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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:01

"Lametta" von Fitzgerald Kusz am Staatstheater Nürnberg

16.02.2011

Ausgestopft und abgefeiert

Noch vor Beginn der Vorstellung erklingt eine rührselige Weihnachtsschmonzette aus den Untiefen der deutschen Schlagerkultur hinter den überdimensionalen Lamettastreifen, die heute Abend den Vorhang der breiten Bühne der Nürnberger Kammerspiele bilden. Man ahnt bereits: es kommt ganz dick. Das Riesenlametta gleitet sanft zur Seite und gibt den Blick auf das Wohnzimmer des Sparkassenfilialleiters Werner frei, der mit geschlossenen Augen und Kopfhörern in seinem Fernsehsessel liegt ... Von NIKOLAUS STRUCK

 

Bühnen- und Kostümbildner Günter Hellweg hat ihm einen großzügigen hellen Laminatkasten einschließlich Fußboden gebaut, rechts und links zwei Türen und in der Mitte ein Abgang auf die Terrasse. Außer einer kleinen Kommode, in der sich diverse Alkoholvorräte befinden und einigen verstreut herumstehenden Polsterstühlen ist die Bühne leer - bis auf den unverzichtbaren Christbaum natürlich. Um den dösenden Werner herum (souverän über die gesamte Spielzeit: Heimo Essl) wuselt seine neue Freundin Babs (präsent und pointensicher: Nicola Lembach) und dekoriert den Baum für ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest. Sie ist vor kurzem bei Werner eingezogen, der mitten im Trennungsjahr von seiner Frau Rosi lebt. Was Babs nicht weiß, aber gleich erfahren muss: Rosi (sehr überzeugend: Adeline Schebesch) wird die beiden heute Abend ebenso beglücken wie Werners Mutter (wunderbar eigensinnig: Marion Schweizer) und sein Sohn Sebastian (routiniert: Philipp Niedersen), denn der Mann von der Sparkasse wünscht sich nichts sehnlicher als ein richtiges Familienfest samt Bescherung und klassischer Holzkrippe, und seine Mutter will das Altenheim nur verlassen, wenn ihre Noch-Schwiegertochter auch dabei ist.

 

Aber der Autor hält weitere Überraschungen für diesen fränkischen Weihnachtsabend bereit: Lutz, Prominentenanwalt und Ex-Mann von Babs (auf den Punkt: Michael Hochstrasser) möchte mit seiner Tochter Nora feiern (schön widerborstig: Maria Vogt), doch bei ihm zu Hause geht das nicht mehr. Natascha, seine neue Frau (gekonnt schräg: Ruth Macke) hat ihn rausgeworfen. Allerdings bereut sie ihre Tat bereits und taucht natürlich ebenfalls auf, um den inzwischen volltrunkenen Lutz wieder nach Hause zu holen. Man kann sich vorstellen, dass der Abend in dieser Patchworkgroßfamilie keinen erfreulichen Verlauf nimmt. Nachdem sein Sohn mit der Frau von Lutz offenbar das Fest auf seine Weise zu feiern gedenkt, verlässt den armen Werner nicht nur seine Babs samt Tochter und Ex-Mann, sondern auch Rosi, für die er immer noch Gefühle hegt. Zurück bleibt ein schiefer Weihnachtsbaum, die zerschlagene Krippe und seine störrische Mutter, die sich das Lametta am Baum erträumen muss. Denn heutzutage wird mit den titelgebenden Flimmerfäden nicht mehr dekoriert.

 

Kartoffelsalat für alle

Das Stück des Nürnberger Mundartdichters hat Potential, sowohl komisches als tragisches. Leider hat sich Regisseur Frank Behnke hauptsächlich für den puren Klamauk entschieden. Genauso dick wie die künstlichen Bäuche und Hinterteile der Darsteller trägt Behnke in allen Bereichen auf. Das erste Drittel der Inszenierung bekommt ordentlich Zuckerguss aus der Musikkonserve verpasst, der sich manchmal störend über die zänkischen Dialoge legt. Wenn einem eingeborenen Franken der antrainierte Dialekt der meisten Schauspieler zwar hier und da in den Ohren klingelt, so stört es doch weitaus mehr, dass sie unablässig zum Chargieren angehalten werden. Wie herrlich bösartig Lametta sein könnte, wenn man den Text ernst nimmt, wird dennoch immer wieder deutlich. Zum Beispiel, wenn Adeline Schebesch in einer kurzen knochentrockenen Rede den gesamten Ablauf einer soeben gescheiterten Beziehung zu einem fünfzehn Jahre jüngeren Mann Revue passieren lässt und so tut, als hätte sie damit keine Probleme. Später verschwindet sie in der Küche, macht Kartoffelsalat für alle und wird das meiste davon selber essen. Solche Erzählstränge gibt es einige, aber der ehemalige Nürnberger Chefdramaturg (er arbeitet inzwischen in Hamburg) spürt ihnen in seiner Abschiedsinszenierung kaum nach. Stattdessen sucht er immer wieder den schnellen Lacher.

 

Als Lutz seinen neuen Saufkumpan Werner über die drohenden Kosten einer Scheidung aufklärt, was den Sparkassenmenschen ziemlich schnell an seinem neuen Glück zweifeln lässt, wird diese treffsichere Bloßstellung profaner Lebensentwürfe mit überflüssiger Beingymnastik der Darsteller verschlenkert. Im Gedächtnis bleibt auch Marion Schweizers traurig-sehnsüchtiger Blick auf den lamettafreien Christbaum am Ende der Aufführung. Von hinten tritt langsam ihr Sohn an sie heran, der mehr als nur einen schönen Abend verloren hat. Dass er den Impuls verspürt, seine ständig destruktiv nörgelnde Mutter ein bisschen zu würgen, kann man sich schon vorstellen. Aber muss Heimo Essl es zeigen, indem er mit den Augen rollt und seine Hände wie Klauen auf- und zuschnappen lässt? Dem Schauspieler stehen sicher subtilere Mittel zur Verfügung.

 

Fazit: Fitzgerald Kusz hat eine neue, runde fränkische Komödie geschrieben, die, abgesehen von ein paar etwas flachen Witzen und der einen oder anderen ziemlich derben Situation, durchaus scharfsinnig das Familienleben in der Gesellschaft des angehenden Jahrtausends aufs Korn nimmt. Es wäre schön, wenn sich ein Regisseur fände, dem dazu mehr einfällt als ausgestopfte Körperteile und aufgesetzter Slapstick.

 

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