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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:00

Mainfrankentheater Würzburg: Premiere von "Zwischen frechem Volke"

20.02.2011

Jazz im Wort, in Blick und Geste

Mit Zwischen frechem Volke kehrt das Improvisationstheater dahin zurück, wo es ohnehin herkommt – auf die Bühnen großer Schauspielhäuser. Zumindest in Würzburg. Und unter der Voraussetzung, dass man improvisierte Theateraufführungen als in der Tradition der Commedia dell´arte stehend betrachtet. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Am 12.02.11 wurde in den Kammerspielen des Mainfrankentheaters Würzburg eine besondere Premiere gefeiert. Besonders, weil es sich bei dem aufgeführten Stück um eine improvisierte Inszenierung gehandelt hat; ein Novum für diese Bühne. Besonders aber auch aus dem Grund, weil der Zuschauer von Zwischen frechem Volke nicht nur bei der eigentlichen Premiere, sondern bei jeder der insgesamt 14 Darbietungen einer Uraufführung beiwohnt. Dies liegt eben in der Natur des Improvisationstheaters – es ist immer anders, da immer neu.

 

Eine Uraufführung - immer wieder auf´s Neue

Innerhalb des Kulturbetriebs rangiert das Improvisationstheater in etwa auf Augenhöhe mit dem Poetry Slam: Während Letzterer sich als so etwas wie der kleine Bruder des Versepos verhält (und sich oft auch entsprechend aufführt), dann ist das Improvisationstheater die Stiefschwester der Theaterfamilie, von deren Existenz diese erst vor Kurzen erfahren hat – und von ihr ein wenig misstrauisch, manchmal auch geringschätzend angeblickt wird.

 

Entsprechend sind die Austragungsorte von improvisierten Theateraufführungen eher die Bühnen von Jugendkulturzentren – wenn die Darbietungen nicht ohnehin, im Sinne der Abgrenzung, in öffentlichen Räumen wie Marktplätzen oder Waschsalons aufgeführt werden. Das Verlassen von »herkömmlichen« Aufführungsplätzen ist dabei fast schon eher die Regel als unüblich und soll den Charakter des Spontanen, Unvorhergesehen der jeweiligen Inszenierung unterstreichen. Immerhin findet Improvisation überall statt – und die Welt ist Bühne genug, wie wir nicht erst seit Marlene Dietrich wissen. Nicht nur das Stegreifspiel macht die Welt zu den Brettern, die die Welt bedeuten.

 

Spontan aus Gewohnheit

Obwohl sie sich der Wissenschaftlichkeit entzieht, sobald man sie zum Gegenstand macht, hat der Jazzmusiker C.B.Davis den Versuch unternommen, das Wesen der Improvisation in einigen Parametern festzuhalten. Aus der Sicht des Improvisierenden sind dies folgende: »Steter Bezug auf ein als bekannt vorauszusetzendesVokabular an Zeichen; die Fähigkeit, kreativ zu sein, während man auf das Publikum und die Mitspielenden achtet; ein sozialer Raum, der Experimentelles und Spielerisches befördert; eine Verpflichtung darauf, Risiken einzugehen; und vielleicht am allerwichtigsten, das Abstellen eines inneren Monologs, das den schnellen Austausch spontaner Reaktionen und Ideen erst möglich macht.«

 

Was hier aus dem Free Jazz abgeleitet wurde, trifft, entsprechend umgemünzt, auch auf das Improvisationstheater zu. So bezieht sich ein Schauspieler natürlich nicht auf Noten, Tonlehre oder die Anordnung von Gitarrensaiten – seine Instrumente sind Gestik, Mimik und Sprache, die gleichermaßen Bekanntheit voraussetzen, um entschlüsselt und in einen ästhetischen Rahmen gestellt werden zu können. Und während ein Jazzmusiker beim Solieren in einen musikalischen Dialog mit seinen Mitmusikern – und gleichzeitig in ein stummes Zwiegespräch mit der Zuschauerschaft – tritt, versuchen die Schauspieler beim Improtheater eine Rolle auszufüllen, die sie spontan aus den Stichworten, die das Publikum beiträgt, generieren. Die Audienz wirkt in dieser Hinsicht aktiv bei der Aufführung mit, indem sie sozusagen den Rhythmus vorgibt, zu dem die Akteure ihre Soli spielen.

 

Indem die klare Unterscheidung zwischen Produzent und Konsument auf diese Weise aufgehoben wird, haben sich demnach bei der Premiere in Würzburg nicht nur die Schauspieler zwischen frechem Volke bewegt – jeder der Anwesenden, egal ob auf der Bühne oder in den Rängen, war Teil des frechen Volkes. Schließlich kann man sich dem Prozess, der Improtheater befördert, nicht entziehen.

 

Die Nähe des Improvisationstheater zum Jazz tritt vor allem dann augenscheinlich hervor, wenn dem Ensemble ein Musiker angehört – wie auch bei Zwischen frechem Volke, bei dem ein Pianist mitwirkt. Die Wechselwirkung zwischen dem Musiker und den Schauspielern war bei der Premiere nicht zu übersehen – nicht selten scheint das spontane Spiel des Pianisten Einfluss auf das fortlaufende Spiel der Mimen genommen zu haben, und umgekehrt bezog das Klavierspiel direkt Stellung auf die jeweils aktuelle Situation des spontanen Schauspiels. Das gilt auch für den Beleuchter, dem ebenfalls eine aktive, wechselseitige Einflussnahme am Dargebotenen zuzusprechen ist und entsprechend in wesentlich höherem Umfang als bei einer »klassischen« Theateraufführung ein Teil des Ensembles ist – während man die Rolle des Regisseurs einer Improtheatertruppe durchaus in Frage stellen kann.

 

Experiment geglückt!(?)

Der Verpflichtung zur Risikobereitschaft schließlich verdankt ein improvisiertes Theaterstück seine großen Momente. Und dass ein innerer Monolog der geforderten Unmittelbarkeit im Weg stehen würde, kann wohl jeder erahnen. Bleibt noch der soziale Raum, der Experimentelles und Spielerisches befördert. Dies sind im Fall von Zwischen frechem Volke eben die Kammerspiele des Mainfrankentheaters. Dass bei der Premiere das Experiment, eine stimmige und stimmungsvolle Darbietung aus dem Stegreif zu inszenieren, geglückt ist, steht außer Frage. Die Entscheidung, ein improvisiertes Stück in das reguläre Programm des Mainfrankentheaters aufzunehmen, war allerdings gleichwohl ein Experiment. Auch dieses scheint geglückt, die Premiere war – natürlich, möchte man sagen – ausverkauft. Nun bleibt es abzuwarten, ob das Improvisationstheater auch auf lange Sicht auf den großen Bühnen Fuß fassen kann – in Würzburg wie auch anderswo.

 

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