Robert Redfords Hände Selig von Rebekka Kricheldorf am Staatstheater Kassel
09.02.2011
Das, was ihr an den Nachbarn so befremdlich findet, seid ihr selbst
Worum es in Rebekka Kricheldorfs dritter Uraufführung am Staatstheater Kassel nach Rosa und Blanca und Das Ding aus dem Meer geht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Um den »Deutsche(n) auf der Suche nach Erfüllung in der Fremde«, wie es das Programmheft verheißt? Um die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen, sofern sie auf Dauer ausgelegt sind? Gar um Beziehungs- und Weltanschaungsmodelle als Antithesen? Das Elend der Ohnmacht, die Häme der Chauvinisten oder die Hoffnungen der Entwicklungshilfe? Verblassende Filmidole? Oder die wahrheitsfördernde Wirkung von Skorpionschnaps? Angesichts dieses vexierenden Kammerspiels, in dem auf hochkomplexe Weise so gut wie nichts passiert, spricht einiges dafür, solche Fragen nicht allzu wichtig zu nehmen. Von SUSANNE BERNHARDT
Robert Redford bekommen wir nicht zu Gesicht. Dafür aber scheint Edward Albee aus der Betulichkeit des 20. Jahrhunderts in unserem globalisierten Camp-Dschungelwahnsinn zu reinkarnieren, subjektiv »am anderen Ende der Welt«. Wo sich auch Alice und Ben als ausgewandertes Rentnerpaar wiederfinden: in der ultimativen Ödnis und dem absurd fossilierten burischen Kolonialambiente Namibias...
BEN
Wisst ihr, was Swakopmund bedeutet? Scheißemündung. Wir wohnen in Scheißemündung. Die Nama haben den Ort so genannt, weil der Fluss Swakop nichts anderes war als eine Drecksbrühe, schlammige. Damals. Jetzt: Längst ausgetrocknet. Swakop: Scheiße. Swakopmund: Scheißemündung. Toll, was? Das steht auf keiner Postkarte.
ALICE
Lieben Gruß aus Scheißemündung, deine Alice. (Pause.) Durst!
Entwurzelt hocken sie in einem trostlosen Safaricamp vor ihrem Zelt, beschallt von Gospelklängen des nationalen Radiosenders aus einem maroden Transistorradio. Ben drängt es zurück in sein Eigenheim an der Küste, aber Alice leidet seit einem Einbruch dort unter Panikattacken und will diesem Rückzug um jeden Fall ausweichen. In den vorprogrammierten, alkoholgetränkten Ehekrieg platzt ein junges, politisch ambitioniertes Traveller-Pärchen. Gero und Julia sind aus Deutschland angereist, um ihren hehren Idealen in einem lokalen AIDS-Projekt Gestalt zu verleihen. So springen die beiden für einen Tag und eine Nacht über den ausrangierten Swimmingpool in einen Konversationsmarathon, nach dem alles oder nichts mehr so sein wird wie zuvor.
Der Staub, der Müll und der Suff
Nicht nur ist das Stück fantastisch, sondern auch die Inszenierung. Allen voran beeindrucken die Darsteller, die anmuten wie aus dem eigenen Soziotop auf die Bühne verfrachtet. Eva-Maria Keller als Alice brilliert in ihren changierenden Tonarten, von schrill bis halb komatös. Mal klingt die kokette Kindfrau durch, die Ben so gern in ihr, dem »Nichts«, konservieren würde, dann wieder flattern Fetzen eigensinniger Ungebrochenheit durch diese intelligente und humorvolle Figur, Bitterkeit und Trauer über den verlorenen schwulen Sohn. Mit zunehmendem Alkoholgenuss verschwimmen die Grenzen zwischen ihren einzelnen Fragmenten - Meine innere Stimme spricht zu mir in fremder Zunge. Ben (Matthias Winde) dagegen kommt als routinierter Zyniker zunächst viel homogener daher. Eingesponnen in einen Kokon aus miesepetriger Besserwisserei Besserwisserei und sadistischer Streitsucht, einzig den emotionalen Achterbahnfahrten seiner Frau hilflos ausgeliefert. Der Mensch ist überall derselbe, vom Leben ermüdete Idiot.
Da kommt ihm natürlich der vor Idealismus glühende Gero (Björn Bonn) wie gerufen. Werd erst mal erwachsen, du Aufklärungsimperialist!, haut er dem um die tauben Ohren. Doch Gero versinkt in seinen politisch (über-)korrekten Weltverbesserungsphantasien, gräbt verzweifelt nach theoretischer Untermauerung, schwafelt sich fest. Hebt ab, merkt nicht, wie alle Versuche der bodenständigen, postmodernistischen Profi-Travellerin. Julia (Alina Rank) mit ihm Kontakt aufzunehmen, hoffnungslos an ihm abprallen. Als Paare wie auch in der Diagonalen stehen die Figuren sich beobachtend gegenüber, fasziniert und abgestoßen, im Geprassel des Dialogs zunehmend benebelt und isoliert. Und sie treten auch auf uns zu, starren und sprechen uns an, als ob wir plötzlich am TV-Schirm klebten. Tigern wie hinter Rilkes Tausend Stäben durchs Nichts, auf immergleichen Routen, mit kurzen Exkursionen in eine unsichtbare Außenwelt, wunderbar irritierend inszeniert von Shirin Khodadadian, die u.a. auch schon Sybille Berg auf die Bühne gebracht hat. Die Wildnis mit ihren Fotomotiven bleibt ebenso Projektionsfläche wie die lokalen Betreiber der Cocktailbar. Zu sehen gibt es nur staubigen Zerfall, lotterig querhängende Blumenkästen, eine halbtote Palme, einen ausrangierten Pool, alles zugemüllt. (Bühne/Musik: Ansgar Silies)
Rebekka Krichldorf
Etwas, für das es kein Wort gibt, existiert nicht.
In einem Interview bekennt sich Rebekka Kricheldorf zum pure(n), rein auf den Sprechakt bezogene(n) Schreiben. »Ein Bühnensatz ist Material, ein Element unter vielen in einem sinnlichen Spektakel aus Spiel, Bühne, Licht, Kostüm, Musik ...« In dieser Inszenierung sind allein schon die Bühnensätze spektakulär. Die Essenz dieses wortgewaltigen, im Tempo akzelerierenden Stücks liegt aber in seinen Leerstellen, im Unsäglichen. In dem, was bleibt, wenn der letzte Wortschwall im Alkoholdunst verebbt ist, bevor er von neuem haltlos losbricht. Am verkaterten Morgen nach der Ménage à quatre nimmt Ben »die Seinige« hilflos-routiniert in den Arm, die wieder mal in einem ihrer Alpträume gefangen ist, in der Vision gieriger schwarzer Horden, die ihre Existenz vernichten.
Das berührt, ist aber letztlich so wenig tröstlich wie Julias Entschluss, ohne Gero weiterzuziehen. Fazit: Wirklich großes Theater auf kleiner Bühne! Zwei gewagte, pausenlose Stunden lang punktgenau entlang der Unerträglichkeit - des Lebens, nicht seiner Reproduktion. Sauberst gearbeitete Komplexität, die hautnah glaubwürdig nicht den kleinsten Faden verliert, bei aller Tragik mit fast traumtänzerisch-organischer Leichtigkeit. Alle loben den Humor, für den die Autorin 2010 mit dem „Förderpreis Komische Literatur“ ausgezeichnet wurde. Der kommt hier so authentisch und beiläufig daher, dass er endlich mal nicht diskutabel ist. Schwarz genug, um den Atem stocken zu lassen, aber nie schwärzer als die absurde Exotik unser aller Alltäglichkeit.

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