ja – (lacht): Wir wissen noch nicht mal, was wir machen.

Wir stehen einfach nur da und sind.

Und keiner von uns weiß noch warum.

 

Der Reiz der väterlichen Notizen besteht wohl darin, dass sie heutzutage tausendfach als schwere Gedanken von Hinz und Kunz im Internet verbreitet werden. Im Stück stehen sie auf Zetteln, die naturgemäß verlesen werden müssen. In Frankfurt beginnt der Abend sogar damit. Zwei Gestalten, die das Programmheft nicht eigens benennt und die aus der nächsten Kneipe oder aus dem Publikum stammen könnten, treten in einen Lichtkegel direkt vor den Vorhang und verlesen die Notiz zum »Kreis, der niemals ein Kreis ist«. Nach diesem Vortrag geht der Vorhang auf, was eine einzige Wohltat ist, denn jetzt stehen mit Sebastien Jacobi als Berg und Thomas Huber als Eirik zwei ausgezeichnete Schauspieler auf der Bühne. Sie können freilich am Text nichts ändern.

 

Rumhängen mit Leiche

Sie schleppen die Leiche, die Manfred Thomas gibt, unter allerlei Gelächter des Publikums, vom Stuhl zum Bett und vollziehen die öffentliche Reinigung des Hinterteils eines Verstorbenen. Widmen sich intensiv und mit einer gewissen Komik den Tücken der Leichenstarre. Stehen dann aber doch nur ratlos da mit der Frage: „Was kommt jetzt?“ Also laufen sie in der Wohnung herum. Einem schiefwinkligen Bau, dessen einziges Fenster mit Brettern vernagelt ist. Links hinten in der Ecke steht das Bett mit dem toten Vater. Auf zentraler Position vorne der Stuhl. Nach rechts hin eine Art schräges Blechkasten-Badezimmer auf vier Stelzen. Aus diesem Kasten, in den die Darsteller von Zeit zu Zeit steigen, werden per Livestream ihre Botschaften nach draußen in die Wohnung auf einen Bildschirm übertragen. Nur ihre Füße sind ohne Bildschirm zu sehen. Sie schauen aus dem Kasten unten heraus.

 

Regie und Darsteller mühen sich redlich. Aber gegen dieses »Rumhängen mit Leiche« und aufs »Geratewohl in den Tag hinein Philosophieren« sind sie machtlos. Eirik und Berg sind als Figuren einfach zu blass. Stockmann hat sie im Anfangsstadium stecken lassen. Deshalb hilft hier auch keine große Schauspielkunst. Zumal die väterlichen Zettel, die das Stück passagenweise zu einer drögen Lesung verkommen lassen, wie Blei auf dem Abend liegen.

 

Auferstehung des Vaters

Auch die Aufputschmittel, die Regisseur Martin Kloepfer hie und da einfügt, können den Abend nicht retten. Warum muss der Unrat aus zusammengerollten Plastikplanen von der Decke fallen? Wieso ein Livestream? Stockmann hat das Bad auch als Schutzraum gedacht. Als Eirik Berg rabiat den Bart entfernt, findet das bei Stockmann im Bad statt ohne Video. Kloepfer lässt die Szene im Wohnzimmer vor aller Augen ablaufen.

 

Aber die schrägste und zugleich unsinnigste Nummer geschieht kurz vor Ende des Stücks. Eirik sitzt, nachdem Berg ihn zusammengeschlagen hat, auf einem Stuhl und stammelt und röchelt. Jetzt steht die Leiche auf, läuft durch den Raum, trinkt mit Eirik und Berg Wasser und steigt ins Bad, um einen väterlichen Gedanken als Videobotschaft zu verlesen. Herr Kloepfer, darauf muss man erst mal kommen. Applaus für die schauspielerische Leistung, der Rest ist Schweigen.

 

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