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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:00

"Die Weissen kommen" von Helma Fries und Elke Schuster (Berliner Compagnie)

23.02.2011

»Spielen Sie mit und bleiben Sie Sieger!«

»Sie machen Kunst, die verstören und sich einmischen will, die sich als Akteur begreift und nicht nur als Zerstreuung ...« hieß es in der Laudatio zur Verleihung des Aachener Friedenspreises 2009 - nun hat sich die Berliner Compagnie (ein weiteres Mal) mit dem Thema Afrika auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist ein »Stück über Afrika. Ein Stück über uns.« Von WILFRIED HAPPEL

 

Heidemarie Wieczorek-Zeul, damals Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sagte bei den Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Herero-Aufstände am 14. August 2004 in Namibia, ehemals Deutsch-Südwestafrika:

 

Ich bin mir der Gräueltaten schmerzlich bewusst: Die deutschen Kolonialherren hatten Ende des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung von ihrem Land vertrieben. Als sich die Herero, als sich Ihre Vorfahren dagegen wehrten, führten die Truppen des General von Trotha gegen sie und die Nama einen Vernichtungskrieg. In seinem berüchtigten Schießbefehl hatte General von Trotha befohlen, jeden Herero zu erschießen – auch Frauen und Kinder nicht zu schonen. Die Schlacht am Waterberg 1904 endete damit, dass die Überlebenden in die Omaheke-Wüste getrieben, ihnen jeder Zugang zu Wasserstellen verwehrt wurde und sie verhungern und verdursten mussten. In der Folge der Aufstände wurden überlebende Herero, Nama und Damara in Lagern gefangengehalten und zu Zwangsarbeit gezwungen, deren Brutalität viele nicht überlebten.

 

Wieczorek-Zeul bat »im Sinne des gemeinsamen Vaterunser um Vergebung«. Das Schlüsselwort ist aber »Vernichtungskrieg« - wie sonst sollte man die Jahrhunderte lange, menschengemachte Katastrophe nennen, der ein gesamter Kontinent ausgesetzt ist?

 

Ein »Platz an der Sonne«

Im Berliner Hinterhof in der Muskauer Straße, dem Sitz der Berliner Compagnie, geht es anfangs zu wie in der Börse: Da ist seit Jahrhunderten eine Riesentorte namens Afrika zu verteilen, und die Kolonialmächte England, Frankreich, Belgien und Deutschland haben um die Stücke gepokert und auf dem Rücken der Ausgebeuteten ihre Machtpositionen  ausgebaut. »Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne«, sagt der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt Bernhard von Bülow im Reichstag. Der belgische König Leopold II. macht den Schwarzen weiß, dass die Weißen übernatürliche Kräfte haben. Diese übernatürlichen Kräfte bestehen allerdings rein darin, dass die »Gegner« in diesem Vernichtungskrieg als minderwertig herabgestuft werden, was bekanntlich das Massenmorden immens erleichtert. Das Resultat: 10 Millionen Tote allein im Kongo. Dahinter steht ein Konzept, das sich gegenüber anderen Konzepten als gnadenlos überlegen herausgestellt hat. Dieses Erfolgsrezept lautet: »Wir Europäer haben das Töten aus Distanz zu unserer Spezialität gemacht.«

 

Die Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus, aber auch die Gegenwart wird in Die Weissen kommen in einer Art Live-Computerspiel, aber auch mit den Mitteln des politischen Kabaretts, abgearbeitet. Angespornt vom Master of the Universe, einer mysteriösen sprechenden Lightshow, die an Michael Schanzes Kinderspektakel 1, 2 oder 3 erinnert, ertönen die Marktschreie: »Hohe Rendite!«, »Spekulieren Sie mit Nestlé!«

 

Günstig aufs Geschäft wirken sich z.B. die Saatgutgesetze aus, die afrikanischen Bauern untersagen, das eigene Saatgut zu verwenden, noch günstiger die schlimmste Hungerkatastrophe seit Jahrzehnten, in Ostafrika, wunderbar, beste Vorraussetzungen, dass alles im Grunde so bleibt, wie es war. Skrupel? Nein, danke. Denn schließlich: »Die Schwarzen kommen mit gestiegenen Preisen zurecht – vergessen Sie nicht den Gemeinschaftssinn der afrikanischen Großfamilie!«

 

Mitleid ist nicht angesagt: Afrika wird schon mit seiner Ausbeutung klarkommen, Afrika hat doch darin Erfahrung, und der Westen (also wir) darf sich in ruhigem Gewissen aalen, und wer’ s glaubt, wird vielleicht sogar selig: »Macht ist die wahre Entwicklungshilfe – Investieren Sie – gegen den Hunger!« Die Augenwischerei geht auf, endlich werden wieder Aktien verkauft, war da mal eine Weltfinanzkrise? Es geht wieder bergauf, wer mitspielen möchte, sei beispielsweise auf das Afrika Opportunity - Zertifikat der Landesbank Berlin verwiesen. Oder vielleicht legt man sein Geld lieber bei BP an – »selbst nach dem Weltuntergang wird diese Aktie steigen!«

 

Wahrnehmung der eigenen und der anderen Gefühle

Die Spieler der Berliner Compagnie, allesamt sind sie sich der politischen Relevanz ihrer Arbeit bewusst und widmen sich ihr mit Herz und Verstand: Natascha Menzel, Jean-Theo Jost, Dimo Wendt, H.G. Fries. Das Programmheft erläutert die Regeln:

 

Das Spiel beginnt mit weißen Tradern, Bankern, Kolonisatoren, Sklavenhändlern. Zug um Zug unterwerfen sie den schwarzen Kontinent. Auf ihrer Jagd nach immer größerem Gewinn kennen sie kein Gesetz. Diebstahl, Raub und Völkermord – fast alles ist erlaubt. Wer jedoch eine zentrale Spielregel verletzt, wird vom scheinbar allmächtigen Gamemaster aus dem bisherigen Spiel hinausgeworfen. Von einem Augenblick zum anderen ist er nicht mehr Weißer, sondern Schwarzer; kein Herr mehr, sondern Sklave, Rebell, Freiheitskämpfer.

 

Nach anfänglichen Identifikationsnöten mit den Unterdrückten entwickeln die Akteure zunehmend Freude am Aufstand. Die Berliner Compagnie findet in diesem Zusammenhang ein einleuchtendes, klärendes Bild: Ein Molltonlappen wird zurückgezogen und der Master of the Universe, bislang das nicht infrage gestellte Zentrum der Macht, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als läppisch  zusammengeschraubte Nebelmaschine. (Bühne: Wulf Jahn, Musik: Rudolf Stodola) Gleichsam im Moment der Aufklärung, wenn die Machtzentrale demontiert ist, wendet sich das Spiel auf wundersame Weise zugunsten der Opfer – zumindest in der Muskauer Straße. Denn das Theater im Kreuzberger Hinterhof macht nicht nur politisches Theater, sondern nimmt sich auch das Recht heraus, auf Erfolge des Befreiungskampfs hinzuweisen. Man gewinnt den Eindruck, dass, wenn in der Welt etwas sich zum Besseren gewendet hat, die Wahrnehmung der eigenen und der anderen Gefühle der Hauptakteur war. Sie ermöglicht Menschen auch die Unterscheidung zwischen Gerechtigkeit & Ungerechtigkeit. Den Opfern ist diese seit je schmerzlich bewusst.

 

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