Ein »Platz an der Sonne«
Im Berliner Hinterhof in der Muskauer Straße, dem Sitz der Berliner Compagnie, geht es anfangs zu wie in der Börse: Da ist seit Jahrhunderten eine Riesentorte namens Afrika zu verteilen, und die Kolonialmächte England, Frankreich, Belgien und Deutschland haben um die Stücke gepokert und auf dem Rücken der Ausgebeuteten ihre Machtpositionen ausgebaut. »Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne«, sagt der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt Bernhard von Bülow im Reichstag. Der belgische König Leopold II. macht den Schwarzen weiß, dass die Weißen übernatürliche Kräfte haben. Diese übernatürlichen Kräfte bestehen allerdings rein darin, dass die »Gegner« in diesem Vernichtungskrieg als minderwertig herabgestuft werden, was bekanntlich das Massenmorden immens erleichtert. Das Resultat: 10 Millionen Tote allein im Kongo. Dahinter steht ein Konzept, das sich gegenüber anderen Konzepten als gnadenlos überlegen herausgestellt hat. Dieses Erfolgsrezept lautet: »Wir Europäer haben das Töten aus Distanz zu unserer Spezialität gemacht.«
Die Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus, aber auch die Gegenwart wird in Die Weissen kommen in einer Art Live-Computerspiel, aber auch mit den Mitteln des politischen Kabaretts, abgearbeitet. Angespornt vom Master of the Universe, einer mysteriösen sprechenden Lightshow, die an Michael Schanzes Kinderspektakel 1, 2 oder 3 erinnert, ertönen die Marktschreie: »Hohe Rendite!«, »Spekulieren Sie mit Nestlé!«
Günstig aufs Geschäft wirken sich z.B. die Saatgutgesetze aus, die afrikanischen Bauern untersagen, das eigene Saatgut zu verwenden, noch günstiger die schlimmste Hungerkatastrophe seit Jahrzehnten, in Ostafrika, wunderbar, beste Vorraussetzungen, dass alles im Grunde so bleibt, wie es war. Skrupel? Nein, danke. Denn schließlich: »Die Schwarzen kommen mit gestiegenen Preisen zurecht – vergessen Sie nicht den Gemeinschaftssinn der afrikanischen Großfamilie!«
Mitleid ist nicht angesagt: Afrika wird schon mit seiner Ausbeutung klarkommen, Afrika hat doch darin Erfahrung, und der Westen (also wir) darf sich in ruhigem Gewissen aalen, und wer’ s glaubt, wird vielleicht sogar selig: »Macht ist die wahre Entwicklungshilfe – Investieren Sie – gegen den Hunger!« Die Augenwischerei geht auf, endlich werden wieder Aktien verkauft, war da mal eine Weltfinanzkrise? Es geht wieder bergauf, wer mitspielen möchte, sei beispielsweise auf das Afrika Opportunity - Zertifikat der Landesbank Berlin verwiesen. Oder vielleicht legt man sein Geld lieber bei BP an – »selbst nach dem Weltuntergang wird diese Aktie steigen!«