Spontan aus Gewohnheit
Obwohl sie sich der Wissenschaftlichkeit entzieht, sobald man sie zum Gegenstand macht, hat der Jazzmusiker C.B.Davis den Versuch unternommen, das Wesen der Improvisation in einigen Parametern festzuhalten. Aus der Sicht des Improvisierenden sind dies folgende: »Steter Bezug auf ein als bekannt vorauszusetzendesVokabular an Zeichen; die Fähigkeit, kreativ zu sein, während man auf das Publikum und die Mitspielenden achtet; ein sozialer Raum, der Experimentelles und Spielerisches befördert; eine Verpflichtung darauf, Risiken einzugehen; und vielleicht am allerwichtigsten, das Abstellen eines inneren Monologs, das den schnellen Austausch spontaner Reaktionen und Ideen erst möglich macht.«
Was hier aus dem Free Jazz abgeleitet wurde, trifft, entsprechend umgemünzt, auch auf das Improvisationstheater zu. So bezieht sich ein Schauspieler natürlich nicht auf Noten, Tonlehre oder die Anordnung von Gitarrensaiten – seine Instrumente sind Gestik, Mimik und Sprache, die gleichermaßen Bekanntheit voraussetzen, um entschlüsselt und in einen ästhetischen Rahmen gestellt werden zu können. Und während ein Jazzmusiker beim Solieren in einen musikalischen Dialog mit seinen Mitmusikern – und gleichzeitig in ein stummes Zwiegespräch mit der Zuschauerschaft – tritt, versuchen die Schauspieler beim Improtheater eine Rolle auszufüllen, die sie spontan aus den Stichworten, die das Publikum beiträgt, generieren. Die Audienz wirkt in dieser Hinsicht aktiv bei der Aufführung mit, indem sie sozusagen den Rhythmus vorgibt, zu dem die Akteure ihre Soli spielen.
Indem die klare Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument auf diese Weise aufgehoben wird, haben sich demnach bei der Premiere in Würzburg nicht nur die Schauspieler zwischen frechem Volke bewegt – jeder der Anwesenden, egal ob auf der Bühne oder in den Rängen, war Teil des frechen Volkes. Schließlich kann man sich dem Prozess, der Improtheater befördert, nicht entziehen.
Die Nähe des Improvisationstheater zum Jazz tritt vor allem dann augenscheinlich hervor, wenn dem Ensemble ein Musiker angehört – wie auch bei Zwischen frechem Volke, bei dem ein Pianist mitwirkt. Die Wechselwirkung zwischen dem Musiker und den Schauspielern war bei der Premiere nicht zu übersehen – nicht selten scheint das spontane Spiel des Pianisten Einfluss auf das fortlaufende Spiel der Mimen genommen zu haben, und umgekehrt bezog das Klavierspiel direkt Stellung auf die jeweils aktuelle Situation des spontanen Schauspiels. Das gilt auch für den Beleuchter, dem ebenfalls eine aktive, wechselseitige Einflussnahme am Dargebotenen zuzusprechen ist und entsprechend in wesentlich höherem Umfang als bei einer »klassischen« Theateraufführung ein Teil des Ensembles ist – während man die Rolle des Regisseurs einer Improtheatertruppe durchaus in Frage stellen kann.