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Freitag, 25. Mai 2012 | 14:01

Schauspiel Frankfurt - Jean Cocteau: Orphée (deutschsprachige Erstaufführung)

20.02.2011

So schön wie ein Regenbogen

Wer den Film Orphée von Cocteau aus dem Jahr 1950 kennt, kennt die Geschichte, die Regisseur Michael Simon am Schauspiel Frankfurt für das Theater zu bearbeiten und einzurichten hatte. Diese Geschichte hat ihren Ursprung im antiken Orpheus-Mythos. Von HARTFRIED KASCHMIEDER

 

In der Erzählung von Orpheus, dem Sänger aus Thrakien, dessen Gesang Tiere verzaubert, Felsen zum Weinen bringt und Bäume versetzt. Orpheus vernachlässigt vor lauter Musik und Poesie seine Frau Eurydike. Am Hochzeitstag wird sie von einer Schlange gebissen und stirbt. Daraufhin steigt der verzweifelte Orpheus hinab in die Unterwelt, betört mit seinem Gesang die Herrscher der Finsternis und erreicht, dass er Eurydike wieder zurück zu den Lebenden führen darf. Allerdings nur unter einer Bedingung: solange sie noch in der Unterwelt sind, darf er Eurydike nicht anschauen.

 

An der Grenze zwischen Licht und Finsternis verstößt Orpheus gegen dieses Gebot. Jetzt ist Eurydike unwiderruflich für immer verloren. Cocteau interessiert hieran das Geheimnis von Liebe, Dichtung und Tod. Der unglücklich verliebte Dichter, dessen Poesie scheinbar übermenschliche Macht verleiht, scheitert mit seiner Kunst, weil sie allein auf sich gestellt ohne Einfluss bleibt.

 

Orpheus in der Künstlerszene

Cocteau verlegt die Geschichte aus dem antiken Thrakien in die Pariser Künstlerszene der Jahre 1948/49. Der junge und sehr erfolgreiche Dichter Orphée durchlebt gerade eine künstlerische Krise. Seine Kollegen versagen ihm die Anerkennung. Sie schätzen den ebenfalls jungen, aber unbekannten Cégeste. Bei einem Besuch im Literatencafé trifft Orphée auf den völlig betrunkenen Cégeste. Er wird von einer geheimnisvollen Dame, der Prinzessin, begleitet. Beide Dichter geraten in Streit. Schließlich läuft Cégeste auf die Straße und wird in einen mysteriösen Unfall verwickelt. Damit beginnt das Mysterium.

 

Orphée erlebt im Haus der Prinzessin, wie der tote Cégeste von ihr auferweckt wird, wie er auf ihre Frage: »Wer bin ich?«, antwortet: »Du bist mein Tod«, wie er sich ihr völlig unterwirft und wie er mit ihr in einem Spiegel verschwindet. Nur der Fahrer der Prinzessin, Heurtebise, bleibt zurück und bringt Orphée nach Haus. Im Autoradio vernimmt der Dichter Botschaften, die nirgendwo sonst zu hören sind und die ihm wie Poesie in höchster Vollendung erscheinen.

 

Ohne Interesse an seiner schwangeren Frau, Eurydice, verfällt er zusehends den Radiobotschaften. Diese Botschaften, die Gedichte von Cégeste sind, kommen aus dem Jenseits. Nur die Prinzessin kann sie schicken. Sie ist der Tod und sie hat sich in Orphée verliebt, wie sich Orphée in sie verliebt hat. Nun stirbt Eurydice durch einen Unfall. Heurtebise überredet Orphée lebend mit ihm in die Unterwelt hinabzusteigen, um Eurydice zu retten. Wieder zurück im Diesseits ist es Orphée verboten, Eurydice anzuschauen.

 

Obwohl Heurtebise Orphée beständig an das Verbot erinnert, passiert das Unvermeidliche: Am Autoradio sitzend erblickt Orphée Eurydice im Rückspiegel. Sie ist auf der Stelle tot. Orphée erschießt sich. Aber das ist nicht das Ende von Eurydice und Orphée. Die Prinzessin verstößt aus Liebe zu Orphée gegen die Gesetze der Unterwelt und bringt sich damit als Opfer dar. Eurydice und Orphée erwachen glücklich in ihrem Bett im Diesseits.

 

Der Tod ist der große Magier dieses Stücks. Eurydice sagt über diese Geheimnisse und irrationalen Mächte:

 

So grauenvoll wie ein Unfall und so schön wie ein Regenbogen.


Der Dichter, der in seiner Arbeit dem Tod ganz hingegeben sein muss, bezwingt, durch die Selbstopferung des Todes aus Liebe, den Tod und wird unsterblich. Die Poesie aber bleibt ein Reich der Schatten, die verführerisch um die Wirklichkeit herumtanzen.

 

Schlafwandler

In Frankfurt spielt das Ganze auf einer Treppe mit gut hüfthohen Stufen, die bis unter die Decke reicht. Sie ist, wie der ebene Bühnenbildhimmel über den Zuschauern, mit einer Art farbenfrohem Action Painting bemalt. Die Intensität der Farben und der abstrakte Malstil verleihen dem Raum eine ganz eigene poetische Kraft. Auf den Stufen lässt Simon zunächst seine Protagonisten wie in einer Revue aus Tafeln, die einen Stern, Augen, Nasenflügel und Mund zeigen, ein Gesicht bilden und in einem Chor aus Drei- und Vier-Personen-Polonaisen den Unfall von Cégeste und die anschließende Autofahrt des Orphée mit allen erdenklichen Geräuschen nachahmen.

 

Viktor Tremmel gibt hier den weichen Dichter. Ein großes Kind, das von der Poesie träumt. Ein Dichter, der über ein »es schreibt aus mir« mehr staunt, als über ein »ich kann nicht mehr dichten« verzweifelt. Von der existenziellen Schaffenskrise, die Cocteau seiner Figur zuschreibt, bleibt bei Tremmel nicht viel übrig. Er wirkt eher wie ein Schlafwandler, wie einer, der in einer anderen Sphäre schwebt und dessen Naivität ihn beständig staunen lässt. Was aber an den komischen und träumerischen Stellen des Stücks, die reichlich vorhanden sind, zusammen mit den Choreinlagen bzw. dem Sprechgesang zu gelungen Bildern führt.

 

Orphée vor dem Richter in der Unterwelt

Richter: Treten sie näher.

Orphée: Ich?

R: Beruf?

O: Dichter.

R: In der Kartei steht Schriftsteller.

O: Das ist fast dasselbe.

R: Hier gibt es kein fast. Wen nennen sie einen Dichter?

O: Jemanden, der schreibt, ohne Schriftsteller zu sein.

 

Eine Unterwelt à la Dante

In dieser Haltung erlebt er den Tod des Cégeste und sein Verschwinden im Spiegel, staunt über die erste Begegnung mit der Prinzessin und träumt sich am Autoradio davon. Eurydice (Nicola Gründel) nimmt er gar nicht wahr.

 

Gründel, im kurzen Röckchen, mit schwarzen Hotpants und Trikot mit Riemenverzierung, gelingt es in ihren Solotanzpassagen wunderbar, eine zweite Ausdrucksebene zu öffnen. Daneben gibt sie als Schauspielerin überzeugend die treue, junge, innig liebende und besorgte Ehefrau. Als sie Orphée mit allerlei Andeutung auf ihre Schwangerschaft aufmerksam machen möchte und dicht an ihn heranrückt, kreist er völlig gedankenverloren in der Welt der Radiogedichte.

 

Kurz darauf stirbt Eurydice und gerät unter die Herrschaft der Prinzessin (Julika Jenkins). Jenkins, im schwarzen Lederoutfit mit kleinen hellen Engelsflügeln, kreidebleichem Gesicht und brünett-rötlicher Hochfrisur, mal mit flachen, mal mit hohen Schuhen bekleidet, erweckt Eurydice mit den Worten, mit denen sie alle zuvor erweckt hat:

 

Prinzessin: Wer bin ich?

Eurydice: Mein Tod.

P: Sie gehören jetzt einer anderen Welt an.

E: Ich gehöre jetzt einer anderen Welt an

P: Sie gehorchen meinen Befehlen.

E: Ich gehorche ihren Befehlen.

P: Was immer ich verlange?

E: Was immer sie verlangen.

 

Dann, ein Einfall der Regie, stößt die Prinzessin Eurydice wie eine launische Zicke von sich weg. Hier fehlt ihr die nüchterne Distanziertheit und kühle Grabeskälte des Todes. Der Tod der Julika Jenkins hat eine sehr menschliche Seite, die das Jenseitige viel zu stark überblendet. Nach dem Tod von Eurydice reißt die Treppe auf und gibt den Blick frei auf eine kalte, neblig dampfende Höhle. Eine Unterwelt à la Dante.

 

Jean Cocteau Jean Cocteau

Die Kräfte der Finsternis behalten die Oberhand

Heurtebise (Torben Kessler), ein Todesengel ohne Flügel, ganz in schwarz, mit weißem Hemd und schwarzen Kreisen um die Augen herum, steigt mit Orphée zusammen hinab in dieses Reich. Alle treten vor den allmächtigen Richter der Unterwelt. Roland Blezinger, im gedeckten Anzug, mit weißem Gehstock und graumelliertem Haar, gibt ihn kühl, entschieden und souverän. Er duldet keine Fragen, keine Gefühle, keinen Widerspruch und keine Zufälligkeiten. Sein Urteil entlässt Eurydice und Orphée in die Oberwelt.

 

Heurtebise darf Orphée und Eurydice begleiten. Wenig später erblickt Orphée Eurydice im Rückspiegel. Sie ist sofort tot. Orphée erschießt sich. Damit endet die Aufführung. Simon hat das Ende gestrichen: den erneuten Abstieg in das Reich des Todes, die Selbstopferung der Prinzessin und das Wiedererwachen von Eurydice und Orphée in ihrem Bett mit dem Neugeborenen. In Frankfurt behalten die Kräfte der Finsternis die Oberhand, und die Poesie begegnet keiner verführerischen Liebe, die sie von Ewigkeit träumen lässt. Ihr Zauber bleibt an diesem Abend ganz endlich, verführerisch ist er trotzdem.

 

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